fabula vaporis – Kap. 46

„Ich bringe dich um!“, knurrte Themma bösartig und wirbelte herum. Sie blickte in die Augen einer grün leuchtenden Gestalt. „Endlich…“ – „Ich hoffe, du hast mich nicht allzu sehr vermisst“, sagte Locor Narcana mit mechanisch klingender Stimme. „Auch, wenn ich Chaos angerichtet habe…“ Der Klang seiner Stimme troff vor Ironie. „Wo ist es?“, zischte Themma Tighhoor. „Hier.“ Locor griff in eine Tasche, die an der grün umrandeten Jacke war. Dann warf er den Gegenstand aus der Tasche in die Luft und kicherte kalt. Erst jetzt bemerkte er die neun Controller, die hinter der Kanzlerin standen.

Acia hechtete los und sprang vom Boden in die Luft hinauf. Sie streckte ihren linken Arm aus und bekam das Arkanum der Erde zu fassen. Dann stürzte sie wieder gen Holzboden und kam hart auf. „Gib sie mir“, befahl Themma und baute sich vor der auf dem Boden liegenden Acia auf. „Niemals“, zischte das Mädchen zurück und raffte sich auf. Darauf trat sie einige Schritte zurück und stellte sich vor ihre Freunde. „Miss Tighhoor“, setzte die Anführerin der Controller an. „Ich glaube, Sie haben sich sehr in uns verschätzt. Denken Sie wirklich, ich arbeite mit Ihnen zusammen?“, fragte Acia. „Da denkst du falsch, Mädchen!“, fauchte Themma, beruhigte sich aber sofort wieder. „Glaubst du denn, dass ich neun dahergelaufenen Kindern Vertrauen schenke?“ Themma lachte. „Oh nein!“ Sie klatschte in die Hände. Ein grünliches Licht breitete sich von den Händen der Kanzlerin ausgehend im Raum aus. Locor wusste anscheinend, dass das nichts Gutes verhieß, weshalb er sich schnell hinter einem Zahnrad versteckte.

Das Licht wuchs in die Höhe, dann in die Breite und ganz langsam nahm es menschliche Konturen an. Ein Junge, der etwa vierzehn Jahre alt sein mochte, stand neben Themma. „Ich habe nicht gelogen“, zischte sie. „Du hast ihn umgebracht!“ Mit diesen Worten drehte Themma sich um und stapfte in die Dunkelheit davon. „Wir sehen uns wieder, verehrte Acia Merchant… Und zwar schneller, als dir lieb ist!“ Themma pfiff einmal, dann kam eine kleine Brise auf und die Kanzlerin wurde in die Höhe getragen. Dann war sie verschwunden und Acia kniete auf dem Boden und weinte. Locors Konturen schälten sich wieder aus dem Dunkel. „Ich könnte euch ja helfen…“, wisperte er mit leiser Stimme, die den Stimmen der vier Arkana nicht ganz unähnlich klang. „Du kannst Dylan nicht lebendig machen!“ Acia erhob sich – sie hatte Tränen in den Augen – und rannte auf die grünliche Gestalt ihres Bruders zu. „Aber du kannst es…“, wisperte Locor. „Und wenn ihr die Kanzlerin besiegen wollt, was die erste Voraussetzung ist…“

     Acia hielt inne. Ihr Bruder lächelte schwach und winkte. Acia winkte zurück. „Wirklich…?“

     „Wenn ich es doch sage…“

     „Wie kommen wir hier weg?“, fragte Jesse.

     „Ganz einfach“, entgegnete der Erfinder mit einem listigen Grinsen. „Folgt mir.“

     „Wohin?“, wisperte Acia. „Ich will hier nicht weg…“

„Du kannst deinen Bruder retten“, erwiderte der Erfinder. „Du musst es nur wollen – und daran glauben.“ – „Wenn das wirklich wahr ist“, murmelte Acia mit etwas ruhigerer Stimme. „Dann folge ich dir.“ Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Locor grinste zufrieden. „Dann komm.“ Acia hatte noch einige Zweifel, aber wenn sie wirklich ihren Bruder wiedersehen konnte, hätte Locor Narcana ihr den größten Wunsch auf Erden erfüllt. Die zehn Personen setzten sich in Bewegung. Statt Caitlin ging jetzt Locor Narcana ganz vorn an der Spitze und lotste die Controller durch ein Labyrinth von Zahnrädern, bis er vor einem einzigen großen stehen blieb. „Hier ist es. Von mir selbst konstruiert“, sagte Locor Narcana theatralisch. „Er kann uns bis an die Erdoberfläche bringen.“

„Da muss ich leider widersprechen“, dröhnte da auf einmal die Stimme Master Mors‘ aus den Höhen der Halle und übertönte alle Geräusche der tickenden Zahnräder. Ein flatternder Umhang wehte aus den Höhen der Halle. Er gehörte einer knochigen Person, die ihn angezogen hatte. In einer Hand trug sie ein Stundenglas, in der anderen Hand eine Sense. „Ihr könnt den Tod nicht täuschen! Darauf steht… die Todesstrafe.“ Offenbar amüsiert über den eigenen Scherz, landete der Tod auf dem mit Holzdielen ausgelegten Boden und blickte die zehn Gestalten an. Acias Bruder war nicht mitgekommen, sondern hatte sich, nachdem Acia sich den Controllern wieder zugewandt hatte, in Luft aufgelöst.

     Der Tod setzte mit lauter Stimme wieder an. „Einer muss hier bleiben.“

Neun Gestalten hatten sich in dem Korb versammelt, den Locor an dem Zahnrad konstruiert hatte. Josh weinter und winkte seinem Bruder zu. Warum hatte gerade dieser sich dazu entschieden, in der Welt der Toten zu bleiben? Auch Carry weinte und drückte Jesse‘ Hand. „Wir holen dich zurück“, sagte sie mit tränenerstickter Stimme. „Ganz bestimmt.“ Jesse hatte sich von Anfang an entschieden, in der Unterwelt Circurs zu bleiben. Er hatte sich nicht davon abbringen lassen und auch als Dillion angeboten hatte, hier, in der Finsternis zu bleiben, hatte Jesse „Nein!“ gesagt. Carry hatte Master Mors etwas gefragt – unter Tränen angefleht. „Warum muss Jesse hier bleiben?“, hatte sie gefragt. „Als wir das erste Arkanum gesucht haben, konnten wir auch wieder alle zurück.“ Master Mors hatte geschwiegen und nichts erwidert. „Wir sehen uns wieder“, sagte Jesse nun und klang zuversichtlich. „Ganz bestimmt.“

Und dann setzte Master Mors das Zahnrad in Gang und schleifte Jesse davon. In die Tiefen der Unterwelt. Der Junge war für den Gebieter des Todes praktisch schon tot. Ob das Herz noch schlug oder nicht, spielte da kaum eine Rolle.

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