fabula vaporis – Kap. 28

Jones stand mit pochendem Herzen vor dem Wasserbecken und starrte das Arkanum des Wassers an, das ihm mit seinem pulsierenden blauen Licht das Gesicht erhellte.

     Ein Ziffernblatt. Und zwei Zeiger, die ruhelos auf dem hellen Rund herumkreisten.

Von dem Ganzen ging das kalte blaue Licht aus. „Endlich…“, murmelte Jones und schloss seine Finger um das Arkanum.
Der schmale Raum, in dem das Becken seinen Platz gefunden hatte, wurde angefüllt von dem blauen Licht, das langsam erstarb, als Jones das Arkanum in eine Mantelinnentasche steckte.
„Geben Sie es her!“, verlangte eine keuchende Acia, die schnell gerannt war, um den Raum zu erreichen, in dem Jones stand, und streckte die Hand aus. Sie und die anderen sechs Controller versperrten den Zugang zum Raum. Jones war gefangen.
„Denkt ihr etwa, dass ich von diesem Ausgang angewiesen bin?“, fragte Jones kalt und sah an die Decke. Mist, dachte er, als er feststellte, dass auch dort kein Ausgang zu finden war. Dann eben anders, sagte er sich und griff in seinen Mantel hinein, während zwei der sieben Controller, nämlich Dillion und Carry, auf ihn zuschritten.
Schon hatte Jones die Stange Nahdynamit in der Hand, entfernte mit einem Ruck die Zündschnur und warf die lodernde Stange an eine nahgelegene Mauer. Dort zerbarst sie und zersprengte die Wand. Jones und die anderen beiden, die sich im Raum befanden, stürzten von der Druckwelle zu Boden und gleich drei weitere Mauern stürzten zusammen. Nur die sehr stabilen Stützpfeiler, die aus Metall waren und fest im Boden verankert waren, blieben stehen und verhinderten einen Einsturz der Wände. Jones rappelte sich auf und floh durch das Loch, dann verschwand er im Dunkel eines Ganges. Endlich hatte er gesiegt.

„Zwei Schritte von der Hölle entfernt“, summte Themma ein altes Lied, das ihr Vater ihr gerne vorgesungen hatte.
Sie spazierte durch die Höhle, die eher ein langer, gewundener Gang war, wich Stalakmiten und Stalaktiten aus und hatte sich mit einem Feuerzauber eine rötliche Flamme herbeigerufen, die ihr den Weg leuchtete. Sie war auf der Suche nach dem dritten Arkanum.

     Dem Arkanum der Luft.

Und war sich ganz sicher, dass sie es in dieser Höhle finden würde. Vor ihr im schwachen Licht des Feuerscheins glitzerten die Mineralien in den hängenden Steintropfen, aber auch die bräunlichen Kupferadern, die den Berg durchzogen. An anderen Tagen hätte Themma sofort Ilaner herbeigerufen, die das Kupfer abbauen sollten, aber heute war sie nicht in der Stimmung, um an Kapital zu denken.
„Zwei Schritte von der Hölle entfernt…“, summte sie immer noch und ihre leise Stimme hallte von den Wänden wider. „Ich komme!“ Sie lachte. Dann bemerkte sie, dass die Höhle größer geworden war – höher und breiter; aber auch länger.
„Wo bist du?“, fragte Themma und mit einer Geste erlosch die Flamme vor ihr. Nun stand sie in vollkommender Finsternis. Das Feuer hatte sie gelöscht, damit sie von dem leisen Knistern nicht gestört wurde, da Themma wusste, dass die Arkana allesamt sprachen, vielmehr in Gedanken als mit Stimmbändern. Die vier Gegenstände suchten sich alle selber und kommunizierten mit der Stimme Locor Narcanas.

