fabula vaporis – Kap. 52

Im Innenhof des Palastes der Macht war es nicht so heiß, wie in den Straßen Circurs. Die gemauerten Wände kühlten die Luft auf angenehme fünfundzwanzig Grad. Trotzdem geriet Caitlin ins Schwitzen, als die Mauer hinaufkletterte. Carry war ein wenig zurückgeblieben. „Acia ist den anderen gefolgt“, sagte sie kurz angebunden. Caitlin nickte und wandte den Kopf nach unten. „Ich weiß.“ Das rothaarige Mädchen kletterte ein wenig schneller, konnte Caitlin aber nicht einholen. „Würde es dir was ausmachen, etwas langsamer zu klettern?“, fragte Carry. „Das geht nicht. Dann entdecken sie uns vielleicht.“ Caitlin schloss die Augen. „Oh, Mist!“, fluchte sie. „Die Ilaner kommen wieder!“ – „Aus welcher Richtung?“, erkundigte sich das rothaarige Mädchen. Caitlin wies in eine Richtung.

Im Schatten der Mauer würden die beiden nicht so schnell bemerkt werden, wenn sie sich nicht bewegten. „Wie weit sind sie noch entfernt?“, fragte Carry. „In etwa einer Minute kommen sie um die Ecke.“ Carry, du kannst ziemlich weit und hoch springen, nicht wahr?, hatte Lionel vor einiger Zeit einmal zu Carry gesagt. „Das dauert zu lange“, entschied Carry, ließ los und stieß sich von dem Vorsprung ab, auf dem ihre Füße Halt gefunden hatten. Für die Dauer von fünf Sekunden flog Carry in die Luft und in die Höhe. Als sie wieder auf die Erde herabzustürzen drohte, krallte sie sich an einem Vorsprung in der Mauer fest und zog sich hoch, damit sie mit ihren Füßen Halt finden konnte. Caitlin war dicht unter Carry und blickte erstaunt drein. „Los, beeil dich! Einer ist weniger unauffällig, als zwei!“ Carry nickte und kletterte den letzten Meter, der sie von der mit Zinnen bewehrten Brüstung trennte, hinauf. Sie blickte kurz nach links und rechts, dann ließ sie sich über die Kante gleiten und duckte sich hinter einer Zinne. Sie spähte am Rand entlang in den Innenhof.

Die Ilaner kamen gerade um die Ecke, als Carry sich hinter der Zinne versteckt hatte. Caitlin verrenkte den Kopf, um die Ilaner sehen zu können, dann hielt sie still und starrte stumm auf die Gruppe, die auf dem Querweg, der vor dem großen Luftschiff vorbeiführte, entlang gingen. Carry drehte sich wieder und sah die Zinne ihr gegenüber an. Von links her kam ein Mann aus einer Tür herausgeschlendert, gähnte und schloss die Tür dann sanft. Er hatte ein Gewehr in der Hand, das mit einer Schlaufe um seinen Nacken befestigt war. Als er sich dem Weg zuwandte, der sich vor ihm etwa dreißig Meter erstreckte und dann durch eine Tür unterbrochen wurde, erblickte er Carry. Das rothaarige Mädchen unterdrückte einen entsetzten Aufschrei; der Ilaner war zu verblüfft, um Alarm zu schlagen. Carry erhob sich und lief geduckt zu dem Mann. Dieser reagierte mit einem Schuss, der die Wachen auf dem Innenhof zur Mauer aufblicken ließ. Die Männer sahen gerade noch, wie der Ilaner kreischend die Mauer hinunterfiel. Den Grund dafür entdeckten sie nicht. Aber als ihre Blicke dem fallenden Mann folgten, bemerkten sie den seltsam geformten Stein, der sich, aufgrund ihrer guten Augen, als Mensch herausstellte. Ein Ilaner griff nach einem Funkgerät, um Alarm zu schlagen, aber ein anderer hob das Scharfschützengewehr, das er geschultert hatte; dann feuerte er ab. Beinahe im selben Augenblick sahen die Ilaner, das der Mensch, der sich da festkrallte, zu Boden stürzte. Carry hatte stumm mit angesehen, was passiert war. Sie befahl Caitlin, ruhig zu sein. Das rothaarige Mädchen hatte sich hinter einer Zinne verborgen und gab die Kommandos, da sie hinter der Kante hervorlugte.

