fabula vaporis – Kap. 47

Der Korb, der an dem Zahnrad befestigt war, setzte sich in Bewegung. Er stieg hinauf, während sich das Seil, das an dem der Korb angebunden war, auf einer Spule aufwickelte. Bald schon hatten die Kinder und der Locor Narcana mehrere dutzende Meter hinter sich gelassen. „Auf Wiedersehen“, hauchte Carry erneut, obwohl Jesse längst verschwunden war, dann setzte sich das Mädchen auf den Boden des Korbes und weinte. Die Controller waren im Gegensatz zum munteren Locor Narcana äußerst müde. Sie versuchten alle, nicht einzuschlafen, obwohl das bei dieser sanften Fahrt mit dem Korb nicht möglich war. Kurz darauf waren alle eingenickt, aber der Erfinder weckte sie sofort wieder. „Wir sind da“, verkündete er und kletterte aus dem Korb heraus. Dann half der müden Kindern. Sein Äußeres hatte sich dramatisch verändert. Statt des grünen Leuchtens war gesunde Farbe in seine Haut zurückgekehrt und auch sonst sah er lebendiger aus.

     „Wann bauen Sie die Arkana zusammen?“, fragte Iris und gähnte.

„Sofort“, entgegnete der Erfinder. „Aber dazu müssen wir in mein Haus.“ Er schien froh darüber zu sein, wieder unter den Lebenden weilen zu können. „Wie weit ist es von hier?“, fragte Carry. „Etwa fünfzehn Minuten zu Fuß.“ Keiner der Controller erwiderte etwas. Nur Locor kommentierte seine Antwort mit einem listigen Grinsen, das aufgrund der Dunkelheit aber keiner bemerkte.

Fünfzehn Minuten später…

Das Haus war mit Brettern vernagelt, wie eh und je. Im Dachfirst war ein Loch hineingesprengt worden. „Wer war das?“, fragte Locor nicht ohne einen Anflug von Wut in der Stimme und deutete auf das Loch im Dach. „Jones“, erwiderte Josh. „Ein Meisterdieb, der im Auftrag der Kanzlerin gearbeitet hat.“ – „Der werde ich es zeigen“, grummelte der Erfinder, dann schritt er die paar Stufen zur Haustür hinauf und öffnete sie.

     „Schön!“, rief er erfreut und schien Jones schon wieder vergessen zu haben. „Es hat also gehalten!“

     „Könnten wir jetzt bitte in Ihr Haus gehen?“, fragte Acia. „Mir ist kalt.“

„Natürlich“, sagte Locor und versenkte einen Ziegelstein, der in einer Wand neben der Tür eingemauert war. Die Bretter lösten sich aus ihrer Vernagelung und fielen auf einen Haufen zusammen. „Wenn ihr mir folgen würdet“, sagte der Erfinder. „Der letzte macht die Tür zu. Sonst zieht es wieder so.“ Dann trat er ein. Die acht Kinder folgten ihm zögernd. Sie trauten ihm nicht ganz. Schließlich war er es schuld, dass Jesse in der Unterwelt Circurs war. Locor öffnete noch weitere Türen, in dem er die Bretter aus ihrer Verankerung löste und sie auf einen Haufen fielen, der dann mehr oder weniger den Weg blockierte. Aber der Erfinder stieg einfach über die Bretter hinweg, als ob es sie nicht gäbe.

     „Wo müssen wir hin?“, fragte Jason schließlich.

„In den Keller“, antwortete Locor nur. „Da habe ich mein Werkzeug.“ Die Treppe lag auch schon vor den Kindern. Locor war verwundert, dass die Bretter beiseite gesprengt worden waren, sagte aber nichts, sondern stapfte die Treppe herunter. Unten angekommen wählte er eine Tür aus und drückte einen Ziegel hinunter. Die Bretter fielen ab und versperrten wie üblich den Weg. „Tretet ein!“, rief Locor dramatisch. Er trat über die Schwelle und verschwand im Dunkel hinter der Tür, aber gleich darauf strömte ein warmes Licht aus dem Raum, da der Erfinder mehrere Lampen angeschaltet hatte. Der Strom in diesem Haus funktionierte nach den vielen Jahren, die er in der Unterwelt zugebracht hatte, immer noch. Als die Controller das Werkzimmer betraten, blieb ihnen vor Staunen der Mund offen stehen. Eine große Treppe führte einige Meter in die Tiefe. Locor stand auf einer Plattform und blickte einmal rund durch die Halle. An der Decke baumelten viele Lichter und erhellten den Raum in jeder Ecke. Hier und da standen Maschinen und große Wellräder verbanden starke Bänder miteinander, damit die Maschinen laufen konnten. An der Decke hingen unfertige Gondeln und in der Mitte der Halle stand ein großer Werktisch, der mit allerlei Werkzeug und Schrauben, Nieten oder Nägeln bestückt war.

Jason konnte sich nicht mehr halten und rannte die Wendeltreppe, die nach unten führte, herunter. Dann sah er sich neugierig um. „Wie ich sehe, gefällt es dem Jungen hier“, lachte Locor und ging ebenfalls die Wendeltreppe herunter. „Folgt mir.“

     „Was werden Sie jetzt machen?“, fragte Acia.

„Ich werde die Arkana zusammensetzen. Du hast sie doch bei dir, oder?“ Acia nickte mit dem Kopf. „Habe ich.“ – „Dann gib sie mir doch mal“, murmelte Locor und ging auf seinen Werktisch zu. Acia überlegte kurz. Locor war schließlich dafür verantwortlich, dass Jesse jetzt in der Unterwelt war. Sie wägte alle Möglichkeiten ab: Alleine konnten sie nicht die Arkana zusammensetzen. Locor würde eine große Hilfe sein. Als Acia den Entschluss gefasst hatte, legte sie – mit ein wenig Widerwillen – die Arkana auf den Tisch. Aber auch nur wegen Jesse, dachte sich das Mädchen und wandte sich an den Erfinder.

     „Dürfen wir uns ausruhen?“, fragte das Mädchen. Locor nickte. „Sucht euch einen Platz.“

„Danke“, erwiderte Dillion und die acht Controller legten sich in die Nähe einer großen Maschine und schliefen ein. Nur Jason saß noch auf einem Stuhl neben Locor und sah ihm zu, wie er in einem Buch las. „Warum lesen Sie?“, fragte Jason. „Weil ich lese“, antwortete Locor. „Und ich brauche das, was ich lesen, wenn ich die Arkana zusammen bauen soll! Leg dich jetzt schlafen.“ Jason folgte Locors Anweisung und gesellte sich zu seinen Freunden. Dann legte er sich hin und schlief. Locor saß noch lange auf dem Stuhl und beugte sich über das Buch, das er in den Händen hielt. Er überlegte, ob das, was er sich vorstellte, auch gelingen konnte. Vielleicht ließ ihn sein Gewissen auch wieder im Stich; wie damals, als Locor von der Kanzlerin ins Jenseits befördert wurde. Nur, weil er Gewissensbisse in Bezug auf den Tod des Vaters gehabt hatte, hatte Themma den Erfinder vernichtet. Aber diejenigen, die ebenfalls dabei gewesen waren, großzügig übersehen. Das machte Locor Narcana immer noch wütend, aber nun weilte er wieder unter den Lebenden. Und das wollte er nun solange, bis er wieder sterben würde.

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