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Es wird Zeit für Remaster

Nachdem ich die erste Staffel der fabula romana nun nach acht Episoden beendet habe, habe ich mir das Gesamtbild der Staffelgeschichte nochmal durch den Kopf – pardon – durch’s Ohr gehen lassen. Da mich die Lesequalität, Aufnahmequalität und der Inhalt seit längerem nicht mehr so ganz zufrieden gestellt haben, habe ich mich rangesetzt und die ersten beiden Folgen „forum romanum“ und „hannibal ante portas“ umgeschrieben und neu aufgenommen. Auch die Mischung ist mit neuer Musik und neuen Effekten versetzt, sodass sich hier ein stimmigeres Gesamtbild ergibt. Die Geschichte bereitet nun das Mysterium um den Faun vor (ups! Jetzt hab ich ja gespoilert) und schubst unseren Helden Askanius in die richtige Richtung.

Die Episoden

Hier habe ich Dir die Spotify-Links zu den Remastered-Versionen eingefügt und wünsche viel Freude beim Anhören!

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fabula vaporis – Kap. 57

Ein Toter muss tot sein, und die Lebenden müssen leben, bis sie tot sind.

Josh Pizarro

Locor Narcana arbeitete gerade in seiner Werkstatt, als die Kinder wieder auftauchten. Dillion, Josh, Carry, Giada… Alle waren sie versammelt. Acia führte die acht Kinder an und stand an der Spitze. „Was kann ich für euch tun?“, fragte Locor und blickte Acia in die Augen. Josh trat hervor und deutete auf den Erfinder. „Ein Toter muss tot sein, und die Lebenden müssen leben, bis sie tot sind“, sagte Josh und sah den Erfinder herausfordernd an. Locor wischte sich die Hände an einem Lappen ab, und bedeutete den Controllern voranzugehen.  „Dann lasst uns gehen“, seufzte er schwer. Er hatte sich gerade wieder an das Leben gewöhnt und wollte es nicht wieder hingeben. Über eine Treppe und mehrere Haufen Holzschutt gelangten sie schließlich auf die Straße. „Wo müssen wir entlang?“, fragte Carry, die auch darauf brannte, ihren Freund wieder zu sehen. „Da lang.“ Acia deutete auf eine Straße, die sich zwischen zwei Häusern entlangdrängte. Die Controller setzten sich in Bewegung. Als sich Dillion nach dem Erfinder umdrehte, bemerkte er, dass dieser stehen geblieben war.

     „Wartet!“, rief der Junge. Die Kinder blieben stehen und wandten sich um.

     „Was ist?“, fragte Josh. „Kommen Sie denn?“

Locor Narcanas Augen blitzten listig. „Nun.“ Er lachte boshaft. „Dann will ich dich mal nicht davon abhalten deinen Bruder zu retten.“ Er trat einen Schritt zurück. „Das Leben hier… ich habe es vermisst, wenn ich ehrlich sein soll! Und warum sollte ich es wieder hergeben? Gehabt euch wohl!“ Mit diesen Worten und einem lauten Lachen sprang Locor Narcana davon und hastete die Hauptstraße entlang. „Denkt zuerst nach, bevor ihr handelt!“, schrie der Mann noch, dann war er verschwunden. Und Josh blieb in großer Trauer zurück und dachte an Jesse.

Ende der Geschichte

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fabula vaporis – Kap. 56

„Was passiert eigentlich“, fragte Acia. „Wenn Sie sterben? Sterben dann auch die Ilaner?“ – „Nein“, sagte Themma leise, den Gedanken der Rache noch im Hinterkopf. „Warum sollten sie? Sie brauchen immer einen Führer, denn ihre Aufgabe ist es, dem Anführer zu folgen. Aber wenn es keinen gibt, wer soll sie dann befehlen?“

     „Warum erzählen Sie mir das?“

     „Weil du es sowieso weißt.“

„Das stimmt“, erwiderte Acia. Dann erhob sie sich. „Aber wissen Sie.“ Das Mädchen befreite sich vom Staub. „Sie sind so naiv, dass mir leider nichts anderes übrig bleibt, Ihnen einen schönen Lebensabend und ein herzliches Willkommen im Tod zu wünschen.“ Mit diesen Worten drehte sich Acia um und huschte die Treppe herauf. Themma war außer sich vor Wut. „Du wagst es!“, kreischte sie. „Mich hier stehen zu lassen? Und meine Vertraute umzubringen?“ – „Das ist nicht meine Schuld.“ Acia wirbelte herum und nickte mit dem Kopf. Die vier Controller hinter Themma hatten verstanden. Carry stieß sich vom Boden ab und trat der Kanzlerin in den Rücken. Themma fiel nach vorn. Sie war so überrascht, dass sie gar nicht mitbekam, wie sich die vier Kinder um sie versammelten.

     „Ich wünsche Ihnen alles Gute“, fuhr Acia fort. Und grüßen Sie meinen Bruder von mir.“

Acia zog das Arkanum aus der Tasche, das Locor aus den vier Teilen zusammengesetzt hatte.         „Nein!“, schrie Themma verzweifelt. „Das kann nicht sein!“ Sie musste ihren Kopf verrenken, um sehen zu können, was Acia nun tat. Sie zog die Uhr an einem kleinen Rädchen auf. Dann drehte sie die Zeiger so, dass sie auf die Kanzlerin zeigten. „Dann mal los, meine Kleine“, flüsterte Acia der Uhr zu und ließ das Rädchen los. Die Zeiger drehten sich schnell. Und je mehr Umdrehungen sie machten, desto weniger bewegte sich Themma. Ihre Haut verlor alle Farbe. Und schließlich löste sie sich in den Staub auf, den sie so oft zu ihrem Nutzen verwendet hatte. „Und dann war sie nicht mehr“, seufzte Acia und warf die abgelaufene Uhr beiseite. Das Glas zersprang und die Zahnräder flogen aus dem Gehäuse. Aber das störte das Mädchen nicht weiter. Sie hatte es geschafft. Acia blickte sich in der Halle um. Dann nickte sie Giada kurz zu und stapfte weiter die Treppe hinauf.

„Ich geb’s auf“, murmelte Jason erschöpft. Er kam nicht ins System des Palastes hinein. Jason fuhr die Computer herunter und steckte die Kabel im Server wieder an ihre alten Plätze. Dann schloss der die Tür und drehte sich zum Tresen um. „Tschüs, Lennox!“ – „Alles Gute, mein Junge“, erwiderte der alte Mann fröhlich. „Aber, bevor du gehst. Was hast du denn genau versucht?“ – „Ich wollte mich ins System der Kanzlerin einhacken. Tschüs, Lennox!“ Lennox war sprachlos, lachte aber, als Jason den Laden verließ. Ins System der Kanzlerin einhacken, dachte er, der Junge wollte wohl nur einen Spaß mit mir machen. Von plötzlicher Eile getrieben, erhoben sich die Concordiatoren in die Luft und verschwanden. Was auch immer sie dazu verleitet hatte, war Iris herzlich egal. Langsam schlich sie auf den Palast der Macht zu, an den Gondeln und Luftschiffen vorbei, die sich zu ihrer Linken und Rechten befanden, da sie auf dem Weg ging. Sie schlenderte über die Straße und kam kurz darauf an den Treppen an, die zum kleinen Plateau vor dem Tor führten. Sie blickte hinauf und  traute ihren Augen nicht. Auf dem Balkon, der sich als Dach über das Tor spannte, erblickte Iris Acia. Diese öffnete den Mund und hielt eine Ansprache, die jeder in Circur hören sollte.

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fabula vaporis – Kap. 55

Giada hatte schon einen Plan im Kopf, wie sie den Ilaner ausschalten könnten, der hinter ihnen her ging und sie mit dem Maschinengewehr vorantrieb. „Sagen Sie mal“, warf das Mädchen ein. „Was ist eigentlich die Aufgabe eines Ilaners?“

     „Das geht dich überhaupt nichts an, Mädchen“, keifte er zurück.

