fabula vaporis – Kap. 37

Das Mausoleum war zerfallen und von Moos überwuchert. Vereinzelt brachen Weinranken durch das Gemäuer hindurch und schmiegten sich dicht an die Mauer, um sich am hellen Mondlicht zu erheitern. Die zerfurchten Blätter hatten den Eingang zu gewuchert, aber das konnte Themma Tighhoor nicht davon abhalten, sich durch den Blättervorhang zu zwängen und den kühlen dunklen Gang dahinter zu durchqueren. Alle sieben Controller folgten der Kanzlerin durch den Tunnel, als die Frau durch den Blättervorhang verschwunden war. Der Gang fiel leicht nach unten ab, sodass die Kindern und die Kanzlerin bald tief unter der Erde waren.

Die Größe des Mausoleums war beeindruckend. Tropfsteine hingen von der Decke oder wuchsen in die Höhe. Von ihnen tropfte leise das Wasser herunter, das den Wein dazu animiert hatte, zu wachsen. In der Mitte des Raumes stand ein steinerner Sarkophag, in der Form eines umgekippten Türrahmens. Tatsächlich war ein Türgriff in den Stein eingemeißelt und auch die Konturen von Holz stachen trotz des dämmrigen Lichtes hervor. Doch diese Tür war verschlossen. Wenn es überhaupt eine Tür sein sollte. „Warum, Gwenna?“, murmelte Themma zum ungezählten Mal. „Warum du?“ Acia holte das Arkanum der Luft hervor und legte es auf den Sarkophag. „Was wollen Sie erreichen?“, fragte das Mädchen die Kanzlerin. Diese schwieg und holte aus dem Innern ihres Mantels zwei blass leuchtende Gegenstände hervor, die sie auf das Grab legte.

Das frage ich mich auch, hallte da eine Stimme durch die Köpfe der Kinder. Themma zuckte zusammen, hatte sich aber sofort wieder im Griff. Ihre unschlüssige Mimik verwandelte sich in eine finstere Grimasse. Sie wirbelte zum Eingang herum und wandte die Handfläche ihrer Rechten der Decke zu. Ein Tropfen Wasser fiel darauf.

     „Tammo“, sagte Themma kalt. „So sieht man sich wieder.“

     So sieht man sich wieder, Themma. Hast du je darüber nachgedacht, warum du mich nicht einfach umgebracht hast?

„Warum hast du mich nicht umgebracht!“, schleuderte die Kanzlerin dem Polarfuchs entgegen. Aus ihrer Hand wuchs ein Speer, der von einer klaren Hülle umschlossen wurde. Eine Energiekugel steckte in Wasser an der Spitze des Speers und sorgte dafür, dass er nicht auseinanderfiel. Immer noch so gut im Umgang mit den Elementen?, fragte Tammo böse und kam dabei näher. Weißt du, warum ich dich nicht umgebracht habe? Themma sagte nichts, schüttelte aber mit dem Kopf. Dabei ertönte ein Klappern aus dem Innern ihres purpurfarbenen Mantels.

     Weil ich es nicht konnte, antwortete Tammo selbst auf seine Frage.

     „Was willst du hören?“, fragte Themma wütend.

Die Wahrheit!, rief Tammo laut und einige der Kinder hielten sich aufgrund der Lautstärke, die Tammos Stimme in ihren Köpfen hervorrief, die Ohren zu. Andere zuckten zusammen. Dann sprang der Polarfuchs auf die Kanzlerin zu. „Warum hast du Locor Narcana von Gwenna erzählt?“, kreischte Themma und schleuderte den Speer um sich. Der Polarfuchs hieb mit der Tatze gegen einen Stalaktiten, der mit einem Stalakmiten zusammengewachsen war. Der Fels brach zusammen und die einzelnen Steine flogen auf die Kanzlerin zu, die jedoch ihren Speer durch die Luft wirbelte und die Steine prallten wirkungslos ab. Tammo griff erneut an. Du hast Gwenna umgebracht!, schrie der Polarfuchs. Eine stolze Ragami! Begraben unter der Erde! Sie haben dir bis heute nicht verziehen und sich tief unter die Erde gezogen. Das ist der Zugang!

     „Warum hast du mich verraten?“, fragte Themma fassunglos.

     Warum hast du mich nie getötet?, konterte Tammo. Sag mir die Wahrheit!

     „Du warst der erste Ilaner“, rief Themma. „Und dann dankst mir, indem du die Ragami gegen mich aufhetzt?

     Ja, erwiderte Tammo. Meine Freunde. Kommt hervor!

Das Grab Gwennas erhob sich, sodass der Rahmen der Tür geerdet war. Die zu Boden gefallenen Arkana ergriff Acia und steckte sie in ihre Tasche. Und dann öffnete sich die Tür und heraus flogen die Ragami. Todesengel mit dem Gesicht von Menschen. Einer Haut wie Erde. Der Statur von Engeln.

    „Nein!“, kreischte Themma. „Was hast du getan, Tammo!“

     Die Wahrheit, erwidert der Polarfuchs leise und griff an.

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