Wo bin ich?, fragte da eine leise wispernde, jedoch männliche, Stimme aus der Finsternis. Locor? Bist du das? Hilf mir!… Wo sind Feuer… Erde?… Wasser?… Freunde? Schwester? Bruder? Wo seid ihr?

Hilft mir einer? Wer bin ich? Luft? Oh, ja! Ich rieche sie, die salzige Meeresluft… Wasser vor meinen Augen und ganz hinten die untergehende Sonne – Feuer! Aber Erde…? Wo bist du?

Je genauer Themma den Gedanken des Arkanums horchte, desto philosophischer wurden sie. Dann drehte sie sich nach rechts und folgte der Stimme, die aus dieser Richtung kam.
Wasser tropfte von den von der Decke hängenden Stalaktiten und benetzte den Boden. Leise plätschernde Geräusche durchbrachen die Stille, die um die Kanzlerin herrschte. Nur in Themmas Kopf führte die Stimme des Arkanum der Luft Selbstgespräche.

     Salzige Bergluft – Luft. Kalter Regen – Wasser. Sonnen, oh die du den Himmel durchbrichst – Feuer!

     Aber Erde? Berge! Oh, Locor, ich habe es gefunden… Das Bild… mit allen Elementen. Aber wo bin ich jetzt? Wo hast du mich hingebracht? Wo ist die Sonne, die Berge, der Regen? Wo hast du sie hingeführt? Kannst du mir helfen…

     Ah! Feuer… kommst du da? Wasser?… Ich höre ein Plätschern. Wasser… Kommst du da?

Nein, dachte Themma kalt, Wasser kommt nicht. Aber dein Verderben, Locor. Aus einer Felsnische drang kaltes blaues Licht. Den hellen Schein bemerkte Themma schon von weitem. Erst, als sie auf gut einen Meter näher gekommen war, erkannte sie, was da leuchtete. Es war ein sich drehendes Zahnrad, an das viele kleine Verstrebungen geknüpft waren. Der Motor, dachte Themma und ging noch ein wenig näher an die Nische heran. Dann streckte sie die Hand aus und schloss ihre kühlen Finger um das gleißende Arkanum. Zufrieden steckte sie es in eine Manteltasche und diese schien ihre Farbe zu einem satten Violett verändert zu haben, da das Purpur des Mantels und das blaue Licht, das das Arkanum der Luft verströmte, sich zu einer satten neuen Farbe verbanden.
„Zwei Schritte von der Hölle entfernt“, summte Themma wieder das Kinderlied, das ihr Vater ihr früher gerne am Bett vorgesungen hatte und das Themma ihrem Vater auf seinem Sterbebett ebenfalls vorgesungen hatte – damals jedoch in tiefer Trauer. Sie hatte ihren Vater wirklich gemocht.

     Aber das Volk nicht.

     Und deshalb sollte es die Kanzlerin nun auch nicht mögen.

Der Racheakt war perfekt! Und nichts konnte Themma mehr aufhalten. Sie stand vor dem dunklen Eingang der Höhle und sog die kalte Luft ein. Zurückblicken konnte und wollte sie nicht mehr. In ihrer Manteltasche glühte das Arkanum immer noch und vermischte sich mit dem Purpur des Mantels zu einem dunklen Violett. Aber da achtete sie nicht einmal drauf. Sie wollte so schnell wie möglich wieder zurück zu ihrem Luftschiff. Und dann das Arkanum in Sicherheit bringen. Sie stapfte los und hinterließ eine Spur im tiefen Schnee. Es fing an zu schneien und kleine weiße Flocken fielen aus den Wolken herab. Sie benetzten die Schultern der Frau, aber die machte sich nichts daraus. Das weiße Pulver löschte die Fußabdrücke im Schnee wieder aus. Aus der Windstille, die vor kurzer Zeit noch geherrscht hatte, war eine sanfte kalte Brise geworden, die den neu gefallenen Schnee in alle Richtungen blies.
Themma achtete nicht darauf, was um sie herum geschah. Sie bemerkte auch nicht, dass ein Schneefuchs ihr langsam folgte. Die Flocken wurden dichter, die Schneedecke wuchs stetig. Aber nur so langsam wie eine Blume im Garten.