„Dann erzählen Sie uns doch wenigstens, wie die Ilaner erschaffen wurden“, schlug Caitlin nun vor, die Giadas Plan erkannt, verstanden, analysiert und abgewogen hatte. „Dann sterben wir nicht dumm.“ – „Das weiß ich selber nicht mal…“ Der Ilaner stutze und blieb stehen. Während er kurz überlegte, wie er den Satz vollenden könnte, ließ er das Maschinengewehr in seiner Hand sinken. Auf diesen Moment hatte Giada gewartet. Das einzige, was der Ilaner noch spürte, war der Lauf des Maschinengewehr an seinem Hals und dann der Schuss, der ihm in den Ohren dröhnte. Daraufhin kippte er tot zu Boden. „Gut“, sagte Caitlin. „Das hätten wir. Ich würde vorschlagen, dass wir ganz schnell ’ne Biege machen. Den Schuss hat man mit Sicherheit gehört.“ – „Wohin?“, fragte Carry, während sie neben den anderen herlief, die sich sofort nach Caitlins Beschluss in Bewegung gesetzt hatten. „Ich würde sagen, dass wir unseren alten Plan wieder aufgreifen“, rief Giada von hinten. „Und in die Eingangshalle rennen.“ Die Controller waren an der Treppe angelangt und rannten sie hinunter. Sie kamen in das Erdgeschoss des Außenflügels, das auch zugleich die erste Etage bildete. Rechts ging es in die große Halle.

     „Wo ist Acia?“, fragte Josh leise.

     „In der Eingangshalle“, erwiderte Caitlin.

     „Und wo da?“, erkundigte sich Dillion fahrig.

„Sie steht neben der großen Treppe hinter einem Pfeiler. Frag mich nicht, wie sie es dahin geschafft hat. Wartet… Jetzt könnt ihr sie auch sehen.“ Acia sprang hinter der Säule hervor und setzte sich auf die Treppe. Themma und Androma redeten immer noch miteinander, die anderen Concordiatoren hatten die Halle verlassen und sich vor dem Tor postiert oder irgendwo im Innenhof verteilt. Themma hatte zudem befohlen, dass die drei Ilaner, die in der Halle am Tor Wache geschoben hatten, den Concordiatoren folgen sollten, sodass die beiden Frauen allein waren. „Los, los, los!“, rief Carry leise und schlich sich in die Halle, die anderen vor sich hertreibend, wie eine Schafsherde. „Sonst macht Acia noch eine Dummheit…“ Aber es war schon zu spät. Acia hatte den Mund aufgemacht und angefangen zu reden. Themma drehte sich mit einem wütenden, aber auch angstvollen Blick um und starrte das Mädchen an, das auf der Treppe saß und sie feindselig anlächelte. Die anderen Controller bemerkte weder die Kanzlerin noch Androma. Nur Acia entging nicht, dass sich ihre Freunde in die Eingangshalle geschlichen hatten und vor dem Tor Posten bezogen. Alle Controller sahen nun die beiden Frauen an, die in der Mitte des Saals standen. „Hallo, Themma Tighhoor“, sagte Acia kalt und erhob sich. Sachten Schrittes kam sie die Treppe herunter.

     Themma wandte sich nun gänzlich dem Mädchen zu.

Androma wusste nicht, was sie tun sollte, aber als sie sich zum Tor drehte und Giada erblickte, schienen ihre Augen vor Bosheit Funken zu sprühen. „So sieht man sich wieder, Giada Fortras“, zischte Androma und kam auf sie zu. Giada grinste ironisch. „Ganz genau, Androma Carila.“

     Acia gegen Themma.

     Giada gegen Androma.

Aber Josh wusste nicht, auf wessen Seite er sich stellen sollte. Auch Dillion, Caitlin und Carry waren unschlüssig, was zu tun war, um beiden Controllern gerecht zu werden. In der Mitte des Saals hatte Themma Tighhoor einen Stab aus Granit beschworen, der aus dem Boden gewachsen war. Eine blaue Kugel hatte sich an der Spitze des Stabs gebildet und hielt ihn so am Leben, und sorgte dafür, dass der Stab nicht so leicht zerfiel. Ein Stab ließ seinen Beschwörer, nach Themma, mächtiger aussehen – und zeigte eine Autorität und Macht, die den Gegner vor Angst zurückschrecken ließ. Acia versuchte, sich den Angriffen der Kanzlerin zu widersetzen und ihnen auszuweichen. Themma ließ den Stab in regelmäßigen Abständen auf den Boden krachen und erzeugte damit in Acias Richtungen, Detonationswellen, die das Mädchen immer wieder von den Füßen rissen. Irgendwann blieb Acia liegen. Themma warf den Stab beiseite und er ging dahin, wo er hergekommen war. Dann trat die Frau an das auf dem Boden liegende Mädchen heran und stellte sich vor ihre Füße.

     Auf sie herabblickend sagte Themma: „Du bist so naiv.“

     „Danke“, keuchte Acia. „Möchten Sie mit mir reden, oder mich gleich umbringen?“

     „Ich denke, dass ich dich nicht gleich umbringen werde“, gestand Themma.

„Dieselbe Schwäche, wie auch bei Tammo“, erwiderte Acia boshaft und starrte die Kanzlerin feindselig an. Themmas Blick wurde hart. Dann klatschte sie einmal in die Hände und kühle Luft umspielte ihre Handflächen, die sie gen Hallendecke gestreckt hatte. „Das wird dir leid tun“, murmelte Themma mit einem unheilvollen Unterton in der Stimme. Auf der anderen Seite der Eingangshalle standen sich Giada und Androma schon geraume Zeit gegenüber und sahen sich einfach nur an. „Du hättest einfach nur ‚ja‘ sagen müssen, Giada“, sagte die Concordiatorin nach Minuten banger Stille. Giada hatte mitbekommen, was Acia passierte, und gab den vier anderen Controllern ein knappes Zeichen, das Androma nicht bemerkte. Josh, Dillion, Caitlin und Carry verstanden aber und schlichen sich an Themma heran. Androma lächelte listig, als sie bemerkte, was die Kinder hinter ihrem Rücken taten. Wenn ein anderer Themma Tighhoor beseitigte, war sie einerseits ihre Freundin endlich los – und keiner könnte ihr die Schuld in die Schuhe schieben. Zufrieden fuhr Androma fort und redete weiter auf Giada ein.

     „Aber du hast dich für Acia Merchant entschieden.“

„Aus gutem Grund“, versetzte das Mädchen. „Weil du und deine Anhänger nie etwas erreicht habt. Und außer dem Großbrand im Innenring habe ich nichts von euch mitbekommen. Deshalb“, Giada trat an Androma heran und senkte die Stimme, „solltest du schleunigst verschwinden. Sonst hast du nicht mehr lange zu leben.“

     „Warum willst du mich umbringen?“

„Weil du meine Schwester umgebracht hast!“, schrie Giada und stürzte sich auf die Concordiatorin. Androma reagierte einen Augenblick zu langsam. Der Stoß, den Giada der Frau versetzte, warf diese um und sie landete hart auf dem Rücken. Das Mädchen drückte den Brustkorb der Frau mit einem Fuß zusammen. „Das Messer habe ich lange aufbewahrt. Und nur für diesen Moment!“ Giada hatte ihre Stimme wieder gesenkt und hielt das Messer in die Höhe, das sie aus einer Innentasche ihrer Jacke gezaubert hatte. Andromas Gesicht wurde eine Spur blasser. Sie erkannte diese Klinge. Eben jenes Messer, mit dem sie Elain Fortras ermordet hatte. Bewiesen war dies nie, da die Leiche nicht gefunden wurde, aber das war oft so in Circur. Je weniger Leichen, desto weniger Aufruhre.

     „Sie war es selber Schuld“, rief die auf dem Boden liegende Frau verzweifelt.

