fabula vaporis – Kap. 29

Wenn Du einen besonders schönen Vogel findest und Du willst ihn behalten, dann lass ihn fortfliegen. Wenn er zurückkommt, dann gehört er Dir, wenn er fort bleibt, wäre er nie Dein Vogel gewesen.

Chinesisches Sprichwort

„Wer hat gesiegt?“, schrie Jones durch die Tunnel und sprang davon.
„Ich kriege dich!“, schrie Acia ihm hinterher und jagte mit ihren Freunden den Mann, der das zweite Arkanum gestohlen hatte. „Und dann…!“
„Spar die deine leeren Drohungen!“, rief Jones und lachte. Dann erstarb seine Stimme und er war verschwunden.
„Wir holen ihn nicht mehr ein…“, japste Jason.
„Dann bring uns wenigstens hier raus“, murmelte Carry und deutete im schwach durch Jasons Computer beleuchteten Gang auf den Jungen und Caitlin.
„Sicher“, murmelten beide und gingen los.

Fünfzehn Minuten später

Als Carry, Jesse, Josh, Acia, Dillion und Jason sowie Caitlin an der Stelle angekommen waren, an der sie in das Tunnelsystem eingestiegen waren, stutzen alle sieben Kinder. „Wo ist denn die Plattform hin, die uns hier nach unten gebracht hat?“, fragte Dillion und sah alle anderen nacheinander an. „Damit ist Jones wahrscheinlich geflohen“, deutete Acia vage an, war sich aber sicher, dass sie Recht hatte. „Schön. Caitlin, gibt es noch einen zweiten Ausgang?“, fragte Jesse und sah das Mädchen erwartungsvoll an. „Gibt mir Zeit“, erwiderte die Angesprochene und setzte sich auf den Boden. Dann umschlang sie die Knie mit den Armen und schloss die Augen.

Nach etwa zehn Minuten öffnete Caitlin wieder ihre Augen und erhob sich. Dann marschierte sie einfach los; sie drehte sich weder um, noch wies sie irgendjemanden an, ihr zu folgen. Automatisch taten das natürlich die sechs übrigen Kinder und irrten hinter Caitlin durch das verworrene Tunnelsystem. Viel später erst blieb Caitlin wieder stehen und drehte sich um. „Entschuldigung, dass ich eben nichts gesagt habe, aber wenn ich einmal weiß, wo ein Ausgang oder eine Tür ist, darf ich mich auf nichts anderes konzentrieren, da ich sonst wieder suchen muss…“
„Angenommen“, erwiderte Acia kurz angebunden und sah an Caitlin vorbei das rostige Gitter, das ihren Weg versperrte. „Wer macht das jetzt da weg?“ Sie deutete auf das Gitter und Caitlin trat beiseite, damit die anderen es sehen konnten. Hinter den Gitterstäben war erkennbar, dass der Morgen langsam graute. Das Licht der aufgehenden Sonne beleuchtete den dämmrigen Raum, indem eine Leiter stand, die nach oben führte.

„Ich versuche es mal“, sagte Josh und trat an Caitlin und Acia vorbei zum Gitter, vor dem er stehen blieb. „Links… Eine kaputte Stange. Rechts und oben sind die noch stabil. In der Mitte ein wenig kaputt. Die Steine, an denen das Gitter befestigt ist, brüchig und lehmig. Manche fehlen ganz. Der…“, murmelte der Junge, während er sich das Gitter ansah. „…Der Mittelwert der ganzen Komponenten sollte etwa hier… nein hier liegen.“ Dann hob Josh seinen Fuß, holte aus und trat an die besagte Stelle am Gitter. Krachen flog es aus seiner Verankerung heraus und bedeckte den Boden, der hier von einer kleinen Wasserpfütze bedeckt wurde. „Wenn ihr mir folgen würdet?“, fragte Josh und trat als erster durch den nun freien Durchgang. Die anderen sechs Kinder waren sprachlos, insbesondere Jesse und Carry, ließen sich aber nichts anmerken und folgten Josh. Dieser kletterte schon die Leiter nach oben und war dort angekommen, wo der Weg durch einen großen Kanaldeckel versperrt wurde. Diesen hievte der Junge mit vereinten Kräften nach oben und kletterte ans Tageslicht.

Bald schon standen sieben Kinder, einige von ihnen etwas dreckverschmiert, in einer Straße und sahen sich an. Dann lachten sie herzhaft über das, was ihnen alles widerfahren war. „Kommt!“, rief Acia fröhlich. „Wir müssen Jones kriegen!“ – „Können wir beide uns euch später anschließen?“, fragte Jesse und deutete auf seinen Bruder und sich. „Wir müssen mal nach unserer Mutter sehen.“
„Klar“, entgegnete Acia und bedeutete den anderen, sich zu entfernen. „Kommt einfach in die Fabrikhalle.“
„Ich komme mit euch“, sagte Carry und entschuldigte sich bei den anderen vier Controllern. „Carry… Du musst wirklich nicht…“, setzte Josh an, wurde aber von dem rothaarigen Mädchen unterbrochen. „Doch“, sagte sie nur und verabschiedete sich von den Controllern. Dann schlenderten beide Gruppen ihres Wegs.

