fabula vaporis – Kap. 36

Im Raum war es dunkel und feucht. In der Mitte stand, da fluoreszierende Pflanzen dämmriges Licht spendeten, ein kleiner steinerner Sarkophag. Er hatte einen flachen Deckel, auf dem ein Stern eingeritzt war. „Wie stellt ihr euch das vor?“, fragte Themma und konnte ihre Nervosität nicht verbergen, da sie schließlich bald die ganze Macht Circurs besitzen würde. „Geben Sie mir die beiden Arkana, die Sie besitzen“, sagte Acia bestimmt. Ein paar Controller waren vor dem Mausoleum geblieben um, wie Acia es ausdrückte, Wache zu halten. Giada, Caitlin und Iris sowie Dillion, die sich bisher im Hintergrund gehalten hatten und nichts gesagt hatten, waren nicht dabei und nur sechs Controller standen in der Gruft und hörten sich die Argumente der Kanzlerin an, die sie nun hervorbrachte. „Was wollt ihr damit anfangen?“

     „Wissen Sie, was Sie machen müssen?“, konterte Jason.

     „Nein“, gestand Themma unruhig.

     „Wissen Sie, wer Gwenna ist?“

Themma nickte unruhig mit dem Kopf. „Ja“, murmelte sie und sah die Controller müde an. Im Dunkel war ihre wahre Gestalt zu erkennen. Eine alte Frau, die erschöpft war, von dem was sie tat. Und doch raffte sie sich jeden Tag aufs Neue auf, um das Gerechtigkeit für das zu schaffen, was das Volk ihrem Vater angetan hatte. „Kommt mit!“, rief Jesse und rannte aus dem Mausoleum Locor Narcanas heraus. Die anderen Controller – Josh, Acia und Jason sowie Carry – folgten ihm. Zuletzt schritt Themma Tighhoor den Kindern hinterher und dachte darüber nach, warum sie eigentlich zu den Alten Gräbern gekommen war. Warum hatte sie die Kinder mit dem Virus zu diesem Ort getrieben? Diese Frage geisterte der Frau durch den Kopf, und sie wusste nicht, ob sie den Controllern glauben konnte. Sie war hin und her gerissen, was die Arkana der Macht anging. Einerseits wollte sie die Macht der Stadt Circur in ihren Händen wissen, andererseits konnte sie, da sie einige der Controller jetzt etwas genauer kannte, diese nicht einfach vernichten. Und dann war da noch Tammo. Dieser Ilaner würde ihr sicher noch einmal über den Weg laufen. Das war der Kanzlerin klar. So klar, dass sie nicht weiterdenken wollte, wenn Tammo sie tatsächlich finden würde.

     „Wo gehen wir hin?“, fragte Themma laut.

     „Zu einem Mausoleum“, antwortete Acia.

     „Gwenna“, murmelte die Kanzlerin leise und trat an die kalte Nachtluft. „Warum… nur?“

Caitlin, Giada, Dillion und Iris sahen die Gestalten aus dem Mausoleum herauskommen. Der Himmel war mittlerweile von Wolken verdeckt, die aber im Halblicht fort flogen. Weit weg, an bessere Orte, als Circur einer war.

     „Habt ihr es?“, fragte Dillion.

     „Nein“, erwiderte Acia. „Aber wir werden es finden.“

     „Ich kenne das Mausoleum“, murmelte Themma. „Aber warum… Gwenna? Warum hat Locor Gwenna ausgewählt…?“

Locor?, fragte da eine leise vertraute Stimme in den Köpfen der Anwesenden. Wo bin ich? Wasser… und Feuer und Luft… Endlich sind wir wieder vereint… Aber warum hast du uns getrennt? Ich wollte nie in vier Teile gespalten werden. Oh, Locor.

     Wasser? Ich bin hier!

     Feuer? Ich bin hier!

     Luft? Ich bin hier! Als einzige. Und Erde… Wo ist unser Bruder?

Weg. Ein Verlust… Locor, wirst du ihn finden? Bald, ja? Ich fühle dieses kalte Herz, das mich wieder vereinen will… Aber doch nur du kannst das… Warum lässt du es zu?

„Still!“, schrie Themma. „Haltet den Mund!“ Ruckartig verstummten die Stimmen der drei zusammengeführten Arkana der Macht.

Die Gestalten huschten über die Ebene der Alten Gräber. Hier und da wuchs ein Grabstein aus der Erde und seine Inschrift verriet, wer dort begraben war. Die meisten waren am Virus gestorben. Aber die Körper derer waren sicher nicht unter der Erde. Vielleicht vom Bazillus zerstört worden. Vielleicht auch schon zerfallen. Keiner merkte, dass ihnen ein Schatten folgte. Auf vier Beinen huschte er durch die Alten Gräber und schob sich an Grabsteinen vorbei, sodass er auf jeden Fall mit anhören konnte, was geredet wurde – auch, wenn es nicht viel war und Themma Selbstgespräche führte – und nicht verpassen würde, sobald die Gestalten im Mausoleum von Gwenna verschwinden würden. Der Gwenna. Der Schatten schüttelte den Kopf und die Gedanken an Gwenna verschwanden. Aber die Rache blieb. Das Mondlicht glitzerte auf und brach durch die dunkle Wolkendecke hervor, die weiter gezogen war und die Dunkelheit mit sich zog. Die feuchte Schnauze des Polarfuchses trug ein listiges Grinsen, als Tammo weiter an den Gräbern vorbeisprang und den anderen folgte.

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