fabula vaporis – Kap. 50

Ja, mach nur einen Plan, sei ein großes Licht. Und mach‘ dann noch ’nen zweiten Plan, gehen tun sie beide nicht.

Bertold Brecht

Die Controller versteckten sich hinter einer Hauswand, als die Ilaner in ihre Richtung blickten. Dann verzogen sie sich in einer der großen Seitenstraße und gingen sie zügig entlang. Bald kam eine weitere Querstraße, die nach links zurück zum Palast führte. Diese Straße nahmen die Controller und näherten sich einer etwa hüfthohen Kaimauer, die den Fluss umzog, damit keiner hineinfiel. Das Gewässer, das sich hinter der Mauer erstreckte, umspannte beinahe den gesamten Palast. Nur an der Stelle, wo das Tor war, führte der Fluss unterirdisch und hatte eine Abzweigung, die die anderen Kanäle der Stadt mit Wasser speiste. Auf der anderen Seite des Flusses war der Anlegesteg für die Boote, die am Palast der Macht ankerten. Etwa achtzig Meter davon entfernt war ein Boot an einem hervorstehenden Stein an der Mauer vertäut. Keine zwanzig Meter neben den Kindern war ein weiterer Ankerplatz für Boote, der die Kaimauer unterbrach und wie eine Zunge in den Fluss hineinreichte. Acia beschloss, dass die Controller ein Boot zum Palast nehmen sollten, was dann auch geschah. Kurze Zeit später tuckerte ein kleines Holzboot mit Motor über den Fluss und ankerte etwa zehn Minuten später an dem Steg auf der anderen Seite. „Kommt!“, zischte Dillion und hüpfte aus dem Boot. Seine Aktion hatte das Boot gefährlich schwanken lassen und Josh wäre beinahe herausgefallen, wurde aber noch gerade rechtzeitig von Giada am Ärmel gefasst, was ihn vor einem Sturz in das trübe Wasser bewahrte.

Dillion hatte sich an die Mauer gepresst. „Kommt jetzt!“, murmelte er und machte eine hektische Geste mit den Händen, um die anderen Kinder heranzuwinken. Jason und Iris blieben im Boot zurück, um, wie Acia es ausdrückte, ‚einen Plan B in der Tasche zu haben‘, falls etwas schief lief. „Es wird nichts schieflaufen“, sagte Carry und deutete auf eine Gruppe Ilaner, die an der Mauer entlangmarschierte. Anscheinend schienen die Wachen der Kanzlerin die Controller nicht zu bemerken. Das Tuckern des Motors riss die Kinder aus ihrer Vorsicht und alle drehten sich in Richtung Fluss um. Acia nickte bedächtig, und erklärte den anderen schnell, warum Iris und Jason wegfuhren. Dillion war schon wieder weitergegangen und hinter der Mauer hervorgeschlüpft. Er hatte sich hinter dem großen Luftschiff versteckt, das an seinem Stammplatz ankerte und, wenn man am großen Portal innerhalb der Mauern des Palastes stand, die Sicht auf Circur versperrte.

     „Und was jetzt?“, flüsterte der Junge.

     „Jetzt gehen wir in den Palast hinein.“

     „Wie willst du das anstellen, Acia?“

„Das lass mal meine Sorge sein“, antwortete das Mädchen nur. „Carry? Caitlin? Ihr geht mit mir in diese Richtung. Ihr anderen nehmt diese Richtung.“ Die anderen drei Controller nickten und verschwanden auf der rechten Seite des vertäuten Luftschiffes. Acia, Carry und Caitlin nahmen die anderen Seite und schlichen über einen Kiesweg auf einen Rasenplatz, an dem ein weiteres, kleines Luftschiff ankerte. Sie konnte gerade noch sehen, wie auch die anderen Kinder den Kiesweg überwunden hatten und sich hinter einer, gegenüber dem Luftschiff auf der linken Seite liegenden, Gondel versteckten. Die Gondel war mit einem steil in den Himmel ragenden Drahtseil verbunden und konnte so direkt von ihrem Ankerplatz ins öffentliche Gondelverkehrsnetz geschleust werden. Acia bedeutete Carry und Caitlin, ihr zu folgen. Links neben ihnen erstreckte sich die lange Palastmauer, in dessen dritten Stock der Ankerplatz für die Gondeln war, die einen Bürger zur Audienz bei der Kanzlerin brachten. Rechts ankerten in regelmäßigen Abständen Gondeln oder Luftschiffe, zwischen denen etwa fünfzig Meter Platz war. Und diese fünfzig Meter waren gerade für die Controller eine riskante Hürde, da sie gesehen werden konnten, und kein Versteckt so schnell in der Nähe war. Die beiden Gruppen gingen in gleichmäßigem Tempo, sodass sie sich sehen und per Gestik verständigen konnten, wenn wieder eine große Lücke zwischen zwei Transportmitteln war. Josh winkte Carry hektisch zu, als die sechs sich wieder sehen konnten. Der Junge deutete auf die Gondel, die Carry, Caitlin und Acia in Kürze als Versteckt dienen würde. Auf der anderen Seite beschleunigten Josh, Giada und Dillion ihre Schritte und verschwanden kurz darauf hinter einer Gondel.