„Nein“, sagte Giada entschieden und hielt das Messer mit der Klinge nach unten direkt über Andromas Brustkorb. Giada ließ los. Das letzte, was Androma von sich gab, war ein leises „Vergib mir, Schwester“, dann starb sie. Und Giada weinte.

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fabula vaporis – Kap. 54

Das Boot hatte längst das Ufer erreicht und die beiden Insassen waren ausgestiegen. Dann hatten sie die Straßen Circurs durchquert und standen nun vor den Trümmern der Halle und starrten sich an. Schon auf dem Weg hierher hatten sie die Ausmaße des Virus‚ erkannt. Häuser waren eingestürzt, Schreie der Qual drangen aus den offenen Fenstern auf die toten Straßen. Die Trümmer hatte noch niemand beseitigt, wohl aber die Leichen der Menschen, die dem Virus zum Opfer gefallen waren. „Ich glaube“, sagte Iris, die sich schnell wieder gefasst hatte. „Wir müssen die Controller woanders suchen.“

     „Da kann ich dir nur Recht geben“, pflichtete Jason dem Mädchen bei.

     „Und jetzt?“, fragte Iris.

„Ich würde sagen“, antwortete der Junge. „Wir gehen jetzt wieder zu unserem Boot und fahren zurück zum Palast der Macht. Es würde Stunden dauern, ehe wir auch nur einen Bruchteil unserer Mitglieder informiert hätten.“ – „Das stimmt“, sagte das Mädchen. „Dann machen wir es, wie du gesagt hast.“

     „Vorher aber“, fügte Jason seinem Plan noch hinzu. „Müssen wir an einem Computerladen vorbei.“

     „Aber du hast doch kein Geld.“

„Das ist wahr“, seufzte Jason. „Würde es dir etwas ausmachen, alleine zum Palast zurückzugehen?“, fragte er. „Nein“, erwiderte Iris. „Und was willst du in der Zwischenzeit machen?“

     „Ich werde einen Computerladen aufsuchen.“

Iris schüttelte verwirrt den Kopf. „Hast du mir nicht gerade Recht gegeben, in Bezug auf deinen Geldmangel?“ – „Ich hab da einen Freund, der mir noch einen Gefallen schuldig ist. Ich habe ihm mal seinen Server widerhergestellt.“ – „Na dann“, lachte Iris. „Sehen wir uns später.“ Mit diesen Worten sprang das Mädchen über die mit Schutt besetzten Rasengittersteine in die Richtung, aus der beiden eben gekommen waren. Jason machte sich in die andere Richtung auf und trat kurze Zeit später in einen Laden ein, der im Innenring lag. „Hallo, Lennox. Ich brauche deine Hilfe“, kam Jason direkt zur Sache, als er eintrat. „Hallo, mein Junge“, erwiderte ein etwas älterer Mann, der sich ganz wie ein Matrose gekleidete hatte, inklusiv der mit einem Gummizug versehenen Mütze. „Was kann ich für dich tun?“ – „Ich brauche einen Computer mit zwei Bildschirmen, und deinen Server. Hast du noch die DVD mit den Installationsdateien, die ich dir mal gegeben habe?“

     „Ja, klar. Aber wofür denn?“

     „Wenn ich dir das jetzt sage, dann schmeißt du mich raus“, erwiderte Jason.

„Na dann“, lachte der Seemann. „Da drüben an der Wand steht ein Computer. Wie du auf meinen Server zugreifen kannst, weißt du ja. Und die DVD… Ich geh sie mal suchen.“ Jason nickte zufrieden und setzte sich auf den Drehstuhl, der vor dem Tisch mit den beiden Computern stand. Der Junge schaltete beide an und öffnete die Tür des Servers, der direkt neben dem Tisch stand. Lennox trat an den Tisch heran und legte die DVD darauf. „Hier hast du sie, Jason“, sagte er erheitert. „Dann will ich dich mal nicht weiter stören.“ Er verschwand hinter dem Tresen, der zugleich die Kasse bildete und holte eine altertümliche Rechenmaschine hervor, auf der er munter herumtippte. Lennox Mardira verkaufte zwar Computer, aber damit umgehen konnte er nicht. Nur einen wahnsinnig hohen Profit aus ihnen herausschlagen. Lieber nutze der Mann die älteren Rechenmaschinen, mit denen er einfach besser umgehen konnte. Die Computer waren beide hochgefahren und Jason legte die DVD in das Laufwerk ein. Mit einem Summen setzte der Ventilator des Rechners ein, an den beide Bildschirme angeschlossen waren. Das Installationsprogramm startete und mit einem Klick legte Jason einen neuen Ordner an. Ein Balken zeigte Jason an, wie weit das Installationsprogramm die Dateien in den neuen Ordner kopiert hatte.

Installationsstatus: 20%

Da Jason die Dateien sehr klein gehalten hatte, war der Computer mit dem Installieren schnell fertig und spie den Datenträger wieder aus, indem er das Laufwerk öffnete. Jason nahm ihn heraus und legte ihn auf den Tisch, ehe er das Laufwerk wieder schloss. Ein Fenster zeigte Jason eine Liste der Installierten Programme an.

Algorithmusprogramm_Jason                       100% kopiert, öffnen?

Programmiersprache_Jason_neu_C++       100% kopiert, öffnen?

Editor_Jason_C++                                       100% kopiert, öffnen?

Development_Studio_Jason_002                  100% kopiert, öffnen?

A_M_Jones_Search.exe                                100% kopiert, öffnen?

P_H.exe                                                         100% kopiert, öffnen?

Eine weitere Liste enthielt eine Reihe von Anweisungen. Jason sah die Aufzählung schnell durch.

Nach 1% der Installation wurden folgende Änderungen an Ihren Dateien / Systemdateien vorgenommen:

  1. Algorithmusprogramm_Jason zu 7% kopiert. Dateien entpackt: Konstruktor.exe, Destruktor.exe, 00000000001.exe, Found.exe, Default.exe, Implementation.cpp, Projektgenerierung.cpp, Modul: AA_Jason (2%)
  2. _Jason_neu_C++ zu 5% kopiert. Dateien entpackt: Studion_Programming.exe
  3. Editor_Jason_C++ zu 10% kopiert. Dateien entpackt: keine
  4. Development_Studion_Jason_002 zu 14% kopiert. Dateien entpackt: Start.exe, DStart.exe, GStart.exe, SStart.exe, Partitionkommunikation_5.exe, Default.exe, Einbinden.modul.cpp, Modul: AA_Jason (2%), AB_Jason (5%)
  5. A_M_Jones_Search.exe zu 1% kopiert. Dateien entpackt: keine, 1 *.exe zu 5 GB
  6. P_H.exe zu 6% kopiert. Dateien entpackt: P_H.1.exe, P_H.2.exe

Die Liste war beinahe unendlich lang, aber Jason schloss sie mit einem Klick auf ein kleines Kreuzchen, das neben der Liste war. Dann drückte er auf den Button Alle Programme öffnen und die Taskleiste füllte sich. Dann startete er die Systemsteuerung, setzte den Fokus auf sein Algorithmusprogramm und fing an, ein Programm zu schreiben, dass ihm ermöglichen würde, in das gut gesicherte Netzwerk und den Server der Kanzlerin hineinzukommen. Aber das würde noch eine Weile dauern. Da war Jason sich sicher. Iris war wieder zum Boot zurückgekehrt und hatte den Motor angelassen. Nach kurzer Zeit schon hatte sie wieder am Steg beim Palast geankert und sich hinter dem Luftschiff versteckt. Nun wartete sie auf ein Zeichen von Acia oder irgendjemand anderem. Bisher vergeblich.