     Themma, murmelte eine Stimme im Kopf der Kanzlerin. Sie blieb stehen. Hatte das Arkanum der Luft gerade ihren Namen gerufen? Nein, das konnte nichts sein. Und da fiel es ihr ein. „Tammo“, rief sie mit dem Kopf nach hinten gewandt. „Komm heraus!“
Themma, murmelte der ertappte Schneefuchs und erhob sich im Laufen auf seine Hinterläufe und verwandelte sich in den Menschen zurück, der er einst gewesen war. „Hast du es gefunden?“, fragte er dann.
Die Kanzlerin sah den Fuchs mit leerem Blick an. Dann blinzelte sie einmal und starrte dem Fuchs in die Augen. „Ja“, sagte sie monoton. „Habe ich.“
Themma war sich unterdessen bewusst geworden, dass Tammo nicht alleine war. Sie hatte die Silhouetten hinter der dichten Schneedecke bemerkt. „Du bekommst es nicht“, sagte Themma und drehte sie wieder um. Dann stapfte sie weiter.

     „Oh doch“, rief Tammo der Kanzlerin hinterher. Diese blieb erneut stehen und drehte sich wieder um.

     „Warum hast du es dir nicht geholt?“, fragte Themma laut.

     „Warum hast du mich nicht umgebracht, als du es konntest?“, antwortete Tammo mit einer Gegenfrage und lief auf die Kanzlerin zu. Während er das tat, nahm sein Körper eine Wandlung vor und er wurde zu einem Polarfuchs, der schnell auf die Frau im roten Mantel zu sprang.
Mit dieser Reaktion hatte Themma gerechnet und als Tammo losgesprungen war, hatte sie ihre rechte Hand ausgestreckt und einige Flocken in ihrer Hand gefangen, die sie nun zusammendrückte. Aus der festen Schneemasse wuchs ein Speer in ihrer Hand, der unterhalb seiner Spitze eine blau leuchtende Kugel enthielt.

     Einen Stabilisierungszauber.

Nun hielt sie den Stab in ihrer rechten Hand mit der Spitze auf Tammo gerichtet. „Was hat dich so verändert?“, fragte sie laut.
Du, zischte Tammo und erhob seinen Kopf in die Luft. Dann rief er mit seiner Stimme und einem lauten Gebrüll weitere Polarfüchse herbei, die sich drohend um die Kanzlerin in einem Kreis aufstellten.
„Du glaubst doch nicht, dass du mich besiegen kannst!“, kreischte Themma laut und warf den Speer nach oben. Die Spitze löste sich von dem Schneestab und schraubte sich weiter in die Luft, während der Stab wieder zurück in die Hand der Kanzlerin fiel und eine neue Spitze ausbildete – gerade rechtzeitig, damit Themma Angriffe von Seiten der Füchse abwehren konnte. Tot fielen drei Polarbewohner auf die schneebedeckte Erde.
Die Spitze am Himmel schraubte sich immer höher. Als Themma meinte, dass die Spitze des Speeres hoch genug war – mittlerweile lagen fünf Füchse tot am Boden, die anderen umkreisten die Kanzlerin – schnippte sie einmal mit der linken Hand und die Spitze ging in Flammen auf. Da die Frau die Elemente beherrschen konnte, war es kein Problem, dass gefrorenes Wasser in Flammen aufging.
Die lodernden Flammen der Speerspitze griffen auf die anderen Schneeflocken über und es rieselte gelb-orangefarbene Funken vom Himmel, die die Felle der Polarfüchse verbrannte. Die Spitze hatte einen Platz am Himmel gefunden, an dem sie einfach stehen geblieben war, und ihr ewiges Feuer auf die herabfallenden Schneeflocken verteilte.
Als Themma mit dem Speer auf den Boden klopfte, teilten sie die brennende Schneeflocken und rieselten zu hunderten herab.
Die Kanzlerin selber wurde von den heißen Funken verschont. Schließlich war sie ja auch der Urheber des brennenden Schnees – da konnte er auch Rücksicht zeigen und sie ignorieren.

