fabula vaporis – Kap. 26

Die sieben Kinder schlenderten durch die Straßen der Stadt und die dort lebenden Leute gingen ihren Geschäften nach. Andere musste arbeiten, wieder andere hatten Besorgungen zu erledigen oder wollten einfach nur der stickigen Luft in ihrem Haus entkommen. Der Einstieg in die Kanalisation folgte über den Kanaldeckel auf dem Platz, wo auch schon Jesse, Carry und Josh eingestiegen waren, und dann Lionel und den nun toten Askar getroffen hatten. Acia war die letzte, die die Leiter hinabstieg und schob den Kanaldeckel wieder auf seinen Platz. Dann kletterten die sieben Kinder die Leiter hinab und landeten auf der Plattform, die von der stinkenden Brühe umflossen wurde. Der Wegweiser war immer noch in der Wand versenkt und die kupfernen Zeichen waren in dem dämmrigen Licht kaum zu entziffern. Nur Acia konnte, da sie den vierten Rezeptor auf der Netzhaut besaß, die kupfernen Zeichen mühelos entziffern; da machte das dämmrige Licht überhaupt nichts.

i: Tafel     →: Richtung passierbar     a: Achtung     w: Wasserfall     x: Sichtigkeit

vt: verbotener Teil

„Und?“, fragte Josh mit Stolz, der unüberhörbar in seiner Stimme mitschwang. „Und wo müssen wir jetzt lang?“, fragte Dillion beiläufig. „Wir kommen hier sicher nicht weg.“ – „Doch“, erwiderte Carry und deutete auf das Rohr, das über der Plattform hinwegführte. „Wir müssen klettern.“ – „Muss das sein?“, fragte Caitlin düster, da sie nicht besonders begabt im Klettern war. Auch Jason war nicht überzeugt. „Wo soll ich meinen Computer hintun? Wenn er ins Wasser fällt…“
„Wie wollen wir dann auf die andere Seite kommen?“, fragte Jesse sichtlich entrüstet, sah aber, dass sein Bruder schon nachdachte.
„Vielleicht gar nicht…“, murmelte Josh, aber sagte nichts weiter. vt, x, a, Pfeil nach rechts… Das muss ja keine Wegbeschreibung sein…, dachte Josh und überlegte, was passieren könnte, wenn er jetzt einfach seinem Bauchgefühl folgen würde. Aber er dachte nicht, sondern drückte einfach die Zeichen vt, x, a und → nach unten. Zu seiner Verwunderung klappte es.

Als Josh das getan hatte, rumpelte es laut und die Plattform versank langsam im Boden. Wäre da nicht die Mauer gewesen, die einen senkrechten Schacht bildete, sodass die Plattform nur der Stopfen war, wäre das ekelige Wasser sicher den sieben Kindern gefolgt. Eins störte Josh. Warum war es gerade diese Tafel gewesen? Auch jede andere Kupfertafel in der Kanalisation hätte den ebnen können. Am Boden angekommen, stoppte die Plattform, nachdem sie sich im Boden versenkt hatte,  und rechts und links von den sieben Kindern erstreckte sich ein finsterer, langer Tunnel.

Jones hatte alles verfolgt und gewartet, dass sich die Kinder von dieser Plattform herunterbewegen würden. Er hatte sich an die Leiter geklammert und eine gute Sicht auf die Kinder gehabt. Nun ließ er die Leiter einfach los und bremste ab, als er seine Füße auf die Mauer stellte, die den Schacht umgab. Dann bückte er sich, hielt sich mit den Händen fest und ließ die Füße in den vertikalen Schacht baumeln. Nun drückte er die Fußgelenke fest an die Wand und zog seine Hände nach unten. Diese presste er wieder an die Mauer und ließ den Druck auf die Füße abebben. Seine Füße streckte der Mann weiter in die Tiefe und presste sie an die kalte, feuchte Mauer. Anschließend zog er, nachdem der Druck auf die Füße gelagert worden war, die Hände nach und presste sie gegen die Wand. Diese Methode war langsam, jedoch sehr zuverlässig. Aber das waren Jones‘ Methoden sowieso alle. Langsam kletterte er den Schachte hinunter. Und als er unten war, waren die Controller längst verschwunden. In welche Richtung, würde ihm sein Auge verraten. Er blinzelte einmal, dann konnte er auch mit seinem vierten Rezeptor Licht empfangen. Das war zwar herzlich wenig, aber Jones erkannte auf dem mit Matsch überlagerten Steinboden die Fußabdrücke der Kinder, die sich in die eine Richtung bewegten – nach rechts in die Finsternis hinein.