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fabula vaporis – Kap. 53

Giada, Josh und Dillion hatten sich hinter dem Treppenaufgang versteckt und spähten über die Stufen hinein in die Eingangshalle. Nachdem Themma das Portal geöffnet hatte, waren dreiunddreißig Personen herein geflogen. Giada wusste, wer das war. „Das sind die Concordiatoren„, bemerkte sie. „Eine Gruppe, die von Androma angeführt wird. Bevor ich zu den Controllern gekommen bin, hat mich diese Frau gefragt, ob ich den Concordiatoren beitreten will.“

     „Und wer von ihnen ist Androma?“, wollte Dillion wissen.

     „Die Frau, die sich gerade mit Themma unterhält.“

Themma lächelte Androma erheitert an und sagte etwas, das aber im Geraschel der anderen unterging und die drei Kinder nicht erreichte. Plötzlich erklangen Schritte auf dem Gang, aus dem vor einiger Zeit Giada, Josh und Dillion gekommen waren. „Versteckt euch!“, zischte Josh und verschwand hinter einer Säule, die neben dem Treppenaufgang war. Die anderen beiden traten hinter Josh. Erst, als die Person, deren Schritte sie gehört hatten, am torlosen Eingang des Außenflügels angekommen war, trat Josh hinter der Säule hervor und bedeutete Acia zu ihm zu kommen.

     „Was machst du denn hier?“, fragte er.

     Acia winkte ab und deutete auf die Eingangshalle. „Die Frau kenne ich“, murmelte sie.

     „Wir auch seit etwa einer Minute“, murmelte Dillion und kam mit Giada hinter der Säule hervor.

Giada flüsterte Acia etwas ins Ohr. Diese zog erstaunt die Brauen nach oben und flüsterte zurück. Giada nickte. „Kommt mit“, sagte sie zu Josh und Dillion. „Die Treppe hinauf.“

     „Und Acia?“, fragte Josh.

     „Ich bleibe hier. Nun geht schon“, drängte sie.

Josh beeilte sich, um die beiden anderen einzuholen. Als die drei die Treppe verlassen hatten und eine weitere hinaufgingen, die sich direkt neben dem einen Aufgang befand, über die die drei Controller hinaufgegangen waren, aber in die andere Richtung eine Etage höher führte, sah Acia sich kurz um, dann schlich sie in die Eingangshalle und versteckte sich in einem Alkoven, der in der Mauer eingelassen war, die den Außenflügel von der Eingangshalle trennte.

     „Dann wollen wir mal“, murmelte das Mädchen und schloss die Augen.

Als sie sie wieder öffnete, verfärbte sich ihre Iris zu einem Blau, von dem ein schwaches Leuchten ausging. Acia nahm allen Mut zusammen und trat aus der Nische hervor. Carry und Caitlin rannten durch den Korridor, der sich vor ihnen erstreckte. Am Ende gähnte ein Torbogen den beiden entgegen und eine Treppe führte ein Stockwerk tiefer. Schnell rannten die beiden Mädchen diese herunter und landeten im dritten Stock des Hauptkomplexes. Eine weitere Treppe führte in das zweite Geschoss. Dort ging nach links und rechts jeweils eine Treppe ab. Links hörten die beiden Mädchen Schritte und sie versteckten sich hinter einer Säule, die neben der Treppe, die ins dritte Geschoss führte, war. Carry späte um die Ecke.

     „Kommt mit!“, rief sie Caitlin leise zu. „Da sind sie!“

„Wer?“, fragte das andere Mädchen und wurde von Carry mitgezogen. Dann sah sie es selber. Carry rannte schneller, als sie merkte, dass die drei Kinder vor ihr, versuchten sich zu verstecken. Erst, als Dillion sich umdrehte, bedeutete er Giada und Josh, stehen zu bleiben.

     „Gut, dass ihr hier seid“, sagte er. „Wo ist Acia?“

„Ich weiß es nicht“, keuchte Carry, die von dem Lauf ein wenig erschöpft war. Giadas Blick schweifte von Caitlin zu Carry und wieder zurück. Dann blinzelte sie einmal. „Ist nicht so schlimm. Acia unternimmt immer die gefährlichsten Aktionen. Wir werden sie schon wieder sehen.“ – „Warum wusste sie, dass wir hier auf euch treffen würden?“, fragte Carry, die das Zusammentreffen der fünf Controller nicht zufällig interpretierte. „Das, meine Liebe“, erwiderte Dillion theatralisch. „Ist die unsagbar geniale Planung von Acia Merchant. “ Caitlin und Giada schnappten nach Luft. „In Zusammenarbeit mit unseren beiden Plänemachern, Caitlin und Giada“, fügte Dillion schnell hinzu, ehe die beiden Mädchen etwas dazu sagen konnten.

     „Das habe ich dir jetzt nicht verziehen“, sagte Giada.

„Wenn dieses Unternehmen vorbei ist“, fügte Caitlin hinzu. „Dann räche ich mich an dir. Und du kannst dich nirgendwo verstecken…“ Das Mädchen tippte an ihren Kopf. „Ich sehe dich überall!“ – „Dann frage ich Jason eben“, sagte Dillion, der Giada und Caitlin keinen Glauben schenkte. „Er kennt bestimmt ein Versteckt für mich.“

     „Die Unterwelt Circurs“, sagte Carry nur und stoppte die drei in ihrer Unterhaltung über Rache.

     „Na gut“, gab Dillion zu. „Du kannst mich überall finden, egal, wo ich mich verstecke…“

Caitlin nickte zufrieden und deutete auf die Treppe, über die Giada, Josh und Dillion vor einiger Zeit gekommen waren. „Ich würde vorschlagen, dass wir Themma Tighhoor einen Besuch abstatten.“ – „Oh, ja“, sagte da eine tiefe Stimme. „Da wird sie sicher viel Spaß mit euch haben.“ Der Ilaner trat aus einem Raum und erhob das Maschinengewehr, das er mit einer Kordel am Hals befestigt hatte.

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fabula vaporis – Kap. 52

Im Innenhof des Palastes der Macht war es nicht so heiß, wie in den Straßen Circurs. Die gemauerten Wände kühlten die Luft auf angenehme fünfundzwanzig Grad. Trotzdem geriet Caitlin ins Schwitzen, als die Mauer hinaufkletterte. Carry war ein wenig zurückgeblieben. „Acia ist den anderen gefolgt“, sagte sie kurz angebunden. Caitlin nickte und wandte den Kopf nach unten. „Ich weiß.“ Das rothaarige Mädchen kletterte ein wenig schneller, konnte Caitlin aber nicht einholen. „Würde es dir was ausmachen, etwas langsamer zu klettern?“, fragte Carry. „Das geht nicht. Dann entdecken sie uns vielleicht.“ Caitlin schloss die Augen. „Oh, Mist!“, fluchte sie. „Die Ilaner kommen wieder!“ – „Aus welcher Richtung?“, erkundigte sich das rothaarige Mädchen. Caitlin wies in eine Richtung.

Im Schatten der Mauer würden die beiden nicht so schnell bemerkt werden, wenn sie sich nicht bewegten. „Wie weit sind sie noch entfernt?“, fragte Carry. „In etwa einer Minute kommen sie um die Ecke.“ Carry, du kannst ziemlich weit und hoch springen, nicht wahr?, hatte Lionel vor einiger Zeit einmal zu Carry gesagt. „Das dauert zu lange“, entschied Carry, ließ los und stieß sich von dem Vorsprung ab, auf dem ihre Füße Halt gefunden hatten. Für die Dauer von fünf Sekunden flog Carry in die Luft und in die Höhe. Als sie wieder auf die Erde herabzustürzen drohte, krallte sie sich an einem Vorsprung in der Mauer fest und zog sich hoch, damit sie mit ihren Füßen Halt finden konnte. Caitlin war dicht unter Carry und blickte erstaunt drein. „Los, beeil dich! Einer ist weniger unauffällig, als zwei!“ Carry nickte und kletterte den letzten Meter, der sie von der mit Zinnen bewehrten Brüstung trennte, hinauf. Sie blickte kurz nach links und rechts, dann ließ sie sich über die Kante gleiten und duckte sich hinter einer Zinne. Sie spähte am Rand entlang in den Innenhof.

