fabula vaporis – Kap. 22

Das Portal war gigantisch groß. Der Mann wirkte kümmerlich vor den Toren, die mit rätselhaften Runen geschmückt waren. Die acht Kinder hielten sich im Hintergrund, während sie Jones das Grübeln überließen und warten wollten, bis er das Portal geöffnet hatte. „Was mach ich nur, was mach ich nur…“, stöhnte Jones und starrte das Portal vor ihm schon seit geraumer Zeit an. Er wusste einfach nicht, wie es aufzubekommen war. Er hatte es schon mit Nahdynamit, Wurfdynamit und anderen diversen Sprengstoffen versucht. Aber die Tür hatte nicht nachgegeben. Jones brauchte vielleicht einen Schlüssel. Einen Schlüssel, der in das gigantische Schloss, das auf der Hälfte der Tür angebracht worden war, zu öffnen. So groß war das Schloss zwar nicht, reichte aber doch aus, um zwei Hunde hineinstecken zu können. „Kann ich helfen?“, fragte da plötzlich eine vertraute Stimme und Jones wirbelte herum.

„Acia Merchant“, stöhnte er. „Was tust du hier?“
„Das könnte ich Sie auch fragen“, erwiderte Acia kalt und wies die anderen sechs Kinder an, aus dem Schatten zu kommen; nur Dillion wartete noch in der Finsternis.
„Ich versuche das Portal zu öffnen“, sagte Jones, stockte aber dann und sah erschrocken hinter die sechs vor ihm stehenden Controller.
„Das wirst du nicht!“, kreischte Dillion und sprang aus seinem Versteck hervor und warf Jones so zu Boden, dass dessen Kopf über dem Abgrund hing, der sich zu beiden Seiten vom Weg erstreckte und tief hinunterfiel. Die Konturen des Stegs waren nur noch schwach zu erkennen im Dämmerlicht und die Lampen an den Seiten leuchteten kaum, sondern verbreiteten nur ein schwaches glimmerndes Licht. „Verschwinde endlich aus meinem Leben“, schrie Dillion seinen Vater an und schob ihn so schnell die Kante herunter, dass Jones nicht reagieren konnte. Er hatte gerade noch Zeit, ein Seil aus seinem Mantel zu ziehen, aber dann stürzte er unkontrolliert in die Tiefe.
„Ade, Vater“, sagte Dillion kalt und stand auf. Dann drehte er sich zu seinen sechs Freunden um. „Und er macht jetzt diese bescheuerte Tür auf?“ – „Ich“, sagte Josh und trat vor. Dann sah er sich im Dämmerlicht das Portal an. „Hat jemand mal etwas Licht für mich?“, fragte er. Lionel riss eine Lampe aus ihrer Verankerung und sie blieb an. Er reichte sie Josh und dieser ergriff sie und hielt sie in die Höhe.

„Und jetzt?“, fragte Jason. „Warum willst du diese Tür aufmachen? Laut der Karte von der Kanzlerin existiert dahinter überhaupt kein Raum…“ – „Lass ihn“, brummte Caitlin und sah Josh erwartungsvoll an. „Bitte“, sagte Acia und alle, außer Josh, ließen sich auf den Boden fallen und warteten, dass Josh brauchbare Ergebnisse lieferte.
„Dann mal los“, begann er seinen Monolog. „Dort eine Katze, dort ein Reh, da eine Maus, ein Beta und ein Eta.“ Er stockte kurz und grübelte im Stillen. „Katze. Reh. Maus. Beta. Eta.“ Das waren die Symbole, die sich in einer Zeile befanden und nach oben hin dauernd wiederholt wurden. Sie waren allesamt so breit, dass eine Zeile exakt vom linken äußeren Rand des Portals zum rechten äußeren Rand des Portals stand. „Gehe ich von den Anfangsbuchstaben aus, erhalte ich K, R, M, B und E. Das sind im Alphabet K… elf, achtzehn für R, dreizehn (M), zwei (B) und fünf (E). Dann gäbe es eine aufsteigende Rangfolge von Beta, Eta, Katze, Maus und Reh. Oder eine absteigende Rangfolge von Reh, Maus, Katze, Eta, Beta… Aber stimmt das?“ Josh grübelte darüber nach. Er war sich sicher, dass die Anfangsbuchstaben etwas damit zu tun hatten, wie die Gegenstände auf der Tür… ja, was eigentlich? Wie wollte er die Tür dann öffnen? Durch das große Schlüsselloch?