„Müssen wir noch weitergehen?“, maulte Dillion, dem die Füße weh taten von der Lauferei. Die sieben Kinder liefen Jason hinterher, der in diesen Tunnel nach dem Plan im Computer ging. Caitlin stiefelte neben Jason den gepflasterten Weg entlang und hatte den dreidimensionalen Plan vor ihrem inneren Auge. An einer Stelle war für Caitlin ein blau pulsierender Punkt zu sehen, den sie versuchte zu finden. Und die anderen mussten ihr und Jason zwangsläufig hintergehen, damit sie sich nicht verirrten. Es war zwar dunkel, aber der Plan, den Caitlin im Kopf und Jason auf dem Bildschirm hatten, war so genau, dass sie gegen keine Wand oder Ecke krachten. „Es ist nicht mehr weit“, erwiderte Jason genervt, zumal Dillion diese Frage zum gefühlten dreihundert Mal stellte. „Quatscht mal nicht da vorne, sondern geht mal weiter!“, wies Acia Dillion, Jason und Caitlin an, die vor ihr durch die Finsternis gingen. Jesse, Carry und Josh gingen zuletzt. Da Jesse ganz hinten war, bemerkte er in regelmäßigen Abständen ein Geräusch, das arg nach Schritten einer weiteren Person klang. Er sagte jedoch nichts, da er sich sicher war, dass da keiner sein konnte. Nicht einmal dieser verrückte Jones konnte sich hinter ihnen befinden, er war in die Tiefe gestürzt und wahrscheinlich gestorben…

     Wahrscheinlich…

Was, wenn er doch noch lebte? Und ihnen auf den Fersen war? Jesse schüttelte entschlossen den Kopf und konzentrierte sich darauf, nicht den Anschluss an die anderen zu verlieren. Abrupt stoppte Carry, die vor Jesse ging. Der Junge lief geradewegs in das Mädchen hinein und schob sie noch ein paar Zentimeter weiter, bevor sie sich beschwerte. „Sei vorsichtig!“, murmelte Carry und zog Jesse neben sich. Dann drängten die beiden sich neben Josh. Alle Anwesenden versuchten sich um die Mauer zu drängen, die vor ihnen lag. „Und jetzt?“, fragte Josh als erster. „Jetzt müssen wir diese Wand wegschaffen“, murmelte Caitlin. „Dahinter ist zumindest die Quelle des blauen Leuchtens.“
„Und wie bekommen wir die Wand weg?“, fragte Dillion blöde, da er immer müder wurde.
„Gute Frage.“ Acia kratze sich am Kopf und drehte den Kopf in beide Richtungen, um die Anwesenheit der anderen zu prüfen. Sie konnte mit Hilfe des vierten Rezeptors in ihren Augen die Konturen in den dunklen Tunneln noch recht gut erkennen und blickte nun die Wand, die vor den sieben Kindern den Weg versperrte, etwas eindringender an. „Ich lach mich krank“, murmelte sie schließlich und lachte laut auf. Dann tat sie einen Schritt nach vorne und durch die Wand. „Kommt ihr?“, fragte sie tonlos. Die anderen staunten. Konnte Acia seit neustem durch Wände marschieren? „W… Wie… räum‘ ich?“, fragte Dillion sichtlich irritiert. Den anderen fünf ging es nicht anders, weshalb Acia von der anderen Seite der Mauer eine gut hörbare Erklärung abgab. „Das ist keine echte Wand. Eine Illusion. Und jetzt kommt endlich!“