Die Ilaner kamen gerade um die Ecke, als Carry sich hinter der Zinne versteckt hatte. Caitlin verrenkte den Kopf, um die Ilaner sehen zu können, dann hielt sie still und starrte stumm auf die Gruppe, die auf dem Querweg, der vor dem großen Luftschiff vorbeiführte, entlang gingen. Carry drehte sich wieder und sah die Zinne ihr gegenüber an. Von links her kam ein Mann aus einer Tür herausgeschlendert, gähnte und schloss die Tür dann sanft. Er hatte ein Gewehr in der Hand, das mit einer Schlaufe um seinen Nacken befestigt war. Als er sich dem Weg zuwandte, der sich vor ihm etwa dreißig Meter erstreckte und dann durch eine Tür unterbrochen wurde, erblickte er Carry. Das rothaarige Mädchen unterdrückte einen entsetzten Aufschrei; der Ilaner war zu verblüfft, um Alarm zu schlagen. Carry erhob sich und lief geduckt zu dem Mann. Dieser reagierte mit einem Schuss, der die Wachen auf dem Innenhof zur Mauer aufblicken ließ. Die Männer sahen gerade noch, wie der Ilaner kreischend die Mauer hinunterfiel. Den Grund dafür entdeckten sie nicht. Aber als ihre Blicke dem fallenden Mann folgten, bemerkten sie den seltsam geformten Stein, der sich, aufgrund ihrer guten Augen, als Mensch herausstellte. Ein Ilaner griff nach einem Funkgerät, um Alarm zu schlagen, aber ein anderer hob das Scharfschützengewehr, das er geschultert hatte; dann feuerte er ab. Beinahe im selben Augenblick sahen die Ilaner, das der Mensch, der sich da festkrallte, zu Boden stürzte. Carry hatte stumm mit angesehen, was passiert war. Sie befahl Caitlin, ruhig zu sein. Das rothaarige Mädchen hatte sich hinter einer Zinne verborgen und gab die Kommandos, da sie hinter der Kante hervorlugte.

     Caitlin hatte sofort einen Plan, was sie tun würde, wenn ein Ilaner auf sie schießen würde.

     „Er legt an, glaube ich!“, rief Carry.

Caitlin ließ in dem Augenblick los, als der Ilaner gezielt hatte. Die Kugel traf auf, und Caitlin ließ los. Als sie den Schatten der Gondel im Rücken spürte – und sie war sich sicher, dass die Ilaner sie nicht mehr sehen konnten – krallte sie sich mit aller Kraft an einem Stein fest. Der Schwung, den sie hatte, riss ihr beinahe die Arme aus, aber Caitlin krallte sich nur noch fester an den Stein, bis ihre Füße Halt gefunden hatten. Sie wusste, dass es ein riskanter Plan gewesen war, loszulassen, obwohl der Ilaner noch nicht geschossen hatte. Zwei Dinge hätte schiefgehen können. Wenn Caitlin gestürzt wäre, ohne, dass der Mann einen Schuss abgefeuert hatte, hätte das Mädchen sich verraten. Und wenn sie in dem Moment losgelassen hätte, als der Ilaner abgefeuert hatte, wäre sie jetzt tot. Scharfschützengewehre, wie die Ilaner sie stets bei sich trugen, konnten binnen einer Sekunde 790 Meter hinter sich lassen.

     So schnell hätte das Mädchen überhaupt nicht reagieren können.

Caitlin wartete noch einige Minuten, ehe sie wieder hinaufkletterte. Indem sie ihre Augen geschlossen hatte, nahm sie wahr, dass die Ilaner wieder hinter der Mauer verschwunden waren, die sich links neben Caitlin erstreckte. Carry sah sich oben auf der Mauer nervös um, konnte aber niemanden entdecken, der sie beobachtete, weshalb sie sich wieder Caitlin zuwandte und die Wand hinunterspähte.

     „Beeil dich ein wenig“, flüsterte das rothaarige Mädchen der Kletternden zu.

     „Ist ja gut“, gab diese zurück. „Ich bin gleich oben.“

Carry verlor die Geduld. Sie kniete sich auf die Lücke, die zwischen zwei Zinnen war, und klemmte ihre Füße dahinter. Dann ließ sie sich nach vorn fallen. Verärgert stellte Carry fest, dass sie, trotz, dass sie die Arme nach unten streckte, zu kurz war. Caitlin sah Carry verständnislos an. „Warte doch die zwei Minuten eben!“ Carry richtete sich wieder auf, was sie, aufgrund ihrer Lage, viel Kraft kostete. Ein kurzer Schwindelanfall ließ das Mädchen verschnaufen, ehe sie von der Lücke heruntersprang und sich dann in sie hineinsetzte. Sie drückte ihre Waden an die Mauer und ließ sich nach hinten fallen. Ihr Rücken berührte den oberen Teil der Lücke, aber auch jetzt reichte Carrys Länge nicht aus, um Caitlin hoch zu helfen. Das rothaarige Mädchen lockerte den Druck an den Waden, und diese schoben sich über die Kante, die zwischen den beiden mit Zinnen bewehrten Balustraden lag, und ihre Waden berührten nun den Teil der Lücke, der dem Himmel zugewandt war. Zufrieden stellte Carry fest, dass sie Caitlins Arm zu fassen bekam. Dann umschlang sie das Handgelenk der anderen mit beiden Händen und zog sie hinauf. Ehe Caitlin protestieren konnte, schwang Carry Caitlin hin und her, und als diese genug Schwung hatte, ließ Carry los. Caitlin klammerte sich an eine Zinne, als sie hart gegen die Mauer schlug, die sich beim Klettern zu ihrer Linken erstreckt hatte. Sie zog sich hoch und eilte über einen Weg, der zwischen den beiden Mauern war, zu Carry und zog sie hoch. „Danke“, keuchte die Rothaarige und zog Caitlin mit sich in die Richtung, in der Ilaner vor wenigen Minuten hatte verschwinden wollen. Die beiden Mädchen eilten geduckt zur Tür und Caitlin drückte die Klinke herunter. „Sie ist offen!“ Dann traten die beiden Mädchen über die Schwelle.

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fabula vaporis – Kap. 51

Themma Tighhoor war nur kurz mit ihrer Gondel weggefahren, da sie sich Hilfe bei ihrer alten Freundin holen wollte. Androma war der Name dieser Freundin und, da die beiden sich nie einer Meinung gewesen waren, als Androma noch im Palast weilte, hatte diese Themma den Rücken zugekehrt, und war in das Nördliche Innenviertel gezogen. Das einzige, was sie zur Verwirklichung benötigt hatte, hatte Locor Narcana geschaffen, als er noch im Dienst der Kanzlerin gearbeitet hatte. Seine Flugstäbe waren wirklich unverbesserlich. Kaum nahm man sie in die Hand, hatte das nicht allzu starke Magnetfeld, das von den Rädern der Stadt ausging, eine größere, gebündelte Wirkung und man flog, wohin man wollte. Steuern ließ sich das Ganze mit Hilfe von Auftrieb, Kleidung, die man anhatte, und allerlei Physik, die Locor Narcana Androma erläutert hatte. Alle, die Andromas Gruppe beigetreten waren, hatten einen solchen Flugstab bekommen. Es gab zwar keine mehr auf dem Markt zu kaufen, aber es wollte auch niemand Andromas Gruppe mehr beitreten. Sie hatte dreiunddreißig Mitglieder – sich eingeschlossen –  und nicht weniger Flugstäbe. Wer ein Crossing Over-Phänomen besaß, wurde ohne große Reden einfach ausgelöscht. Aus gutem Grund: Androma wollte nicht, dass irgendein dahergelaufener Bürger, oder gar ein Mitglied, etwas von ihren geheimen Plänen mitbekam. Die Mitglieder ihrer Gruppe hatte Androma aus diesem Grund auch mehrmals überprüft und überprüfen lassen. „Wenn du willst“, sagte sie sich immer. „Dass weder Themma, noch ein anderer Idiot etwas von dir erfahren soll, dann vernichte sie alle.“ Und daran hielt sie sich akribisch. Dass ihre beste Freundin, Themma Tighhoor, ein Crossing Over-Phänomen besaß, störte Androma maßlos, aber da es eben die Kanzlerin war – und die ein oder anderen Beziehung zum höchsten Rang des Macht-Cursus konnte nie schaden – versuchte Androma, es zu verkennen. Das war auch der Grund, dass sie aus dem Palast gezogen war und nun in der Castrum-Appia ein großes Haus zum Quartier umfunktioniert hatte. Sonst hätte sie Themma noch irgendwann erstochen. Sie hatte Themma allzu lang nicht mehr gesehen und bereute es auch schon ein wenig. Irgendwann mussten die beiden noch einmal Tee zusammen trinken, oder irgendetwas anderes machen, aber momentan hatte Androma keine Lust dazu. Sie hatte auch viel um die Ohren. Ihre Mitarbeiter zogen es vor, im Geheimen zu arbeiten und die guten Dinge mit viel Brimborium zu vernichten. Und konnte auch mal ein sattes Sümmchen kosten. Alles in allem war Androma mit sich zufrieden. Ihre Gruppe hatte einen berüchtigten Namen, der alle bis ins Mark traf, wenn er ihn hörte. Androma war berüchtigt und besessen von ihrem Ziel, alles Gute auszulöschen.

