fabula vaporis – Kap. 23

Der Fall dauerte vielleicht eine Minute, vielleicht aber auch eine Stunde oder zwei. Keiner der Acht war in der Lage, das sagen zu können. Erst nach schier endlos langem Sturz bremste der Fall plötzlich und die Kinder landeten sanft auf einer Plattform. Ein sehr starkes Magnetfeld, das Jasons Computer zu Ausschalten gebracht hatte, hatte den Fall verlangsamt, sodass sich keiner etwas brach. „Wo sind wir?“, fragte Acia leise und unsicher, stand auf und klopfte sich den Staub von der Hose. Auch die anderen erhoben sich nacheinander und sahen sich um. Jason versuchte seinen Computer wieder ans Laufen zu bekommen.

Die Zahnräder, die die acht Kinder umgaben, knackten und mahlten. Es musste eine gigantische Uhr sein, die da angetrieben wurde. Und wo befanden sie sich? „Unter der Stadt“, sagte Jason, der seinen Computer wieder gestartet hatte, und erntete seltsame Blicke von seinen sechs Freunden. „Wir sind unter der Stadt.“ Caitlin überprüfte das, indem sie die Augen schloss. „Ich sehe nichts. Nur schwarz.“
„Das muss wohl am Bauplan des Programms liegen, dass ich was erkennen kann“, erwiderte Jason. „Kann ich aber dann auch nichts für. Es zeigt die Kanalisation an.“ Seine Stimme klang zum Schluss hin immer trotziger.         „Und… Wo müssen wir jetzt lang?“, fragte Carry verwirrt und blickte Acia an. „Keine Ahnung“, entgegnete diese.

Jesse hatte sich von der Gruppe entfernt und starrte eines der gigantischen Zahnräder im Dunkel an. Dann erblickte er einen Hebel, der dicht vor dem Rad angebracht worden war. Die Verzahnungen knackten laut. Jesse zog den Hebel. Es ratterte und ein Podest kam an einer rasselnden Kette befestigt, von der Decke herunter. „Hey!“, rief Jesse und die anderen starrten in die Richtung, aus der sie die Stimme gehört hatten. „Was denn?“, fragte Dillion und machte im Dämmerlicht die Konturen des Jungen aus. „Kommt mal her“, forderte Jesse und die sechs anderen kamen.
„Was denn?“, fragte Dillion erneut. „Seht mal. Das ist herunter gekommen, als ich diesen Hebel gezogen habe“, konnte Jesse noch sagen, da prasselte der Tadel von Acia schon auf ihn nieder. „Du bist in einer unbekannten… Gegend. Und da fällt dir nichts anderes ein, als Hebel willkürlich zu ziehen? Bist du bescheuert?“ – „Ist ja gut“, meinte Jesse, der auf keinen Fall wieder von den Controllern wegwollte, nur weil er etwas Falschen getan hatte. „Tut mir leid.“ – „Dann kommt“, murmelte Lionel und stieg auf das Podest. Die anderen folgten ihm, Acia zögernd, aber dann siegte ihre Neugier. „Und jetzt?“, fragte Caitlin. Das Podest bewegte sich nicht.

Carry ging noch einmal herunter und drückte den Hebel entschlossen hinunter. Dann nahm sie Anlauf und sprang hoch. Sie erwischte gerade noch die Kante, ehe das Podest aus ihrer Reichweite war, da es schon hochgefahren war. Jesse, Acia und Lionel halfen dem Mädchen hoch. Jason saß derweil am Computer und tippte irgendetwas. „Was machst du da?“, fragte Caitlin und setzte sich neben den Jungen. „Ich schreibe meinen Abschiedsbrief“, erklärte er nüchtern. „Das hier werde ich wohl nicht überleben.“
„Jetzt male doch nicht gleich den Teufel an die Wand“, sagte Caitlin und umschlang ihre Knie mit den Armen.
Die Fahrt nach oben dauerte mindestens genauso lange, wie der Fall nach unten. Dillion machte sich Sorgen. Vielleicht hatte er seinen Vater umgebracht. Und das in einem Wutanfall. Die hatte er in letzter Zeit ziemlich häufig. Aber das lag bestimmt nur an seinen überstrapazierten Nerven. Schließlich war er der einzige der Controller, der in entfernter Weise etwas wie Fliegen konnte. Und da war dann schon mal der ein oder andere Auftrag, den Acia ihm gab. Und solche Aufträge wollte er immer zu voller Zufriedenheit erfüllen.

Das Podest stoppte geräuschvoll. Das Dröhnen der Zahnräder war lauter geworden und die Anzahl der Räderwerke ebenfalls. Die acht Kinder kletterten von dem Podest herunter auf eine nahe gelegene Ebene. Diese war aus einfachem Holz gezimmert, das aber schon bessere Zeiten gesehen hatte. In der Ferne leuchtete etwas. Ein pulsierendes Licht ging davon aus. Lionel ergriff als erster das Wort, weil er genau wusste, was dahinten das pulsierende Licht verströmte. „Folgt mir!“, sagte er, dann stapfte er los.

Die Acht hatten sich um das Licht versammelt. Auf einem kleinen Pult lag ein schwach leuchtendes Zahnrad. Es war nicht viel größer, als eine Münze mit dem Wert von zehn Flinen. Jason klappte den Computer zu und nur noch von dem Zahnrad kam dämmriges, pulsierendes Licht. Carry ergriff das Zahnrad und allen wurde schwarz vor Augen. Dann kam es ihnen vor, als fiele jeder von ihnen in ein dunkles ewiges Loch aus purer Dunkelheit.

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