Themma saß wieder auf ihrem Sessel und hielt das Arkanum der Luft in der Hand. Sie betrachtete es von beiden Seiten. Ein kleines Zahnrad drehte sich ununterbrochen und zog dabei andere mit, die viel größer als es selbst waren.
„Wie bekomme ich dich zusammen?“, fragte Themma zum ungezählten Mal sich selber. Dann legte sie das Arkanum behutsam auf den Glastisch vor ihr, stand auf und ging zum Fenster. Der Schneefall hatte wieder eingesetzt, zumal sie noch nicht aus dem Eisgebirge herausgeflogen waren. Themma trat vor die große Scheibe, die sich langsam zu drehen begann. Als sie nicht mehr als ein grauer Wirbel war, streckte die Kanzlerin die Hand aus und griff durch die Scheibe hindurch. Außerhalb öffnete sie die Hand und fing ein paar weiße Flocken auf. Dann zog sie die Hand zurück und die Scheibe beruhigte sich wieder.
Themma ging zum Tisch zurück und warf den Schnee auf die Glasplatte. Dann begann sie ein Lied zu summen und der Schnee wuchs zu einem großen Spiegel an. „Zwei Schritte von der Hölle entfernt“, hauchte die Kanzlerin dem Schnee zu.
Dann klatschte sie in die Hände und das Bild zeigte einen Mann mittleren Alters. „Jones?“, fragte die Kanzlerin in ihrer gewohnt kalten, sanften Stimme. Der Mann hatte die Kanzlerin nicht bemerkt und wunderte sich wahrscheinlich wo die Stimme herkam, die noch keinem etwas Gutes gebracht hatte, der sie je gehört hatte. Der Mann hatte sich wohl damit abgefunden und antwortete. „Miss Tighhoor?“

„Wo befindest du dich gerade?“

„In Ihrem Palast“, antwortete Jones und jetzt erkannte Themm auch ihre vertraute Umgebung. „Ich warte auf Sie. Maat Harvorskeyn hat mir versichert, dass Sie heute wieder im Palast erscheinen würden.“

„Hast du das Arkanum des Wassers?“, fragte Themma mit einem bangen Unterton in der Stimme. Jones griff in seinen Mantel und beförderte ein Ziffernblatt, auf dem zwei Zeiger kreisten, hervor. „Da ist es.“

Themma seufzte erleichtert. „Nun gut. Ich werde noch heute wieder im Palast erscheinen. Bis dahin warte dort auf mich. Und…“ Sie holte einen kleinen mit Zahnrädern gespickten Motor hervor, der so groß wie ein Daumen war. „… verwahre das für mich. Wenn ich da bin, erhältst du weitere Instruktionen.“
„Sicher“, antwortete Jones und ein verwirrter Ton schwang in seiner Stimme mit.

Themma griff, während Jones noch zu überlegen schien, was er eigentlich bekommen sollte, in den Spiegel aus Schnee hinein und legte dort den Motor ab. „Du findest den Motor in deiner Manteltasche. Pass gut darauf auf!“, sagte Themma scharf und zerstörte den Spiegel mit einer Geste. Das Eis, in das der Spiegel zersplittert war,  ließ sie einfach verdampfen.

Andernorts starrte ein verdutzter Jones auf das Arkanum der Luft, das er soeben in seiner Manteltasche gefunden hatte. Na gut, dachte er sich, wenn Themma Tighhoor darauf besteht – bitte. Aber das muss sie mir in Flinen wiedergeben. Der Mann grinste und schritt den Korridor, indem er gestanden hatte, weiter hinab.

„Und?“, fragte Cerydwen Pizarro, als ihre beiden Kinder und Carry am Bettrand saßen. Ihr ging es weitaus besser, als jemals zuvor. „Was habt ihr gemacht?“
„Wir waren… unterwegs. Mit der Jugendgruppe von der ich dir erzählt habe…“, erwiderte Jesse etwas unschlüssig.
„Und was habt ihr gemacht?“, hakte Cerydwen neugierig nach. Schließlich musste sie doch als Mutter wissen, was ihre Kinder so in ihrer Freizeit trieben. „Klettern“, sagte Carry kurz, stand auf und ging zum Fenster, welches sie öffnete.

„Schöner Nachmittag“, sagte Josh und trat neben Carry. Diese war mit ihren Gedanken jedoch ganz woanders. In der Ferne war die undeutliche Silhouette des Palastes der Macht zu erkennen. Und darin war Themma Tighhoor. Und hatte mittlerweile auch ein Arkanum gefunden. Das war zumindest Carrys Stand der Dinge. Sie konnte ja nicht wissen, dass Themma Tighhoor bereits zwei Arkana in ihren Besitz gebracht hatte. „Wenn ihr wollt, könnt ihr wieder gehen…“, sagte Cerydwen mit munterer Stimme, wurde aber sofort danach mit einem heftigen Hustenanfall gestraft. Jesse und Josh brachten ihrer Mutter noch eine Flasche Wasser und ein Glas, dann verabschiedeten sie sich von ihrer Mutter und verschwanden mit Carry aus der Wohnung. Cerydwen schloss die Augen, als die Kinder ihr Zimmer verlassen hatten, und summte diese eine Melodie vor sich her, die sie als Kind immer vorgesunden bekommen hatte. „Zwei Schritte von der Hölle entfernt…“

Dann schlief Cerydwen ein und merkte nicht, dass ein Junge das Fenster von außen öffnete und in das Zimmer einstieg. Dann legte Dillion die Uhr, die er Cerydwen Pizarro vor kurzem abgenommen hatte, wieder auf den Nachtschrank und verschwand wieder. Er konnte schließlich nicht seine Freunde betrügen und ihrer Mutter etwas stehlen – da spielte einfach sein Gewissen nicht mit. Leise kletterte Dillion auf das Dach des Hauses und sprang davon.

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