fabula vaporis – Kap. 32

„Das ist also das Haus von… Wie hieß der gleich noch mal? Sehr schäbig. Habt ihr mal das Loch am Dach gesehen?“, fragte Carry und deutete entrüstete auf das Haus, das ein großes Loch im Dach aufwies. Ein Seil lag auf dem Boden und war mit dunklen Flecken gezeichnet – ein Zeichen dafür, dass hier wohl vor nicht allzu langer Zeit ein Kampf stattgefunden haben musste. Die Flecken konnten aber auch genauso gut etwas anderes sein, sagte Josh sich und trat die Treppen hinauf zur Tür. Giada und Carry, die immer noch den Kopf schüttelte, als o dieses Haus sie anwidern würde, folgten dem Jungen. Josh bemerkte, dass die Tür nur angelehnt war, schwang sie auf und trat in das Haus ein. Sogleich hörten die beiden Mädchen ein „Aua!“ und Josh purzelte wieder heraus. Eine dicke Beule zierte seine Stirn. „Wer zum Teufel hat diese Tür hier vernagelt?“, fragte er und fasste sich an die Stirn. „Du, Josh“, bemerkte Carry. „Du weißt doch, dass wir schon mal in den Haus hier waren…“ Erst jetzt fiel Josh ein, dass er das mit den Brettern schon kannte. Giada wusste nicht, wovon die beiden da sprachen, aber wenn sie sich in dem Haus auskennen würden, war das umso besser. „Ist das nicht das Haus, in das wir gekommen sind, als wir aus der Kanalisation geklettert sind, weil es Jesse‘ Idee gewesen war…“

„Moment mal“, unterbrach Carry den Jungen. „Es war deine Idee zu den Verbotenen Tälern zu gehen und dann sind wir wegen euch…“ Sie deutete auf Giada und meinte damit alle Controller. „…abgestürzt und in diesem Haus gelandet. Dann haben uns Lionel und Askar entführt und zu euch gebracht, was mich im Nachhinein auch froh macht, da endlich etwas Abwechslung in meinem Leben ist.“

„Carry“, sagte Giada und es sollte so beiläufig wie möglich klingen, was es zu Joshs Belustigung jedoch nicht tat. „Du redest dich mal wieder um Kopf und Kragen, aber wie wäre es, wenn wir jetzt endlich in dieses Haus hineingehen könnten, die verdammten Informationen für Acia beschaffen und dann schnell wieder verschwinden?“

     „Giada“, erwiderte Carry. „Wir kommen da nicht rein.“

Josh hatte sich wieder erholt und war zu dem Seil gegangen, das auf dem Boden gelegen hatte. Mit aller Kraft hatte er es hinauf geworfen und es hatte sich im Innern des Hauses verfangen. „Kommt ihr?“, fragte Josh und kletterte das Seil hoch. Zuerst zog er sich mit den Händen nach oben, dann klemmte er das Seil zwischen die Füße und stemmte sich nach oben. Carry und Giada sahen sich einander an, dann folgten sie Josh. „Sag mal“, rief Giada, die zuletzt kletterte, zu Josh hinauf. „Warum machen wir das eigentlich?“

„Weil Acia und beauftragt hat“, erwiderte Josh und kletterte weiter, bis er die Kante am Loch im Dach erreichen konnte und danach griff. Dann zog er sich hoch und rollte sich in das Haus hinein. Giada und Carry benötigten ein wenig Hilfe, aber schließlich standen alle am Rand des Daches und genossen die Aussicht, die man von dort oben hatte. Da das Haus in einem Innenviertel erbaut worden war, und diese ein wenig höher lagen, als die Außenviertel, konnte man über die Dächer der Außenviertel blicken, bis hin zur Äußersten Grenze, die sich in der weiten Ferne abhob. Nur bei klarem Wetter war die gut bewachte Mauer zu sehen. „Dann wollen wir mal!“, rief Josh. „Denkt dran. Die Türen und Fenster sind alle zu gehämmert. Wir kommen nur durch die Löcher, die Jones und Lionel mit Askar hineingesprengt haben.“

