fabula vaporis – Kap. 35

Viele Stunden später, in denen noch weiter gerätselt wurde und der Kanzlerin eine Mitteilung übermittelt wurde…

Acia!„, brüllte ein Junge, der durch die offene Tür in die Fabrikhalle rannte und erstere dann schnell und mit viel Krach zuschlug. „Es kommt!“ – „Was kommt?“, fragte die Angesprochene verdutzt und erhob sich wieder. Sie hatte eine Vorahnung, was kommen würde und wappnete sich.

     „Das Virus!

„Wir fliehen!“, schrie Acia und öffnete eine Tür, die unscheinbar zwischen zwei Türen in der Wand eingelassen war und sich mit einem Hebel öffnen ließ, der als Klinke diente. „Wo führt dieser Gang hin?“, fragte Carry, als Acia die Tür geöffnet hatte, erhielt aber keine Antwort. Die anwesenden zehn Kinder drängten durch die Tür und Acia schloss sie. Das einzige, was sie noch hören konnte, waren die unheimlichen Geräusche, die der Bazillus machte, der das Virus formierte. Der Gang war unterirdisch und sehr dunkel. Das war der erste Eindruck, den Carry von dem Tunnel hatte. Und das an ihrem dreizehnten Geburtstag. Sie ging als letzte, vor ihr Jesse und Josh, Caitlin, Giada, Jason und die anderen alle. Warum aber war Themmas Wahl auf diesen Stadtteil gefallen? „Vorsicht!“, brüllte Lionel, der der erste war. Dann stürzte die Decke vor ihm ein und eine dunkle blubbernde Kugel glitt durch das Loch in der Decke in den Tunnel. Sie war schwarz und hatte eine Pech nicht ganz unähnliche Konsistenz. Sie besaß zwei kleine schwarze Augen, die auf Lionel gerichtet waren. Dann setzte sich die Kugel in Bewegung und schwabbelte auf den Jungen zu. Sie schien ganz in der Luft zu schweben, was sie vielleicht auch tat. Die Kugel konnte auch Beine haben, aber das war im Dämmerlicht, das ringsum herrschte, nicht zu erkennen. Als die Kugel Lionel erreicht hatte, blitze es kurz in ihren Augen, dann fiel Lionel um und eine goldene Flüssigkeit spritze aus ihm heraus. Die Kugel schien sich wohlzufühlen, als das flüssige Gold sie berührte und sie es absorbierte. Dann schwabbelte sie weiter. „Lionel!“, kreischte Giada, wurde aber von Caitlin, die hinter ihr ging, in einen Nebengang gerissen, in den auch die anderen Controller gegangen waren.

Die Kugel folgte mit schmatzenden Geräuschen. Die Schreie von den Straßen drangen bis in diese unterirdischen Schächte, die genau über der Kanalisation verliefen. Caitlin war die erste in der Reihe und lotste die nun nur noch neun Kinder durch das Labyrinth von Gängen. Immer mehr Decke brach ein und der Bazillus drang in die Gänge ein. Das Mädchen, das Führer war, bog immer in andere Gänge ab, damit keiner dem Bazillus zu nahe kam. Die gequälten Schreie und das Wehklagen waren zu hören. Auf den Straßen Circurs lief alles durcheinander. Alle flohen vor dem Virus über nahe gelegene Brücken, die in andere Stadtteile führten, denn nichts konnte dem Bazillus mehr anhaben, als das Überschreiten einer Wassergrenze. Die Geschichten, dass das Virus niemals die Grenze der einzelnen Stadtviertel überquerte, waren also wahr. Die Menschen in den Innenvierteln und diejenigen, die sich hatten impfen lassen, verkrochen sich tief in den Kellern ihrer Häuser und schlossen die Augen und Ohren. Es war nicht angenehm, die Schreie und Anblicke der Menschen zu sehen oder zu hören. Das wusste Carry aus leidvoller Erfahrung.

