fabula vaporis – Kap. 19

Nach dem die drei volle Mitglieder der Controller geworden waren, wollten sie nach Hause gehen. Die Woche war so anstrengend wie nie gewesen. „Kommt ihr?“, fragte Carry. Die drei hatten sich von Acia und den anderen verabschiedet und wollten Morgen nach der Schule wieder erscheinen. Natürlich vernachlässigten die beiden Jungen und das Mädchen nicht Cerydwen Pizarro, die im Bett lag und nichts machen konnte. Die drei hatten gerade das Tor der Fabrikhalle hinter sich gelassen, da schlug sich Josh mit der flachen Hand an die Stirn. „Mist“, fluchte er. „Wir haben uns doch zur Schienenverlegarbeit angemeldet… Wir hätten längst dort sein sollen!“ – „Oh“, sagte Jesse nur. „Aber wenn ich ehrlich bin, habe ich keine Lust mehr dazu.“

„Ich auch nicht. Es muss trotzdem sein.“

„Jungs. Geht heute mal nicht dahin. Lasst euch eine geistreiche Ausrede einfallen, dann müsst ihr’s halt nächste Woche machen“, mischte sich Carry ein. „Kommt jetzt.“ Mit einem schlechten Gewissen folgten die beiden Jungen dem rothaarigen Mädchen und verabschiedeten sich erst im Treppenhaus des Mehrfamilienhauses. Carry schloss die Wohnungstür auf und trat in den Hausflur. Die beiden Jungen mussten noch zwei Stockwerke weitergehen, ehe sie sich im Hausflur die Schuhe auszogen und dann ins Arbeitszimmer gingen. Dieses grenzte direkt an das Schlafzimmer ihrer Mutter an, sodass sie die Zwischentür offen ließen, damit sie einen Blick auf die schlafende Cerydwen hatten. „Mach mal den Rechner an“, murmelte Josh. Jesse drückte einen Knopf und der Computer sprang an. Während der andere zum Fenster ging und es öffnete, damit die nicht ganz so kalte Nachtluft das wenig genutzte Zimmer durchlüftete, schaltete er den Bildschirm an. „Wo hast du Festplatte noch gleich hingetan?“, fragte Josh und sah Jesse an. Dem letzteren Jungen gingen die Erinnerungen noch einmal durch den Kopf, ehe er antwortete.

Themma redete ununterbrochen. Jesse schob langsam den Riegel zurück, der die Festplatte in ihrer Verankerung an den Laptop hielt. Nein! Erst musste er noch die Computer ausschalten, ehe er das Speichermedium entfernen konnte. Er drückte vorsichtig den Ausschalter am Laptoprand. Dann schob er den Riegel gesamt zurück und machte Acia darauf aufmerksam. Sie hatte verstanden. Die anderen wohl auch, denn in diesem Augenblick ließ Jesse den Laptop auf den Boden fallen und er zersprang in seine Einzelteile. Dann: Flucht. Und die Festplatte ganz eng an den Körper gepresst. Hatte Themma etwas bemerkt? Hoffentlich nicht. Jesse betete, dass die acht den Ausgang noch erreichen würden, ehe Themma ihn einholen würde und die Festplatte wieder an sich nehmen konnte. Aber hatte Jesse auch Recht gehabt? Oder hatte der Computer womöglich zwei Festplatten gehabt und er hatte die Falsche entfernt? Nein, das konnte nicht sein. Dazu war der Computer zu klein gewesen. Na schön. Sie waren auf dem Dach gelandet…

„Ich hab sie hier auf den Schreibtisch gelegt“, antwortete Jesse.

„Und wo auf den Schreibtisch?“, fragte Josh.

Währenddessen lachte Dillion auf dem Dachfirst in sich hinein und machte sich wieder auf den Rückweg in die Fabrikhalle. Dort wartete schon seine Auftraggeberin, die die Festplatte sehnsüchtig erwartete. „Und?“, fragte Acia. „Kannst du das entschlüsseln?“
„Könnte schwierig werden“, gab Jason zu und starrte das Durcheinander auf dem Bildschirm an. Die Festplatte stand neben dem Computer – sie war mir zwei Kabeln angeschlossen – und blinkte vergnügt mit ihrer Kontrolllampe, die Jason ihr verpasst hatte. „Aber versuchen werde ich es auf jeden Fall“, gab er zurück und machte sich an die Arbeit. Bisher hatte er jede Verschlüsselung knacken können. Und wenn er dafür stundenlang ein Programm hatte schreiben müssen.