„Jaja“, erwiderte Carry und kletterte über einen Stapel Bretter ehe sie über die Treppe in den zweiten Stock des Hauses verschwand. „Kommt mal her!“, rief Carry durch das Haus und schnell rannten die beiden anderen Kinder in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Als sie dort angekommen waren, sahen sie Carry mit einer aufgerollten Leinwand in der Hand. „Was ist da drauf?“, fragte Josh. „Ein Bild“, erwiderte das rothaarige Mädchen und breitete die Leinwand auf einer staubigen Oberfläche einer Kommode aus. „Und jetzt seht euch mal das an.“

Die täglichen Menschenmassen, die durch die stickigen Straßen drängelten, hatten stark abgenommen und es war auch etwas kühler geworden. Jones schlenderte durch die Gassen und blieb in regelmäßigen Abständen stehen, um zu sehen, ob die Controller ihm noch folgten. Ja, er hatte die Schatten auf den Dächern rings um der Straße bemerkt und stets im Auge behalten. Er bog in eine Seitenstraße ein. Diejenigen, die eben noch zu seiner Linken über die Dächer gegeistert waren, hangelten sich über mehrere Wäscheleinen auf die andere Seite der Straße und folgten Jones wieder. Die sind aber auch einfach nicht abzuschütteln, fluchte Jones im Stillen und versteckte sich in einem Hauseingang. Also gut, sagte er sich. Er atmete mehrmals tief durch, ehe er sich wieder zu zeigen gab und weiterging. Dann erblickte er ein Regenrohr, das senkrecht an einer Wand befestigt war, um den aufgefangenen Regen in die Kanalisation zu leiten. Jones sprang an der Hauswand hoch und hielt sich am Rohr fest. Dann kletterte er nach oben auf das Dach. Er hatte sich gerade über die Kante gerollt, da wurde er auch schon von den Controllern umzingelt. Aber damit hatte er gerechnet. „Bringt mich zu Acia“, sagte er. Dann ergriffen ihn zwei starke Händepaare und zerrten ihn über die Dächer fort.

Sie klingelte.
Eine ältere Frau öffnete die Tür und ihre mit Falten umrahmten Augen wirkten sofort um zwanzig Jahre jünger, als sie das Mädchen erblickte, das da vor ihrer Tür stand. „Hallo“, sagte Acia nur. „Acia Merchant…“, seufzte die Frau und umarmte das Mädchen. „Kommt doch herein!“, sagte die Frau dann zu allen drei Kindern und löste sich aus der Umarmung, die Acia halbherzig erwiderte hatte. „Und?“, fragte Acia während sie durch staubigen den Hausflur ging. Jesse und Caitlin folgten ihr. „Hat sich irgendetwas in meiner Abwesenheit verändert?“

     „Nein“, sagte die alte Frau.

Jesse und Caitlin sahen sich verwirrt an. Was war das für ein Haus? Und noch viel wichtiger: Was war das für eine Frau? Acia bemerkte die Panik in den Augen der beiden und beruhigte sie. „Das hier ist mein Elternhaus. Und das…“ Sie deutete auf die alte Frau. „… Das ist meine Oma Almina.“ – „Guten Tag“, sagten Jesse und Caitlin langsam und streckten der Frau ihre Hände entgegen. Diese hieß sie mit einem kräftigen Händedruck willkommen. „Weißt du, wo meine Eltern den Stadtplan von Circur mit den historischen Gebäuden hingetan haben?“, fragte Acia ihre Oma. Diese nickte mit dem Kopf. „Kommt mit.“ Acia bedeutete den beiden anderen, ihr zu folgen. Sie stiegen eine alte knarrende Treppe hinauf in den ersten Stock. Dann öffnete Almina eine Tür und trat in den finsteren Raum, der dahinter lag. „Hier muss sie irgendwo sein“, sagte Almina. „Ich gehe wieder runter. Wenn ihr meine Hilfe braucht, dann sagt Bescheid. Und Acia. Du solltest häufiger vorbeikommen. Wo hast du dich denn in den letzten Jahren herumgetrieben?“ – „Das möchtest du nicht wissen, Oma“, erwiderte Acia, während sie sich in dem Raum umsah.