„Und woher wusstest du das?“, fragte Jesse, der sich nicht ganz sicher war, ob er Acias Erklärung Glauben schenken sollte. Aber dann wurde er auch schon von Carry mitgerissen, die durch die Wand trat und ihm am Arm mitgezerrt hatte. Erst, als alle durch die Mauer gegangen waren, beantwortete Acia Jesse‘ Frage. „Tetrachromat“, sagte sie. „Was?“, fragte Jesse zurück.
„Ich bin ein Tetrachromat. Das sind Leute, die einen vierten Rezeptor im Auge haben. Und damit kann ich eine echte Wand gut von einer falschen inszenierten Wand unterscheiden…“ – „Aber…“ Jesse wusste nicht, was er sagen sollte. „Ja, Tetrachromten sind sehr ungewöhnlich und ich kann das auch nur wegen meinem Crossing Over-Phänomen“, erwiderte Acia beiläufig, beinahe genervt, ehe sie Jason und Caitlin anwies, die Gruppe weiterzuführen. In diesem Teil der Kanalisation war es nicht mehr ganz so dunkel und man konnte nun die Konturen der Wände und Vordermänner erahnen. Mit jedem Schritt wurde es heller. Und als es ganz hell war, standen die sieben Kinder einer blauleuchtenden Kugel gegenüber. Und hinter ihnen räusperte sich eine Stimme, deren Besitzer ihnen die ganze Zeit gefolgt war.

* * *

Arkanum des Feuers              Jenseits der Gondel

Arkanum des Wassers            Ende der Schächte

Arkanum der Luft                   Südliches Eisgebirge

Arkanum der Erde                 Mausoleum der Ragami

Themma brütete über den dreiundzwanzig Wörtern, die sie aufgeschrieben hatte. So hatte Locor Narcana ihr das mit den vier Arkana erklärt. Und schließlich hatte sich alles gegen sie gewendet. Locor sollte für Themma eine unglaubliche Uhr anfertigen. Und dann hatte er sie, als er erfahren hatte, was Themma Tighhoor damit vorhatte, in vier Teile gespalten – eins für jedes Element. Und dann hatte er Themma nur die Wegbeschreibung gegeben, wofür er seinen Kopf verloren hatte. Eben erst war ihr wieder eingefallen, wie diese Wegbeschreibung gelautet hatte. Schließlich hatte sie einfach Jones beauftragen müssen, die vier Arkana zu finden, damit sie, Themma, Locor aus dem Jenseits holen und ihm dann seinen Willen aufzwingen konnte. Aber dafür benötigte sie erst einmal die vier Gegenstände.

     Einen hatten die ihr verhassten Controller.

     Und bald hatte sie zwei Stück, wenn Jones alles gut machte. Und sie ebenfalls.

Es hatte ewig gedauert, bis Themma die Orte der Arkana entschlüsselt hatte, aber dafür war ja das Deduktionsprogramm gewesen. Hätten die Controller ihr doch nicht due Festplatte geraubt… Sie wurde wütend. Ihr Gesicht verzerrte sich zu einer merkwürdig harten und reglosen Grimasse. Dann legte sie den Block und den Stift auf den Tisch vor ihr und klatschte in die Hände. Locor, dachte sie, ich finde dich… Und dann kannst du dich nicht mit einem Suizid flüchten… Dafür sorge ich. Mit gemischten Gefühlen erhob sie sich und trat an die Fensterscheibe, die sich langsam drehte, je näher die Kanzlerin kam. Die einzelnen Metallstreben, die ein spinnennetzartiges Gerüst für das Glas bildeten, wirbelten sich durch den transparenten Quarz. Dann trat Themma hindurch und verschwand aus dem Luftschiff. Sie machte nicht gerne Gebrauch von ihren Fähigkeiten, die sie selber erlangt hatte, als ein Versuch gescheitert war. Immerhin konnte sie jetzt Gegenstände und Elemente mit einem einfachen Klang verändern, zum Schwingen bringen oder sie in Flammen, Wasser, Erde oder Luft aufgehen lassen.

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