     Und ihre Concordiatoren halfen ihr dabei, wo es nur ging.

Themma war an einer Haltestelle auf der Castrum-Appia ausgestiegen und hatte Hausnummer 5 aufgesucht. Ein von außen durchaus schönes Haus. Es war groß, hatte viele Fenster. Der einzige Schönheitsfehler lag hinter den Glasscheiben. Dort hingen graue Vorhänge und selbst mit einem Fernglas hätte man nichts erkennen können, außer purem Grau. Themma klingelte und wartete, bis eine famos aussehende Frau die Tür öffnete. Sie hatte brünettes Haar und ein Gesicht, wie aus dem Bilderbuch. Sie trug einen akazienfarbigen Rock, der bis zu ihren Waden reichte. Hohe braune Lederstiefel verschwanden unter dem Saum. Ein Gürtel, dessen Schnalle die Form einer Kralle hatte, umschlang die Taille der Frau und hielt eine beigefarbene Bluse, die in den Rock gestopft war. Androma hatte ihre Haare nach hinten gesteckt, was ihr beinahe zum Aussehen einer Lehrerin verlieh. „Androma“, sagte Themma, als die Besitzerin des Hauses die Tür aufgerissen hatte. „Ich brauche deine Hilfe.“

     „Worum geht’s?“, fragte Androma und blickte kühl in das Gesicht der Kanzlerin.

     „Um die Concordiatoren. Sie müssen helfen, das Gute auszulöschen.“

Androma schien nicht zu bemerken, dass Themma das Satzkonstrukt ‚Sie müssen helfen, das Gute auszulöschen‚ absichtlich gewählt hatte, damit Androma half. Sie blickte an sich herunter und dann in Themmas Gesicht. „Ich nehme an“, erwiderte die Frau. „Dass du meine Hilfe nur benötigst, um einen Aufstand niederzuschlagen. Aber ich helfe dir gern. So unter Freunden.“ Das letzte Wort kostete Androma doch einige Mühen. „Dann sei doch in einer Stunde im Innenhof des Palastes“, beorderte Themma, drehte sich um und verschwand wieder. Die Frau in der Tür nickte und läutete eine Glock, die in den Flur hing, der sich hinter Androma erstreckte. Eine andere Glocke erwiderte das Geläut und Androma nickte zufrieden. Sie griff in die Rocktasche und beförderte einen kleinen Stab, kaum größer als der Griff eines Fensters, ans Tageslicht, den sie in die Faust nahm. Kurz darauf schwebte sie gen Himmel. Aus einem großen Dachfenster folgten ihr zweiunddreißig andere Personen. Ihr Ziel war der Palast der Macht.

Acia erblickte am Himmel dunkel Gestalten – dreiunddreißig an der Zahl – die geradewegs in den Innenhof des Palastes flogen. Ihre Gesichter waren auf das Portal gerichtet, vor dem kleine Stufen auf einem Vorplatz führten. Die Torflügel öffneten sich, als die Gestalten näher kamen. Dann flogen sie durch das Portal ins Innere und es schloss sich wieder.

     „Habt ihr das gesehen?“, fragte Acia die anderen beiden.

     „Na klar“, murmelten Carry und Caitlin.

     „Wer war das?“, erkundigte sich Carry.

     „Ich weiß es nicht“, gestand Acia.

Vor den Kindern lagen noch fünfzig Meter bis zur Palastmauer. „Kommt“, murmelte Acia. „Dann lasst uns weitergehen.“ Die Sonne war inzwischen ganz aufgegangen und tauchte den Innenhof in ein warmes Licht. Zumindest den Teil, der auf der anderen Seite des Hofes lag, und die Hälfte des Wegs, da der andere Teile im Schatten des Außenflügels lag, an dem sich Carry, Caitlin und Acia entlangschlichen, um kurz darauf an der Mauer anzukommen, die ein Teil des Hauptkomplexes war.

     „Kommt“, murmelte die Anführerin der Controller.

     „Was willst du denn machen?“, fragte Carry leise.

     „Caitlin?“, fragte Acia nur. „Wo befinden sich Dillion, Giada und Josh?“

„In der Eingangshalle direkt hinter dem großen Portal. Allerdings stehen sie ein wenig weiter dahinten.“ Sie deutete mit ihrer Hand auf die andere Seite des Innenhofs, und dort auf eine Mauer. „Hinter dieser Mauer.“

     „Carry? Du und Caitlin. Ihr geht zusammen auf die Mauer und kommt von oben in den Palast.“

     „Und was machst du?“, fragte Carry besorgt.

     „Ich warten hier auf die Ankunft von Iris und Jason.“

     „Was passiert, wenn sie dich entdecken?“, erkundigte sich Caitlin.

     „Dann werde ich mir schon was einfallen lassen“, murmelte Acia.

Carry sah die Mauer hinauf. Genug Vorsprünge und hervorstehende Steine boten Halt, um nicht hinunter zu fallen. „Hinter die Gondel!“, rief Caitlin leise. Sie versteckte sich auf der Seite der Gondel, die der Mauer des Hauptkomplexes zugewandt war. Kurze Zeit später sahen die drei, wie eine Fraktion Ilaner vom Fluss her kam und am großen Luftschiff vorbei marschierte. Kurze Zeit später verschwanden sie auf der anderen Seite des Innenhofes und hinter Mauer des anderen Außenflügels. Hörbar stieß Caitlin die Luft aus. „Dann viel Glück, Acia. Aber versteck dich irgendwo, in Ordnung?“ – „Mach ich“, erwiderte das Mädchen und deutete auf die Mauer. „Jetzt macht schon.“ Carry hatte derweil einen hervorstehenden Stein ergriffen und sich hoch gezogen. Sie schob schnell ihren Fuß in eine tiefgelegenere Fuge, damit sie nicht abrutschte. Caitlin kletterte neben dem rothaarigen Mädchen und gemeinsam versuchten sie, sich möglichst unauffällig an der Wand hinaufzuschieben. Acia sah ihnen kurz nach, ehe sie sich wieder den Geschehnissen auf dem Boden zuwandte und flink am Portal vorbeihuschte – auf die andere Seite des Innenhofes. Dort rannte sie zur Tür, durch die die anderen drei Kinder vor einigen Minuten im Innern des Palastes verschwunden waren. Acia dachte noch darüber nach, ob sie die Tür wirklich öffnen sollte, als sie den Ilaner sah, der die herumstehenden Gondeln und Luftschiffe kontrollierte.