Ein zerbrochener Spiegel hing an der Wand. In ihm spiegelte sich der dunkle Raum und sah ganz anders aus. Eine Frau und ein Mann lagen im Bett und zwei Kinder saßen an der Bettkante. Ein Junge. Und ein Mädchen. „Kannst du uns eine Geschichte vorlesen?“, fragte der Junge und der Mann richtete sich auf. „Welche denn?“, fragte er mit sonorer Stimme. Dann verschwammen die Farben im Spiegel und eine ganz andere Szenerie wurde erkennbar. Zwei etwas ältere Kinder und die Erwachsenen flohen. Hinter ihnen flogen große schwarze Kugeln durch die Luft und immer wenn sie an einem Menschen vorbeikamen, schloss dieser die Augen und ein golden schimmernder breiter Faden schmolz aus dem Körper und verschwand im Innern einer der schwarzen Kugeln. So erging es auch den beiden Erwachsenen und dem Jungen. Und dann verblasste auch diese Szenerie und Acia stand mit tränenerfüllten Augen vor dem Spiegel. Eine Hand fuhr den Riss entlang, dann schleuderte Acia den Spiegel auf den Boden und wischte sich die Tränen weg. Jesse und Caitlin waren hinter sie getreten und starrten den hellen Fleck an, der hinter dem Spiegel zum Vorschein gekommen war. „Lasst uns weiter suchen“, sagte Acia und wandte sich ab.

In dem Raum war wirklich alles verstaubt und dreckig. Ab und zu war das Geräusch von Mäusen zu hören, die sich piepsend in Sicherheit brachten. Acias Oma lebte hauptsächlich im Erdgeschoss, da es ihr mit der Zeit immer schwerer fiel, Stufen zu steigen. Aber Acia interessierte dieses Haus sowieso nicht. Ihr war es lieber, wenn alles zerfiele und damit die Erinnerungen endlich fern wären. Nur noch ein Funken in der Vergangenheit. Sie wischte den Gedanken beiseite und suchte weiter. Kurz darauf rief Jesse nach den beiden Mädchen und hatte sich eine Karte unter den Arm geklemmt. Nun räumte er sorgfältig die Blumenvasen und Bilder, die auf einer Kommode standen beiseite, um die Karte ausbreite zu können. „Jetzt sei nicht so zimperlich“, murmelte Acia und wischte die Gegenstände auf der Kommode mit einem Wink auf den Boden, dann zog sie die Karte unter Jesse‘ Arm hervor und breitete sie auf der Kommode aus.

Ein Blick genügte, dann rollte Acia die Karte wieder zusammen und ging aus dem Raum. „Kommt jetzt!“, rief das Mädchen, als es die Treppe hinunter ging. „Tschüs, Oma!“ Und Jesse und Caitlin folgten Acia aus dem Haus und traten wieder ans Tageslicht. Caitlin schloss die Haustür und folgte den beiden anderen über die Straße in Richtung Fabrikhalle.

     „Wer ist das?“, fragte Josh und trat näher an das Bild heran.

„Das steht unten links auf dem Bild“, bemerkte Giada und deutete auf einen geschwungenen Schriftzug, der in ziemlich kleiner Schrift verfasst und nicht so gut erkennbar war.

Locor Narcana, in seiner Werkstatt, 2989

„Das ist Locor Narcana?“, fragte Josh, als auch er den Schriftzug gelesen hatte. „Das Bild ist uralt und wer es gemalt hat, steht auch nicht drauf.“ – „Ich würde mal sagen“, ergriff Carry das Wort. „Das ist ein Bild von diesem Typen, das 2989 gemalt wurde und den Mann in seiner Werkstatt zeigt.“ – „Und was hat der da seltsames um den Hals hängen?“, fragte Josh und deutete auf eine überdimensionale Taschenuhr, die anstelle eines Ziffernblattes viele verschlungene Linien und Kreise aufwies. Carry und Giada sahen sich die Kette genauer an. „Ich würde sagen“, murmelte Giada. „Das ist eine Karte. Von Circur.“

„Du könntest Recht haben“, erwiderte Josh. „Das könnte der Palast der Macht sein…“ Er deutete auf eine C-förmige Linie. „… das die vier Innenviertel und das die vier Außenviertel. Aber… was sind diese kleinen Punkte da?“ – „Kommt!“, rief Carry, die die letzte Frage überhaupt nicht mitbekommen hatte. „Das bringen wir schnell in die Fabrikhalle und warten auf die anderen drei.“

Schon bald hatten sich die drei Kinder wieder am Seil herunter auf die Straße gelassen und eilten in Richtung Fabrikhalle.

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