„Wenn man nach dem Major-System vorgeht…“, spann Josh seine Gedanken weiter, da er sich sicher war, dass die Schnitzereien gedrückt werden konnten – und zwar die, die direkt auf Augenhöhe lagen. „Geht man von der aufsteigenden Reihenfolge der Schnitzereien aus, dann ergibt sich sechs, null, sieben, drei, vier. Oder die absteigende Reihenfolge der Bilder: vier, drei, sieben, null, sechs. Ordnet man jetzt, erhält man bei beiden Möglichkeiten null, drei, vier, sechs, sieben, als aufsteigende Reihenfolge. Das wäre dann für die Tiere… Äh… Null ist das Eta…“ Josh drückte das Eta und tatsächlich glitt es in das feine Holz des Portals hinein. Alle anderen abgebildeten Etas folgten dem Beispiel des Gedrückten und versenkten sich ebenfalls im Holz der großen Tür. „Dann die Maus…“ Josh drückte die Maus und alle anderen in die Tür eingearbeiteten Mäuse taten es der ersten gleich. „Das Reh… das Beta… und zum Schluss die Katze.“
Entschlossen drückte Josh die letzte Schnitzerei in die Tür hinein und mit einem leisen Rumpeln folgten auch die anderen. Eine Mechanik ratterte und die Pforte öffnete sich. „Ich glaube“, sagte Josh und drehte sich zu seinen Freunden um, die ihn mit perplexem Gesicht ansahen. „Ich glaube, ich habe die Tür geöffnet.“

Jones klammerte sich an seine letzte Hoffnung. Das Seil. Er knotete es in seinem Fall hastig auf und eine Schlinge hinein. Dann warf er es nach oben – und es blieb hängen. Ein kräftiger Ruck durchzuckte den Körper von Jones, der sich an das Seil krallte. Nun schwang er durch die Luft in gut dreißig Metern über dem Erdboden. „Oh mein Gott…“, murmelte der Mann und begann das Klettern nach oben. Erst ganz langsam, um die Stabilität des Seiles zu prüfen, oder vielmehr die Robustheit, die die Stelle hatte, in der sich das Seil verfangen hatte. Jones kletterte das Seil hinauf. Er schob seine Hände nach oben, während er sich mit den Füßen hielt. Dann krallte er sich mit den Händen fest und zog die Füße nach. Im Klettern war er schon immer gut gewesen. Aber in so luftigen Höhen? Das hatte er erst einmal machen müssen, um einem Auftraggeber das Gewünschte zu bringen. Es war ein großer Diamant gewesen, den Jones schließlich für sich selbst behalten und den Klienten ermordet hatte, da er sich von dem Geld, das der Diamant einbrachte, eine Ausrüstung ganz nach seinen Vorstellungen zulegen konnte. Und was war daraus geworden? Ein Mantel mit sehr vielen Taschen, in dem alles Platz hatte. Er brauchte noch eine ganze Weile, eher er die Stelle erreicht hatte, an der sich das Seil verfangen hatte. Und das war nicht der Steg, auf dem er vor geraumer Zeit noch gestanden hatte. Jones öffnete den Mund und ein lauter wutentbrannter Schrei durchzog die Stille der Nacht.

Die acht Controller standen vor dem offenen Eingang und starrten in die Finsternis. Acia hatte Josh in höchsten Tönen gelobt und schließlich war Jesse zu dem Entschluss gekommen, dass er seinem Bruder dafür noch danken musste, jedoch jetzt nicht der geeignete Augenblick wäre. „Und jetzt?“, fragte Caitlin düster. „Ich kann nicht sehen, was dahinter ist.“
„Ich ebenfalls nicht“, schloss sich Jason an, der vergeblich versuchte, den Raum hinter den offenen Pforten sichtbar zu machen. „Dann müssen wir wohl oder übel den Schritt ins Ungewisse machen“, sagte Acia und drehte sich um. Sie stand an der Spitze und in zwei Strahlen liefen von ihr die anderen Plätze der Controller ab, sodass sich ein V bildete.
„Ich gehe vor“, sagte Josh entschlossen. „Schließlich habe ich die Tür geöffnet!“ Ein bisschen Triumph schwang in der Stimme schon mit, aber das übergingen die anderen geflissentlich. „Dann wollen wir mal“, murmelte Dillion und Carry und Jesse folgten Josh ins Ungewisse.

„Ich kann absolut nichts erkennen“, sagte Acia, die sich den drei Kindern angeschlossen hatte. Auch Dillion, Caitlin und Jason waren gefolgt und tasteten sich etwas unbeholfen durch das Dunkel. Da Jason seinem tragbaren Computer eine Atombatterie spendiert hatte, drehte er die Helligkeit des Bildschirms auf hundert Prozent, damit wenigstens etwas Licht den Raum erhellte. „Warte mal!“, rief Carry und wies Jason an, den Computer noch einmal auf eine Stelle zu halten, die gerade im schwachen Lichtkegel erschienen war. Jesse trat zu dem Mädchen und schüttelte ungläubig den Kopf, als der Lichtschein die Wand zu seiner Rechten erhellte. „Leute“, sagte er laut. Es war eher eine Feststellung als eine Warnung, klang aber wie letzteres. „Wir befinden uns… In einem Uhrwerk.“

Das Zahnrad zu Jesse‘ Linken drehte sich mechanisch um eine Achse. Auf dieser mussten die acht Kinder wohl stehen. Als die Glocke ertönte, die das Zahnrad ausgelöst hatte, drehte sich die Achse und sie stürzten in die Tiefe.

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