fabula vaporis – Kap. 7

Das Endergebnis ist: Wir wissen erstaunlich wenig, und doch ist es erstaunlich, dass wir überhaupt so viel wissen; und noch erstaunlicher, dass so wenig Wissen uns so viel Macht geben kann.

Bertrand Russel

Josh hatte sich ein wenig in der Zeit verplant. Es war bereits 11:13 Uhr, als die drei aus der Bibliothek hinausgehen konnten. Sie mussten die Kupfertafeln bei Mrs Carvan abgeben, die daraufhin sorgfältig überprüfte, wie die Aufgaben der Kinder aussahen, indem sie sich einfach die Hefte vorlegen ließ. Dann setzte sie ihr Zeichen darunter und entließ die drei. „Was sollen wir machen?“, fragte Jesse und blickte seinen Bruder Josh und Carry an. Sie hatten das Äußere Ostviertel hinter sich gelassen und passierten die Brücke, die ins Äußere Südviertel führte. „Wie wäre es mit essen. Ich habe einen Bärenhunger!“, entschied Josh und marschierte voran. Manchmal ärgerte es den Jungen, dass sie immer häuslich Essen mussten, da ihre Mutter krank war, aber er konnte nun wirklich nichts dagegen tun. Am Wochenende hatten sich die beiden für die Schienenverlegearbeit im Inneren Südviertel angemeldet, damit wenigstens etwas Geld in die Haushaltskasse floss.

Eine halbe Stunde später waren sie am Vierfamilienhaus angekommen und Carry sperrte die Tür auf. Da der Vater des Mädchens nur halbtags arbeitete, wartete auf Carry und die beiden Jungen ein leckeres Mittagessen. Als Josh fertig war, bot er an, seiner Mutter das Mittagessen hinaufzubringen. Ein allgemeines „Ja“ war die Antwort. Josh legte einen Teller auf ein Tablett und gab ein brutzelndes Stück Fleisch auf das weißlasierte Porzellan. Er betrat den Flur der Wohnung und öffnete die Haustür. Dann trat er in das Treppenhaus, ließ die Tür leise ins Schloss fallen und stieg die Stufen hinauf; sorgfältig darauf bedacht, dass nichts, was er auf dem Tablett balancierte, den Weg auf den Boden fand. Da kam ihm Mrs Leonard entgegen. Sie war schon etwas älter, wohnte im dritten Stock, und hatte ihre weißen Haare zu einem adretten Knoten gesteckt. Heute hatte sie zur Abwechslung mal nichts Altmodisches an, das noch aus der Zeit der futuristischen Gegenwart stammte. „Na!“, rief sie Josh zu, als sie ihn erkannt hatte. „Wieder nett zu der alten Cerydwen?“ Ihre Stimme klang rostig und blechern. Eine Spur von Heiserkeit lag darin. „Ja“, erwiderte der Junge knapp, da er nicht den Drang verspürte, mit Mrs Leonard Konversation zu führen. Der alten Frau schien das sofort klar zu werden, weshalb sie ihre wohlüberlegten Sätze dann doch hinunterschluckte und nur eine knappe Verabschiedung von sich gab. „Man sieht sich“, murmelte sie und rauschte die Treppe hinunter.

Josh raste die restlichen Treppenstufen nach oben, und nach einer schmerzhaften Begegnung mit dem Treppengeländer schloss er die Wohnungstür auf. Er ging in die Küche und stellte das Tablett auf den Tisch. Dann schenkte er sich erst einmal ein Glas Wasser ein und trank es gierig aus. Er glaubte, nicht den Mut zu haben, seine Mutter an diesem Tag erneut in die Augen blicken zu können.  Josh ergriff das Tablett und trat in den Raum seiner Mutter. Das erste, was ihm auffiel, war der seltsame Geruch, der ihm in die Nase stach. Sein Blick wanderte zum Fenster.

Nichts.

Seine Mutter lag in ihrem Bett und schlief. Josh atmete auf, dann stellte er das Tablett auf den Nachtschrank und rüttelte seine Mutter sanft aus dem Schlaf. Sie schlug die Augen müde auf, als sie mitbekam, dass sie jemand weckte. „Josh“, flüsterte sie. „Da… da war jemand…“ Sie zog sich mit vor Schreck geweiteten Augen an den Kleidern des Jungen hoch. „Da war einer… er hat die Uhr mitgenommen… Ich habe ihn gesehen, als er… wieder aus dem Fenster geklettert ist…“ Sie sank müde zurück. „Ich habe Hunger“, stellte sie fest. Josh war zunächst etwas verwirrt. Er setzte sich an die Bettkante und stellte das Tablett auf seine Knie. Da fiel ihm auf, dass die Uhr seiner Mutter tatsächlich fehlte. „Hier“, sagte er geistesabwesend und half Cerydwen beim Essen. „Schöne Grüße von Mrs Leonard.“

„D… Danke… Josh… Wer war hier? Gerade…“

„Ich weiß es nicht. Bestimmt hast du geträumt“, versicherte Josh seiner Mutter, war aber nicht wirklich überzeugt. Die Uhr war verschwunden, weshalb jemand in das Haus gekommen sein musste. Die Tür ging auf und Jesse trat, gefolgt von Carry, in den Raum. „Hallo, Mom“, sagte der Junge und setzte sich auf die andere Bettseite. „Wie geht es dir?“ – „Da… Da war jemand!“ Cerydwen war fast verzweifelt. „Ein Junge… Er war hier… Es ging so schnell… Er hat die Uhr mitgenommen!“ – „Beruhig dich.“ Sanft drückte Jesse seine Mutter wieder ins Bett zurück. Sie hatte derweil aufgegessen. „Hier war wirklich jemand“, bemerkte Carry. Josh stand auf. Porzellan zerschellte auf dem Boden, gefolgt von einem Klappern. Der Junge hatte vergessen, dass das Tablett noch auf seinen Knien gestanden hatte.

„Woher weißt du das denn jetzt?“, fragte Jesse das rothaarige Mädchen.

„Seht ihr…!“, murmelte Cerydwen.

„Hier sind braune Flecken auf der Fensterbank“, erwiderte Carry nur.

Josh trat an Carry heran. „Schön… Können wir jetzt runtergehen? Ich will irgendetwas machen.“ – „Und was?“, fragte Jesse, der zu den beiden getreten war. „Die verbotenen Täler„, murmelte Josh leise, damit Cerydwen es nicht mitbekam. Es war per Gesetz streng verboten, diese Täler zu betreten. „Bevor du irgendwelche Pläne schmiedest… Josh. Was wäre, wenn du mal die Scherben aufkehren würdest.“ Carry grinste. „Dann können wir von mir aus auch die verbotenen Täler suchen gehen.“ – „Suchen gehen?“, fragte Josh empört. „Ich weiß wo sie sind…“ Mit einem wissenden Grinsen verschwand aus dem Raum und kehrte kurze Zeit später mit einem Besen und einer Kehrschaufel zurück. Er bückte sich und kurze Zeit später thronte ein Berg von Scherben auf der Kehrschaufel.

„Tschüs, Mom!“, rief Jesse, als er aus dem Zimmer trat, über seine Schulter. Carry schloss derweil das Fenster und verabschiedete sich ebenfalls von Mrs Pizarro. „Wenn etwas los sein sollte wissen Sie ja, wo Sie anrufen können!“, murmelte das rotlockige Mädchen und folgte Jesse aus dem Zimmer. Leise schloss sie die Tür. „Auf Wiedersehen…“, murmelte Cerydwen und sank erschöpft in ihr Bett zurück.

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