Wusste eine schmatzende Kugel an einer Kreuzung oder Weggabelung nicht weiter, teilte sie sich mit ordinären Geräuschen in mehrere Kugeln auf, die kleiner, aber schneller waren, da sie weniger Masse zu bewegen hatten, und jeder neue Bazillus verschwand in einem eigenen Gang und bewachte diesen. Schließlich sollte jeder umkommen. Und dann würde das Stadtviertel mit Wasser übersprüht werden, dass in alle Löcher und Ritzen kriechen würde und jeglichen Bazillus stoppen und vernichten würde. Aber bis dahin war es noch Zeit und das Virus machte seine Arbeit ordentlich und gewissenhaft. „Rechts!“, schrie Caitlin, und da die Kokken nichts hören konnten, vermutete auch keiner derer, wo die Controller gerade langgingen. Hoffentlich, zumindest, dachte Jason. Aber da tauchte von vorn auch schon eine Kokke auf und trieb die Controller in einen weiteren Nebengang.

     Sie hatten die Wassergrenze überschritten.

Hier würde kein Bazillus mehr auf sie auflauern. Schnell rannten die neun Controller weiter; da der Gang schnurgerade verlief, kamen die neun Kinder auch schnell voran. Plötzlich strahlte von vorn kühle Abendluft in den Gang hinein und der Ausgang kam in Sicht. „Wir haben es geschafft“, murmelte Acia und sah sich um. Nur Lionel war umgekommen. Eine stille Trauerminute wäre wohl angebracht, überlegte Acia und forderte die anderen dazu auf, als alle aus dem Tunnel herausgetreten waren und die Abendluft genossen hatten. Die Sonne war bereits untergangen und eine gespenstische Dunkelheit legte sich über die Mausoleen. Die Schreie in der Ferne waren wieder verklungen und eine geisterhafte Stille beherrschte die Nacht. Hier, wo die Toten begraben waren, sollte das vierte Arkanum liegen.

     Das Arkanum der Erde.

     Und Themma Tighhoor wusste Bescheid.

Vielleicht würde sie kommen, überlegte Acia, die Anführerin der Gruppe. Nun suchten sie das Mausoleum, in dem Locor Narcana begraben war. Als der Mond aufgegangen war, erkannten die neun Kinder, wie sich aus der Dunkelheit eine Gestalt schälte. Im fahlen Licht der Luna sah der Mantel, den diese Gestalt trug, blass rot aus. Die Frau, die da im Mondlicht stand, sah auf die Kinder hinab. Neben ihr gleißte das Schild im Mondlicht.

     Die Kupfertafel mit der Inschrift Hier ruht Locor Narcana, geb. Narcana in Circur.

„Guten Abend zusammen“, murmelte die Kanzlerin mit leiser, kalter Stimme, wie es ihre Art war. „Ich habe meinen Teil der Abmachung dabei. Ihr auch?“ – „Natürlich“, erwiderte Acia. „Aber erklären Sie mir eins…“ Themma Tigghoor unterbrach das Mädchen. „Das sagt mir diejenige, die mir meine Festplatte gestohlen hat? Habt ihr lesen können, was darauf stand…? Natürlich nicht. Eine Gruppe…“ In ihrer Stimme schwang leichter Hohn mit, als sie weitersprach. „Die, die sich Controller nennen. In dieser Stadt hat nur einer die Kontrolle… Und derjenige steht vor euch!“ Der drohende Unterton war nicht zu überhören. „Wir haben gelesen, was Sie auf der Festplatte stehen haben“, sagte Jason und wurde von Acia mit einer Geste zum Schweigen gebracht. Das Mädchen hatte Erfahrung mit dem Umgang, den die Kanzlerin in den Augen jener benötigte. Schließlich hatte sie schon einmal das Regime der Stadt terrorisiert, da Diplomatie nichts genutzt hatte.

     „Können wir jetzt gehen?“, fragte Acia.

„Natürlich“, erwiderte Themma kühl. In ihrem Mantel klapperte etwas, als sie das Mausoleum des Locor Narcana betrat.

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