     Ihr blieb keine Zeit.

     Sie drückte die Klinke herunter und öffnete die Tür.

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fabula vaporis – Kap. 50

Ja, mach nur einen Plan, sei ein großes Licht. Und mach‘ dann noch ’nen zweiten Plan, gehen tun sie beide nicht.

Bertold Brecht

Die Controller versteckten sich hinter einer Hauswand, als die Ilaner in ihre Richtung blickten. Dann verzogen sie sich in einer der großen Seitenstraße und gingen sie zügig entlang. Bald kam eine weitere Querstraße, die nach links zurück zum Palast führte. Diese Straße nahmen die Controller und näherten sich einer etwa hüfthohen Kaimauer, die den Fluss umzog, damit keiner hineinfiel. Das Gewässer, das sich hinter der Mauer erstreckte, umspannte beinahe den gesamten Palast. Nur an der Stelle, wo das Tor war, führte der Fluss unterirdisch und hatte eine Abzweigung, die die anderen Kanäle der Stadt mit Wasser speiste. Auf der anderen Seite des Flusses war der Anlegesteg für die Boote, die am Palast der Macht ankerten. Etwa achtzig Meter davon entfernt war ein Boot an einem hervorstehenden Stein an der Mauer vertäut. Keine zwanzig Meter neben den Kindern war ein weiterer Ankerplatz für Boote, der die Kaimauer unterbrach und wie eine Zunge in den Fluss hineinreichte. Acia beschloss, dass die Controller ein Boot zum Palast nehmen sollten, was dann auch geschah. Kurze Zeit später tuckerte ein kleines Holzboot mit Motor über den Fluss und ankerte etwa zehn Minuten später an dem Steg auf der anderen Seite. „Kommt!“, zischte Dillion und hüpfte aus dem Boot. Seine Aktion hatte das Boot gefährlich schwanken lassen und Josh wäre beinahe herausgefallen, wurde aber noch gerade rechtzeitig von Giada am Ärmel gefasst, was ihn vor einem Sturz in das trübe Wasser bewahrte.

Dillion hatte sich an die Mauer gepresst. „Kommt jetzt!“, murmelte er und machte eine hektische Geste mit den Händen, um die anderen Kinder heranzuwinken. Jason und Iris blieben im Boot zurück, um, wie Acia es ausdrückte, ‚einen Plan B in der Tasche zu haben‘, falls etwas schief lief. „Es wird nichts schieflaufen“, sagte Carry und deutete auf eine Gruppe Ilaner, die an der Mauer entlangmarschierte. Anscheinend schienen die Wachen der Kanzlerin die Controller nicht zu bemerken. Das Tuckern des Motors riss die Kinder aus ihrer Vorsicht und alle drehten sich in Richtung Fluss um. Acia nickte bedächtig, und erklärte den anderen schnell, warum Iris und Jason wegfuhren. Dillion war schon wieder weitergegangen und hinter der Mauer hervorgeschlüpft. Er hatte sich hinter dem großen Luftschiff versteckt, das an seinem Stammplatz ankerte und, wenn man am großen Portal innerhalb der Mauern des Palastes stand, die Sicht auf Circur versperrte.

     „Und was jetzt?“, flüsterte der Junge.

     „Jetzt gehen wir in den Palast hinein.“

     „Wie willst du das anstellen, Acia?“

„Das lass mal meine Sorge sein“, antwortete das Mädchen nur. „Carry? Caitlin? Ihr geht mit mir in diese Richtung. Ihr anderen nehmt diese Richtung.“ Die anderen drei Controller nickten und verschwanden auf der rechten Seite des vertäuten Luftschiffes. Acia, Carry und Caitlin nahmen die anderen Seite und schlichen über einen Kiesweg auf einen Rasenplatz, an dem ein weiteres, kleines Luftschiff ankerte. Sie konnte gerade noch sehen, wie auch die anderen Kinder den Kiesweg überwunden hatten und sich hinter einer, gegenüber dem Luftschiff auf der linken Seite liegenden, Gondel versteckten. Die Gondel war mit einem steil in den Himmel ragenden Drahtseil verbunden und konnte so direkt von ihrem Ankerplatz ins öffentliche Gondelverkehrsnetz geschleust werden. Acia bedeutete Carry und Caitlin, ihr zu folgen. Links neben ihnen erstreckte sich die lange Palastmauer, in dessen dritten Stock der Ankerplatz für die Gondeln war, die einen Bürger zur Audienz bei der Kanzlerin brachten. Rechts ankerten in regelmäßigen Abständen Gondeln oder Luftschiffe, zwischen denen etwa fünfzig Meter Platz war. Und diese fünfzig Meter waren gerade für die Controller eine riskante Hürde, da sie gesehen werden konnten, und kein Versteckt so schnell in der Nähe war. Die beiden Gruppen gingen in gleichmäßigem Tempo, sodass sie sich sehen und per Gestik verständigen konnten, wenn wieder eine große Lücke zwischen zwei Transportmitteln war. Josh winkte Carry hektisch zu, als die sechs sich wieder sehen konnten. Der Junge deutete auf die Gondel, die Carry, Caitlin und Acia in Kürze als Versteckt dienen würde. Auf der anderen Seite beschleunigten Josh, Giada und Dillion ihre Schritte und verschwanden kurz darauf hinter einer Gondel.

„Schnell“, flüsterte Carry. „Wir müssen hinter die Gondel. Ich glaube, Josh hat jemanden in ihrem Innern gesehen. Und wenn der herauskommt…“ – „Dann schnell“, zischte Acia und auch die drei Mädchen verschwanden raschen Schrittes hinter der im Sonnenlicht funkelnden Gondel. Tatsächlich trat ein Ilaner heraus und sprach etwas in einen kleinen Kasten, den er aus einer Gürteltasche holte. Einige Knackgeräusche antworteten ihm und der Ilaner ging zur nächsten in Flussrichtung liegenden Gondel. Anscheinend hatte er die Kinder nicht bemerkt. „Warum hat er Dillion und die anderen nicht gesehen?“, fragte Acia verwundert. „Wenn er aus der Gondel gekommen ist, muss er sie doch gesehen haben!“ – „Nein“, murmelte Caitlin. „Wenn eine Gondel nach langem Herumstehen wieder geöffnet wird, dauert es ein wenig, bis die Tür auf ist und Dampf bildet sich auch. Aber bei diesem Licht war der nicht zu sehen.“

     „Dann haben sich Josh, Dillion und Giada ja mächtig beeilt“, flüsterte Carry zurück.

„Das brauchten sie gar nicht. Sie haben wahrscheinlich gesehen, wie die Tür aufging und uns dann Bescheid gesagt…“ – „Ist doch jetzt egal. Weiter!“, zischte Acia und schlich voran. Als sie an das Ende der Gondel kam, schaute sie kurz um die Ecke und sah auf der anderen Seite des Innenhofs Giadas Gesicht. Beide nickten und die zwei Gruppen gingen weiter über den Rasen zur nächsten Ankerstelle, die noch unendlich weit entfernt schien. Giada bedeutete den anderen beiden, ihr zu folgen, als sie Acias Gesicht auf der anderen Seite gesehen hatte.

„Sie sind nicht gesehen worden“, murmelte sie zufrieden und ging los. Acia tat es ihr auf der anderen Seite gleich. Caitlin und Carry folgten ihr. Acia ständig im Auge behaltend, schlichen die drei Kinder über den Rasen, bis Dillion plötzlich stehen blieb.

     „Dillion“, rief Josh leise. „Jetzt bleib doch nicht hier stehen! Wir müssen weiter!“

     „Aber da ist eine Tür.“

Giada wandte sich an Acia und bedeutete ihr, schon mal zum nächsten Ankerplatz vorzugehen. Acia verstand, und tat wie geheißten.

