fabula vaporis – Kap. 21

Fahre wie der Teufel, und du wirst ihn bald treffen.

Robert Lembke

Jones saß in der Gondel und starrte nach draußen. Er war gespannt, wo sie ihn hinbringen würde. Wenige Stunden später, es war vielleicht gegen sechs Uhr sein, hielt die Gondel endlich. Die Türen öffneten sich zischend und Dampf versperrte die Sicht. Licht, das auf dem Boden vor der Gondel befestigt war, wies den Weg durch das nebelige Weiß. Jones stand auf und kletterte aus der Gondel. Um ihn herum war es, abgesehen von dem leuchtenden Nebel, finster.

Die Türen der Gondel schlossen sich wieder und rasch raste die Gondel den Weg zurück, den sie gekommen war. Der Dampf verflüchtigte sich mit jedem Schritt, den Jones dem beleuchteten Weg folgte. Es war nur noch ein Hauch von Nebel da, da schälte sich vor Jones ein großes Portal aus dem Dunst. Seine Reise hatte ein Ende.

Er hatte sein Ziel erreicht. Der Zugang zum Arkanum des Feuers war zum Greifen nahe.

Vor zwei Stunden bei den Controllern

Jesse, Carry und Josh kamen in die Fabrikhalle. Der Raub der Festplatte hatte sie niedergeschlagen gemacht. Immerhin hatten sie nicht so lange in der Schule bleiben müssen, da die Aufgaben doch recht einfach gewesen waren.

Nun gingen sie durch die große Halle, die mit Sand ausgeschüttet war, und kamen an den Tisch, den Acia hatte hineinstellen lassen. Rundherum saßen eben dieses Mädchen und ein Junge, den die drei Kinder nicht kannten. Auch Dillion und Lionel sowie Caitlin waren anwesend. „Hallo“, sagte Jesse und setzte sich auf die Tischkante. Als er kurz seinen Blick über den Tisch schweifen ließ, steigerte er sich in eine solche Rage, dass Josh und Carry ihn nur mit Mühe wieder beruhigen konnten. Auch Acia tat ihren Teil und erklärte Jesse, warum sie die Festplatte von Dillion hatte stehlen lassen. „Setzt euch doch bitte“, sagte Acia erst, ehe sie fortfuhr. „Jesse. Ich erkläre es dir.“ Und dann fing sie an. „Gestern habe ich Dillion hinter euch her geschickt, da ich mir sicher war, dass du, Jesse, die Festplatte mit nach Hause genommen hattest. Dem war ja auch so. Dillion sollte sie euch klauen, damit ihr seht, wie gerissen manchen in dieser Stadt sind. Jesse, bitte beruhige dich wieder. „Warum brechen wir dann nicht auf?“, fragte er und erhob sich.
„Wir wissen nicht, wo die Arkana zu finden sind“, bemerkte Acia nebenbei und starrte auf den Monitor, der auf dem Tisch stand. Jason tippte Befehle in eine Tastatur ein, schon seit der Ankunft der drei Kinder. „Aber Jason sucht gerade“, fügte sie dann hinzu. „Warte mal! Klick mal die Datei an.“

Jason gehorchte und führte den Mauszeiger auf die genannte Datei.

A_M_Jones_Search.exe

Dann öffnete er sie mit einem Doppelklick. Sofort wurde der Bildschirm schwarz und grüne Zeilen ratterten darüber. Plötzlich verloschen diese und gaben den Blick auf einen mit grünen und orangefarbenen Linien gezeichneten Stadtplan frei. Jason sah einen Cursor aufblicken und gab Jones ein. Dann drückte er Return. Sofort sprang das Programm zu einer Stelle, an der ein orangefarben gezeichneter Mann stand. Über ihm prangte das Wort Jones. „Da ist er“, sagte Jason. „Das ist ein tolles Programm.“

Er gab Exit ein und bestätigte. Das Programm beendete sich wieder und speicherte den aktuellen Screenshot. Jason griff unter den Tisch in ein Fach und holte einen kleinen tragbaren Computer hervor. Er schaltete ihn an und übertrug den Ordner, indem Acia das Programm A_M_Jones_Search.exe gefunden hatte. Dann fuhr er den Standcomputer herunter und startete das Programm auf dem kleinen Rechner.
„Und da ist er wieder“, sagte Jason und blickte angestrengt auf den Bildschirm. „Aber wo ist das?“
Caitlin meldete sich zu Wort. „Im Westlichen Außenviertel. Appia Alta, ich glaube auf dem großen Hochhaus. Stock fünfundzwanzig.“
„Den gibt es nicht“, sagte Lionel und unterbrach Caitlin. „Ist aber so“, gab das Mädchen an und erhob sich. „Acia?“ – „Jason. Schreib bitte allen, dass wir Jones folgen. Die sollen inzwischen die Stellung halten und die Kanzlerin auf Trab bringen. Caitlin, Jason, Carry, Jesse, Josh, Lionel und ich werden uns um Jones kümmern. Dillion, du kommst auch mit.“

     „Dann los“, murmelte Jesse.