Jason Canaan, der Sohn von Ravenna, wie er immer genannt wurde, entwickelte schon in frühen Jahren ein Faible für Computer und dergleichen. Den Beinamen Ravenna hatte ihm Lennox Mardira gegeben, ein alter Freund der Familie von Jason. Ravenna, die Stadt der Künste. Und Jason kannte die Kunst, mit Computern umzugehen und sie nach seinem Geschmack umzuprogrammieren. Schnell entwickelte er erste Fertigkeiten in der Programmiersprache C und schrieb erste Programme. Sein größtes Projekt, das immer noch nicht ausgereift ist, ist sein Algorithmusprogramm, das einen Sourcecode erzeugt, der in ein Development Studio eingefügt werden kann und dann ein fertiges Programm entwickelt, dass auf DOS-Ebene läuft. Für Lennox schrieb Jason Verwaltungsprogramme, damit dieser seinen Computerladen auf Vordermann halten konnte. Und das ein oder andere Programm lockte auch schon mal Kunden an. In Kürze hatte Jason seine Familie zu Wohlstand gebracht; seine Programme verkauften sich gut. Allerdings hatten sie mal den ein oder anderen Fehler, der aber nicht schwerwiegend war und mit einem Update via Internet wieder behoben werden konnte. Eines Tages hatte Jason aber die Nase voll. Von der Schule und der fehlenden Gerechtigkeit ganz zu schweigen. Er packte seine Sachen und kletterte bei Nacht und Nebel aus dem Fenster. Die erste Bleibe erhielt er bei den Controllern und dort blieb er auch, weil er hier sein Talent in die Gerechtigkeit stecken konnte.

 Acia war derweil zu Dillion zurückgetreten und dankte ihm: „Danke. Du kannst dich jetzt schlafen legen.“ – „Gern“, gab Dillion zurück und ging aus dem Raum heraus. Dann suchte er sein Zimmer auf und ging in das dortige Badezimmer. Nach einer ausgiebigen Dusche legte er sich ins Bett und schlief mit einem Lächeln auf dem Gesicht ein. Vielleicht war es ja doch nicht so schlimm, dass sein Vater ein Dieb und Killer war. Irgendwo floss das Blut von seinem Vater bestimmt, da war sich Dillion sicher, denn sonst hätte er kaum unbemerkt die Festplatte vom Schreibtisch der Pizarros klauen können – und das in Acias Auftrag. Wo das Mädchen den drei Neuen doch so ziemlich alles anvertraute und ihnen auch alles zutraute. Im positiven Sinne zumindest. Acia Merchant saß noch lange neben Jason und sah im zu. Er hatte schon ein paar Dateien entschlüsseln können, aber das System hatte er noch nicht herausgefunden. „Acia“, sagte Jason schließlich über den Bildschirm gebeugt. „Geh ins Bett. Ich schaffe das schon.“ Müde sah Acia Jason an, dann stand das Mädchen auf, wünschte eine gute Nacht und verschwand aus dem Zimmer. Dann ging sie in ihr eigenes und schloss die Tür hinter sich. Müde, wie sie war, legte sie sich ohne Umschweife sofort ins Bett und sogleich nagten an ihr auch schon Zweifel. War es richtig gewesen, den beiden Pizarros die Festplatte dann doch zu entwenden? Oder hätte sie die beiden damit beauftragen sollen, den Inhalt der Festplatte zu dekodieren?

Acia war sich unschlüssig und richtete sich wieder auf. Das war die Lösung! Sie sprang auf und lief in Jasons Zimmer. Der saß immer noch am Computer und versuchte, die Dateien zu dekodieren. „Mach mal eine Kommandozeile auf und gib da C-O-N-T-R-O-L-L-E-R ein!“, murmelte Acia und fiel Jason in die Arme. Sie war eingeschlafen und der verdutze Junge legte das Mädchen in sein Bett. Dann ging er wieder zum Computer, öffnete mit ein paar Tastaturdrücken eine Kommandozeile und gab C-O-N-T-R-O-L-L-E-R dort ein. Dann drückte er Return und wartete kaum mehr als eine halbe Sekunde. „Das war nun wirklich einfach“, schalt sich Jason und schloss eine zweite Festplatte an, die er noch in einem Regal stehen hatte. Dann kopierte er alle entschlüsselten Dateien auf das neue Speichermedium. Das konnte nun doch eine Weile dauern.

Er stand auf, kletterte eine Leiter, die an der Wand befestigt war, nach oben und legte sich in das höher gelegene Bett, denn er hatte ein Hochbett im Zimmer stehen. Acia lag unten, er hatte sie nach oben gelegt und war sofort eingeschlafen.

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