     „Mein Gott, Dillion!“, rief Giada. „Jetzt komm endlich!“

     „Lasst uns wenigsten probieren, ob die Tür offen ist“, schlug der Junge vor.

„Dann mach!“, zischte Josh und drückte selbst die Klinke herunter. Die Tür war verriegelt. Dillion drückte probeweise erneut gegen das Holz und drückte die Klinke abermals herunter, da Josh sie wieder losgelassen hatte. „Die Tür klemmt nur“, sagte Dillion und sie sprang auf. Carry blickte verständnislos von der anderen Seite des Innenhofs zu Giada. Diese versuchte Carry klar zu machen, dass die drei durch die Tür gehen würden, aber es dauerte ein wenig, bis Carry verstand, worum es ging. Sie nickte heftig mit dem Kopf, damit Giada es merkte. „Dann lasst uns durch diese Tür gehen“, zischte Giada und trat durch den Türrahmen. Die beiden Jungen folgten ihr. Josh zog die Tür hinter sich zu und als er versuchte, sie zu öffnen, klemmte sie wieder fest.

     Die Tür hatte sich wieder verkeilt.

„Na los“, murmelte Giada. Ein kurzer Gang tat sich vor ihr auf, ehe er in einem Korridor mündete, der wie der Querbalken eines T neben dem kurzen Gang verlief. Der lange Gang erstreckte sich rechts, bis er, sichtbar, an einer Wand endete. Zur Linken ging es weiter in den Hauptkomplex des Palastes. Einige Türen führten vom Gang ab, aber nur auf der linken Seite, wenn man in Flussrichtung blickte. Die Seite des Korridors, die dem Innenhof zugewandt war, war nur mit einer Tür ausgestattet, und durch diese waren die drei Controller soeben getreten. „Wo gehen wir lang?“, fragte Giada und wandte den Kopf an die Decke. Helle Leuchtstoffröhren erhellten den Korridor notdürftig. Ab und zu flackerte eine, aber schon nach weniger Zeit hatte sie ihre Leuchtkraft wieder gefunden. „Wir müssen nach links“, sagte Josh und deutete in die Richtung, in des in das Innere des Hauptkomplexes führte. Die drei Kinder gingen los und kamen – ohne, dass sie irgendjemand störte und entdeckte – an einen großen Durchgang, der nicht mit einer Tür verriegelt war. Nach rechts kam man in ein Zimmer und nach links in die große Eingangshalle. Vor den Controllern erstreckte sich eine große, aber schmale, Treppe, die sich nach einigen Stufen brach und dann in den zweiten Stock des Außenflügels führte, in den die drei Kinder vor ein paar Minuten hineingekommen waren. Drei Ilaner standen vor dem Tor, das in die Eingangshalle führte, ihre Gewehre bis zum Anschlag gehalten. Giada sah, wie Themma Tighhoor mit geraden Rücken und einem kühlen, herrischen Ausdruck und einem ebenso unfreundlichem Gesicht eine große Treppe herunterstieg, auf den Ilaner, der die Mitte des Tores bewachte, zuschritt und ihm dann etwas ins Ohr flüsterte. Der Ilaner trat beiseite und die großen Torflügel des Eingangsportales schwangen auf.

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fabula vaporis – Kap. 49

Sie saß stumm auf dem Stuhl und dachte nach. Über das, was sie geleistet hatte. Mehrere Kinder in die Unterwelt geführt und Ragami getötet. Und dann Tammo umgebracht. Aber das war egal. Sie war schließlich die Kanzlerin. Keiner konnte ihr etwas anhaben. Sie erhob sich und ging langsam auf das Eingangsportal zu, das aber zu dieser Zeit geschlossen war. Kurz vor den Türflügeln blieb sie stehen und rief nach Tildâr. Der Ilaner kam durch eine offen stehende Seitentür in den Saal.

     „Sie haben gerufen…“

„Bring mir meinen Umhang. Und dann ruf deine Untergebenen zusammen und postiere sie vor dem Eingangstor.“ Tildâr verneigte sich kurz. „Wie Ihr wünscht.“ – „Und“, fügte Themma Tighhoor noch eindringlich hinzu. „Beeil dich.“ Tildâr verneigte sich ein weiteres Mal, dann verschwand er wieder. Als Tildâr verschwunden war, klatschte Themma in die Hände und das Portal vor ihr öffnete sich. Die Kanzlerin schritt hindurch und es schloss sich wieder. So leise, wie es aufgegangen war. Tagsüber waren alle Sicherungen inaktiv, sodass gefahrlos durch die Korridore gegangen werden konnte. Themma durchschritt den Gang und kam bald darauf an eine weitere Tür. Diese öffnete sie und stand im Ankunftsraum. Ihre Gondel wartete schon auf sie, die Tür war offen. Die Kanzlerin kletterte auf den Sitz, schloss die Tür und dann fuhr die goldene Gondel los. Aus einem Lautsprecher drang die elektronisch verzerrte Stimme Tildârs. „Was sollen wir tun, wenn die Bevölkerung etwas mitbekommt?“, fragte er.

„In diesem Fall“, erwiderte Themma kühl. „Darf ich dich bitten, etwas dagegen zu unternehmen. Wenn sie einen Aufstand machen, dann sorg dafür, dass dieser Aufstand – ein eventueller Funke von Widerstand – wieder erlischt. Ich danke dir.“ Mit diesen Worten drückte Themma auf eine bräunliche Taste und das Signal, das die Gondel mit dem Palast der Macht verband, erlosch. Nun konnte sie keiner mehr kontaktieren. Es sei denn, Themma wollte es. Sie hatte ein wenig Angst, aber nur so viel, dass es ihr den Mut verlieh, eine alte Bekanntschaft wieder aufleben zu lassen und sich Unterstützung zu holen. Schließlich musste mit allen Mitteln verhindert werden, dass Themma Tighhoor gestürzt wurde.

Den Keller und den Rest des Hauses hatten sie schnell hinter sich gelassen, weshalb sie jetzt vor der offenen Haustür standen und sich gegenseitig ansahen. Sie musste keine Worte nennen, damit die Controller wussten, in welche Richtung sie gehen sollten. Das Ziel war allen bekannt.

     Der Palast der Macht.

Sie setzten sich in Bewegung und gingen die morgendliche Straße entlang. Es war nur wenig los um diese Uhrzeit, da es noch recht früh war. Die Schule würde auch erst in paar Stunden beginnen. Vögel kreisten am Himmel und dekorierten den rötlichen Himmel, der durch das Sonnenlicht erzeugt wurde. Einige Bahnen und Gondeln fuhren durch die Stadt. Auch ein paar Menschen waren unterwegs, besonders diejenigen, die früh arbeiten mussten. Nach einiger Zeit kamen sie an die große, breite Treppe, die in den Innenring führte. Es waren gut und gern dreißig breite Stufen, bis die Controller auf einem kleinen Vorplatz landeten, von dem nach links und rechts jeweils eine große Straße abging, die den gesamten Innenring kreisförmig durchzog. Vor ihnen lag die große breite Hauptstraße, die zum Palast der Macht führte. Er stach den Kindern direkt ins Auge. Die Sonnenstrahlen kletterten, da die Sonne im Rücken der Kinder aufging, die Mauer hinauf und hatten bald den ganzen Palast in helles Licht getaucht. Je höher die Kinder blickten, desto verschwommener wurde das Licht allerdings und das Blau des Himmels verblasste auch, da die Abgase der Fabriken den Himmel sehr weit oben verschmutzten – trotzdem konnte man das Blau des Himmels erkennen. Aus einem kleinen Seitentor, das direkt neben dem großen Haupttor in die Mauer eingelassen war, trat ein Bataillon von Ilanern und bezog vor dem Haupttor ihren Posten. Einige Bürger der Stadt blickten verwundert, als sie vorbeikamen, aber der grimmige Ausdruck in den Augen und Gesichtern der Wachen ließ sie stumm vorbeiziehen.