fabula vaporis – Kap. 39

Sie hatten es ganz anders erwartet, als es eigentlich war. Die Decke wurde von zusammengewachsenen Tropfsteinen gehalten und waren nicht aus Kalk und anderen Mineralstoffen gebaut, sondern aus fester Erde, die auch die Decke der Halle bildete und den Boden ebenso. Als sie noch vor der Tür gestanden hatten, war allen Flammen gleich gewesen und hell erleuchtet. Warum dem jetzt nicht so war, konnte sich keiner der Controller erklären, wollte es aber auch gar nicht, da diese beklemmende Halle aus Erde sehr furchterregen, zeitgleich dazu aber auch eindrucksvoll war.

Aus der Höhe, in die das dämmrige Licht, das die drei Arkana in Acias Hand versprühten, nicht mehr drang, waren beängstigende Geräusche zu vernehmen. Zugleich waren diese Laute aber auch unbekannt und weckten eine unstillbare Neugier in den neun Controllern. Das war ihnen an den leuchtenden Augen anzusehen. Aber das war nur ein Trick, den Master Mors sich hatte einfallen lassen, um die Besucher zum Sterben zu bringen. Wer seinen Instinkten folgte, würde die Säulen hinaufklettern und dann, irgendwann, wenn man nicht damit rechnete, den Halt verlieren – aus Mangel an Kraft. Acia hielt die Hand, in der sie Arkana der Macht hielt, etwas höher, damit der Lichtkegel, der von ihnen ausging, ein wenig mehr erhellte. Schließlich öffnete sie den Mund und sprach das allgemeine Schweigen.

„Wo müssen wir entlang?“, hallte ihre Stimme im Kopf der anderen. Aus dem Mund Acias drang kein Wort. Jeglicher Laut erklang in den Köpfen der Anwesenden; die Gedanken aber konnte keiner mit anhören. Und das war auch gut so. Schließlich konnte Master Mors nicht zulassen, dass in seinem Reich die Diskretion nicht groß geschrieben wird. „Ich weiß nicht“, erscholl Dillions Stimme in den Köpfen aller Kinder. „Aber was müssen wir eigentlich machen?“

„Wir suchen das vierte Arkanum, dann diesen Erfinder und dann sehen wir weiter“, antwortete Iris anstelle von Acia. Dann fielen die Kinder wieder in Schweigen und lauschten den fremden Geräuschen, die aus der Höhe der Halle kamen. Die Erde wurde mit jedem Schritt fester und irgendwann wich sie kaltem Granitstein, der sorgfältig mit Pflastermustern auf dem Boden aufgetragen war. Dann wurde die Halle immer kleiner und enger, bis sie in einem Gang verlief, der sich irgendwann gabelte.

    „Und jetzt?“, fragte Jesse.

    „Wir könnten nach links gehen“, schlug Caitlin vor. „Da kommt nämlich in etwa achthundert Metern ein Wasserfall. Oder wir gehen nach rechts, dann kommen wir in eine Sackgasse. Sucht euch aus, wo wir entlanggehen, aber ich tendiere für den linken Gang.“ – „Hahaha“, sagte Acia monoton. „Die Ironie hättest du dir sparen können.“ Caitlin zuckte mit den Schultern. „Wollen wir?“, fragte Giada und erntete eine allgemeine Bejahung.

Dann bogen die Controller in den linken Gang ein und setzten sich in Bewegung. Bald schon war das entfernte Rauschen des Wasserfalls zu hören. „Warum“, fragte Carry. „Höre ich eure Stimmen nur in meinem Kopf und das Rauschen des Wasserfalls und diese seltsamen Stimmen mit den Ohren?“

    Keiner gab eine Antwort.

    Vielleicht, weil keiner eine wusste.

    Vielleicht aber auch, weil keiner antworten wollte.

Der Gang wurde wieder breiter und die Luft feuchter, aber auch abgestandener. Das Wasser, das den Fall herunterstürzte, wirbelte die Luft zwar ein wenig auf, aber nur nahe an der Wasserfront, sodass die Erde ihren markanten Geruch an die Luft abgegeben hatte. Ein plötzliches Gefühl von Klaustrophobie überfiel die Kinder. Warum, konnte keiner sagen. Eine weitere Absicherung, dass keiner in das Reich des Todes vordringen konnte, vielleicht. Da fiel Josh das Lied ein, das Cerydwen immer gesungen hatte, als die beiden Jungen noch klein gewesen waren… Cerydwen. Der Name weckte Unruhe in dem Gedächtnis des Jungen. Hatte die Mutter der beiden Jungen das Virus überlebt? Hoffentlich. Eine große Lücke würde im Leben der drei Kinder – Jesse, Josh und Carry – sein. Wollen wir mal nicht schwarzsehen, dachte Josh und wandte sich wieder dem Gang zu. Und da fiel ihm wieder das Lied ein. „Zwei Schritte von der Hölle entfernt…“, summte er. Acia blieb ruckartig stehen, als sie das Lied ihn ihrem Kopf hallen hörte.

    „Was ist das?“, fragte sie.

    „Ein Lied“, antwortete Jesse anstelle seines Bruders. „Das hat uns Cerydwen immer vorgesungen, als wir noch klein waren.“ – „Ich kenne dieses Lied“, sagte Acia und summte weiter. „Zwei Schritte von der Hölle entfernt…“ – „Können wir weitergehen?“, fragte Iris, doch auch ihr war anzusehen, dass sie dieses Lied kannte. Aber warum?

    Warum kannte dieses Lied jeder der Controller, tief unter der Erde in den Katakomben des Todes?

    „Sicher“, sagte Carry und setzte sich zusammen mit den anderen in Bewegung.

Indessen waren sie am Wasserfall angekommen. Braune Erdklumpen rauschten durch die Luft und stürzten in die Tiefe. Sie hatten sich mit Wasser vermischt und eine schlammige Masse gebildet, die mit rauschenden Geräuschen der Tiefe ein Stück näher kam. Doch war da etwas, das den Anblick dieses seltsamen Wasserfalls störte. Eine erdige Leiter, die sich am rechten Rand des Falles in die Höhe schraubte. Ganz dicht an der Wand.

Und die neun Controller kletterten sie hinauf.

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