Themma ergriff den Speer und schleuderte ihn in Tammos Richtung. Die anderen Füchse waren längst geflohen und auch Tammo suchte das Weite, als er den Speer auf sich zu fliegen sah.
Wir werden uns wiedersehen, Themma!, schrie der Polarfuchs noch im Kopf der Kanzlerin, dann verschwand er aus ihrem Sichtfeld und die Speerspitze erlosch und rieselte in feinen Flocken vom Himmel herunter – sie hatte ihre Dienste getan.
Der Wind war schwächer geworden und auch der Schneefall hatte nachgelassen. Themma drehte sich zufrieden um und stapfte weiter in Richtung Abgrund.
Während sie dorthin zurückkehrte, wo das Luftschiff vor Anker lag, dachte sie darüber nach, wie sie den verrückten Erfinder wieder ins Leben zurückholen konnte. Sicher ließ sich der Tod nicht so einfach überlisten. Er würde bestimmt Ersatz fordern… Die Frau im purpurfarbenen Mantel beschleunigte ihre Schritte; schließlich rannte sie beinahe.

Der Abgrund tat sich vor Themma so unvermittelt auf, dass sie nicht mehr rechtzeitig abbremsen konnte und über die Kante glitt. Sofort klatschte sie in die Hände und unter ihr bildete sich eine dichte Plattform aus Schnee, der in die Höhe geschossen war und sie langsam nach unten gleiten ließ, indem er sich wieder in die Tiefe schraubte. Als die Kanzlerin wieder den Boden berührte, konnte sie das Luftschiff genau erkennen, dessen Konturen sich aus der hellen Luft schälten. Sie kletterte mit zügigem Schritt und ohne die Hände zu benutzen, die kantigen eisbedeckten Plateaus und spitzen Hügel hinab und erreicht den Steg, der den Eingang des Luftschiffes mit dem Berg verband. Themma stieg erleichtert darüber, dass sie endlich angekommen war, auf den Steg und schritt zur Eingangspforte des Schiffes. Sie drückte diese auf und betrat das erwärmte Zeppelin, dann drückte sie einen an der Wand befestigten blauen Knopf und der Steg, den Themma aufgrund der geschlossenen Tür nicht mehr sehen konnte, fuhr zusammen und verschwand im Bauch des Schiffes. Zufrieden öffnete Themma eine weitere Tür und rauschte beinahe mit Tildâr zusammen, der sich schon Sorgen um seine Kanzlerin gemacht hatte.
„Bin ich froh euch zu sehen“, bekräftigte der Ilaner mit Gesten und einer theatralischen Entschuldigung. „Ich habe soeben eine Nachricht erhalten, dass wir den Aufenthaltsort der Controller gefunden haben. Die Motoren sind gewartet und aufbruchsbreit.“
„Gute Arbeit“, murmelte Themma und dachte weiter. Ich habe deinen Vorgänger getroffen, sagte sie zu sich, und der war jetzt sicher nicht mehr gut gelaunt. „Sie wissen, was zu tun ist?“, fragte Themma rhetorisch. Tildâr antwortete mit einem Nicken. „Sicher. Die Labors haben den Auftrag bekommen und werden Ihren Vorrat in einer Woche auffüllen.“

     „Gut“, sagte Themma und feixte.

Sie gab dem Kapitän des Luftschiffes, der erwartungsvoll an der Balustrade der Kommandobrücke gestanden hatte, ein Zeichen und der Kapitän startete die Motoren.

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