     Caitlin hatte sofort einen Plan, was sie tun würde, wenn ein Ilaner auf sie schießen würde.

     „Er legt an, glaube ich!“, rief Carry.

Caitlin ließ in dem Augenblick los, als der Ilaner gezielt hatte. Die Kugel traf auf, und Caitlin ließ los. Als sie den Schatten der Gondel im Rücken spürte – und sie war sich sicher, dass die Ilaner sie nicht mehr sehen konnten – krallte sie sich mit aller Kraft an einem Stein fest. Der Schwung, den sie hatte, riss ihr beinahe die Arme aus, aber Caitlin krallte sich nur noch fester an den Stein, bis ihre Füße Halt gefunden hatten. Sie wusste, dass es ein riskanter Plan gewesen war, loszulassen, obwohl der Ilaner noch nicht geschossen hatte. Zwei Dinge hätte schiefgehen können. Wenn Caitlin gestürzt wäre, ohne, dass der Mann einen Schuss abgefeuert hatte, hätte das Mädchen sich verraten. Und wenn sie in dem Moment losgelassen hätte, als der Ilaner abgefeuert hatte, wäre sie jetzt tot. Scharfschützengewehre, wie die Ilaner sie stets bei sich trugen, konnten binnen einer Sekunde 790 Meter hinter sich lassen.

     So schnell hätte das Mädchen überhaupt nicht reagieren können.

Caitlin wartete noch einige Minuten, ehe sie wieder hinaufkletterte. Indem sie ihre Augen geschlossen hatte, nahm sie wahr, dass die Ilaner wieder hinter der Mauer verschwunden waren, die sich links neben Caitlin erstreckte. Carry sah sich oben auf der Mauer nervös um, konnte aber niemanden entdecken, der sie beobachtete, weshalb sie sich wieder Caitlin zuwandte und die Wand hinunterspähte.

     „Beeil dich ein wenig“, flüsterte das rothaarige Mädchen der Kletternden zu.

     „Ist ja gut“, gab diese zurück. „Ich bin gleich oben.“

Carry verlor die Geduld. Sie kniete sich auf die Lücke, die zwischen zwei Zinnen war, und klemmte ihre Füße dahinter. Dann ließ sie sich nach vorn fallen. Verärgert stellte Carry fest, dass sie, trotz, dass sie die Arme nach unten streckte, zu kurz war. Caitlin sah Carry verständnislos an. „Warte doch die zwei Minuten eben!“ Carry richtete sich wieder auf, was sie, aufgrund ihrer Lage, viel Kraft kostete. Ein kurzer Schwindelanfall ließ das Mädchen verschnaufen, ehe sie von der Lücke heruntersprang und sich dann in sie hineinsetzte. Sie drückte ihre Waden an die Mauer und ließ sich nach hinten fallen. Ihr Rücken berührte den oberen Teil der Lücke, aber auch jetzt reichte Carrys Länge nicht aus, um Caitlin hoch zu helfen. Das rothaarige Mädchen lockerte den Druck an den Waden, und diese schoben sich über die Kante, die zwischen den beiden mit Zinnen bewehrten Balustraden lag, und ihre Waden berührten nun den Teil der Lücke, der dem Himmel zugewandt war. Zufrieden stellte Carry fest, dass sie Caitlins Arm zu fassen bekam. Dann umschlang sie das Handgelenk der anderen mit beiden Händen und zog sie hinauf. Ehe Caitlin protestieren konnte, schwang Carry Caitlin hin und her, und als diese genug Schwung hatte, ließ Carry los. Caitlin klammerte sich an eine Zinne, als sie hart gegen die Mauer schlug, die sich beim Klettern zu ihrer Linken erstreckt hatte. Sie zog sich hoch und eilte über einen Weg, der zwischen den beiden Mauern war, zu Carry und zog sie hoch. „Danke“, keuchte die Rothaarige und zog Caitlin mit sich in die Richtung, in der Ilaner vor wenigen Minuten hatte verschwinden wollen. Die beiden Mädchen eilten geduckt zur Tür und Caitlin drückte die Klinke herunter. „Sie ist offen!“ Dann traten die beiden Mädchen über die Schwelle.

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