„Schnell“, flüsterte Carry. „Wir müssen hinter die Gondel. Ich glaube, Josh hat jemanden in ihrem Innern gesehen. Und wenn der herauskommt…“ – „Dann schnell“, zischte Acia und auch die drei Mädchen verschwanden raschen Schrittes hinter der im Sonnenlicht funkelnden Gondel. Tatsächlich trat ein Ilaner heraus und sprach etwas in einen kleinen Kasten, den er aus einer Gürteltasche holte. Einige Knackgeräusche antworteten ihm und der Ilaner ging zur nächsten in Flussrichtung liegenden Gondel. Anscheinend hatte er die Kinder nicht bemerkt. „Warum hat er Dillion und die anderen nicht gesehen?“, fragte Acia verwundert. „Wenn er aus der Gondel gekommen ist, muss er sie doch gesehen haben!“ – „Nein“, murmelte Caitlin. „Wenn eine Gondel nach langem Herumstehen wieder geöffnet wird, dauert es ein wenig, bis die Tür auf ist und Dampf bildet sich auch. Aber bei diesem Licht war der nicht zu sehen.“

     „Dann haben sich Josh, Dillion und Giada ja mächtig beeilt“, flüsterte Carry zurück.

„Das brauchten sie gar nicht. Sie haben wahrscheinlich gesehen, wie die Tür aufging und uns dann Bescheid gesagt…“ – „Ist doch jetzt egal. Weiter!“, zischte Acia und schlich voran. Als sie an das Ende der Gondel kam, schaute sie kurz um die Ecke und sah auf der anderen Seite des Innenhofs Giadas Gesicht. Beide nickten und die zwei Gruppen gingen weiter über den Rasen zur nächsten Ankerstelle, die noch unendlich weit entfernt schien. Giada bedeutete den anderen beiden, ihr zu folgen, als sie Acias Gesicht auf der anderen Seite gesehen hatte.

„Sie sind nicht gesehen worden“, murmelte sie zufrieden und ging los. Acia tat es ihr auf der anderen Seite gleich. Caitlin und Carry folgten ihr. Acia ständig im Auge behaltend, schlichen die drei Kinder über den Rasen, bis Dillion plötzlich stehen blieb.

     „Dillion“, rief Josh leise. „Jetzt bleib doch nicht hier stehen! Wir müssen weiter!“

     „Aber da ist eine Tür.“

Giada wandte sich an Acia und bedeutete ihr, schon mal zum nächsten Ankerplatz vorzugehen. Acia verstand, und tat wie geheißten.

     „Mein Gott, Dillion!“, rief Giada. „Jetzt komm endlich!“

     „Lasst uns wenigsten probieren, ob die Tür offen ist“, schlug der Junge vor.

„Dann mach!“, zischte Josh und drückte selbst die Klinke herunter. Die Tür war verriegelt. Dillion drückte probeweise erneut gegen das Holz und drückte die Klinke abermals herunter, da Josh sie wieder losgelassen hatte. „Die Tür klemmt nur“, sagte Dillion und sie sprang auf. Carry blickte verständnislos von der anderen Seite des Innenhofs zu Giada. Diese versuchte Carry klar zu machen, dass die drei durch die Tür gehen würden, aber es dauerte ein wenig, bis Carry verstand, worum es ging. Sie nickte heftig mit dem Kopf, damit Giada es merkte. „Dann lasst uns durch diese Tür gehen“, zischte Giada und trat durch den Türrahmen. Die beiden Jungen folgten ihr. Josh zog die Tür hinter sich zu und als er versuchte, sie zu öffnen, klemmte sie wieder fest.

     Die Tür hatte sich wieder verkeilt.

„Na los“, murmelte Giada. Ein kurzer Gang tat sich vor ihr auf, ehe er in einem Korridor mündete, der wie der Querbalken eines T neben dem kurzen Gang verlief. Der lange Gang erstreckte sich rechts, bis er, sichtbar, an einer Wand endete. Zur Linken ging es weiter in den Hauptkomplex des Palastes. Einige Türen führten vom Gang ab, aber nur auf der linken Seite, wenn man in Flussrichtung blickte. Die Seite des Korridors, die dem Innenhof zugewandt war, war nur mit einer Tür ausgestattet, und durch diese waren die drei Controller soeben getreten. „Wo gehen wir lang?“, fragte Giada und wandte den Kopf an die Decke. Helle Leuchtstoffröhren erhellten den Korridor notdürftig. Ab und zu flackerte eine, aber schon nach weniger Zeit hatte sie ihre Leuchtkraft wieder gefunden. „Wir müssen nach links“, sagte Josh und deutete in die Richtung, in des in das Innere des Hauptkomplexes führte. Die drei Kinder gingen los und kamen – ohne, dass sie irgendjemand störte und entdeckte – an einen großen Durchgang, der nicht mit einer Tür verriegelt war. Nach rechts kam man in ein Zimmer und nach links in die große Eingangshalle. Vor den Controllern erstreckte sich eine große, aber schmale, Treppe, die sich nach einigen Stufen brach und dann in den zweiten Stock des Außenflügels führte, in den die drei Kinder vor ein paar Minuten hineingekommen waren. Drei Ilaner standen vor dem Tor, das in die Eingangshalle führte, ihre Gewehre bis zum Anschlag gehalten. Giada sah, wie Themma Tighhoor mit geraden Rücken und einem kühlen, herrischen Ausdruck und einem ebenso unfreundlichem Gesicht eine große Treppe herunterstieg, auf den Ilaner, der die Mitte des Tores bewachte, zuschritt und ihm dann etwas ins Ohr flüsterte. Der Ilaner trat beiseite und die großen Torflügel des Eingangsportales schwangen auf.

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