Acht junge Menschen machten sich auf den Weg nach draußen. Jason hatte per Email alle anderen Controller benachrichtigt. Nun waren die acht Kinder auf den Weg in die Appia Alta zum Hochhaus, das allgemein als Nadel bekannt war, da es spitz in den Himmel ragte. Nur den Palast der Kanzlerin überragte das Haus nicht. Crash sah auf. Zum zweiten Mal an diesem Tag fragte ihn jemand nach einer Gondel, mit der man zu den Arkana der Macht gelangen konnte. Er schüttelte betrübt den Kopf. „Ich kann euch leider keine Auskunft geben“, sagte er. „Das habe ich dem Mann, der vorher schon hier war, auch gesagt.“

Die Controller hatten durch das Programm der Kanzlerin erfahren, dass Jones hier gewesen sein musste. Nun starrte der kleine Crash Acia an, schwieg aber verbissen. „Wie sah er aus?“, fragte Acia fordernd. „Gruselig“, antwortete Crash. „Wenn ihr mich jetzt entschuldigen würdet?“ Der Mann wandte sich wieder seiner Gondel zu, deren Einzelteile er gerade zusammenbaute. Acia rief die anderen sechs zu sich. Leise unterhielt sie sich mit ihnen. Dann gingen die acht Kinder aus der Halle heraus. „Vielen Dank!“, rief Carry noch, dann verschwanden die acht Kinder. Crash drehte sich augenblicklich um, als sich das Portal geschlossen hatte, durch das seine Werkstatt betreten werden konnte. Flink kletterte er die Eisenkette herauf und gab im Nummernblock 1254 ein. Dann bestätigte er mit dem Hebel.

Die acht Kinder huschten die Außenwände der Werkstatt hinauf, bis sie das Dach erreicht hatten. Manch einer benötigte Hilfe von anderen, wie zum Beispiel Jason, der wirklich schlecht klettern konnte. Aber schließlich hatten sie alle das Dach erklommen und stellten sich über die Öffnung, durch die die fertigen Gondeln in den Verkehr gelangten. „Wartet“, murmelte Acia. Sie war sich sicher, dass Crashs Neugier geweckt war und er die Gondel herbeiholen würde. Ob er dann auch tatsächlich damit fuhr, konnte Acia nicht voraussagen. Aber eine Fünfzig-zu-Fünfzig-Chance konnte sich das Mädchen nicht entgehen lassen. Und da kam die Gondel auch schon. Im Sonnenlicht wurde eine Zahl sichtbar, die Crash immer so eingravierte, dass ultraviolettes Licht sie zum Glitzern brachten. Kurze Zeit später war die Gondel in der Werkstatt verschwunden und kam wenige Minuten später wieder herausgefahren. „Jetzt!“, brüllte Acia und die acht sprangen auf das Dach der Gondel. Sie krallten sich an den Verbindungsfugen fest. Diesmal erlitt keiner einen Stromschlag. Und das konnten sie beileibe auch jetzt nicht gebrauchen.

Es dauerte gut zwei Stunden und länger hätte es auch keiner mehr ausgehalten – schließlich war der Fahrtwind kalt – da hielt die Gondel plötzlich. Die acht Kinder sprangen vom Dach herunter und landeten vor Crash, der gerade ausstieg. „Was macht ihr denn hier?“, fragte er verblüfft. „Das könnten wir Sie auch fragen“, bemerkte Jason und schob den kleinen Mann zurück in die Gondel. Zuvor hatte Jason den Computer Caitlin in die Hand gedrückt. „Tschüs!“, rief Jason der Gondel noch hinterher, die wieder ihre Türen geschlossen hatte und den Gondelbauer zurück in die Werkstatt brachte, oder sonst wohin. War ja eigentlich auch egal. Die acht waren ihn los, und das war die Hauptsache. Der Nebel verflüchtigte sich schnell, so schnell, wie er durch das Öffnen der Türen der Gondel erschienen war. Die kleinen Lampen am Rand des Weges erloschen, als die Sicht wieder klar wurde. Ein Steg tat sich vor den acht Kindern auf und sie gingen ihn entlang. Jason war der Vordermann und trug den Computer, während er unablässig auf den Bildschirm starrte. Der Mann, über dessen Kopf Jones stand, weilte immer noch an derselben Stelle, wie zuvor. Die Konturen eben dieses Mannes schälten sich aus der Dämmerung, die schlagartig eingesetzt hatte, als die acht von dem Dach der Gondel gesprungen waren.

Im Palast der Kanzlerin

Tildâr und Themma eilten durch die von Fackeln und Laternen sowie elektrische Lampen erhellten Gänge. Themma wollte auf den Innenhof, der von drei Mauern umschlossen war. Stand man vor dem Portal, erstreckte sich nach hinten der Regierungsturm, nach rechts der Eingang für Bürger, die ein Anliegen vorzutragen hatten, und nach links die Gemächer der Kanzlerin und Kammern der Bediensteten. Auch die Ilaner waren dort untergebracht. Die Kanzlerin hatte sich mittlerweile in den Kopf gesetzt, dass es nichts nutzte, wenn sie nur auf die Ergebnisse von Jones wartete. Sie wollte sich selber an der Suche beteiligen. „Ist alles bereit?“, fragte Themma in ihrer gewohnt kalten und ruhigen Art. „Sehr wohl, Kanzlerin“, erwiderte Tildâr, der oberste Ilaner, untergeben.

Die beiden traten durch das Hauptportal. Ganz am Ende des Hofes hatte ein Luftschiff geankert. „Ich wünsche, dass Sie mich auf meiner Suche begleiten“, forderte Themma den obersten Ilaner auf. „Aus welchen Gründen…?“, entgegnete dieser und machte klar, dass er eine Antwort erwartete. „Jones. Er sucht die Arkana für mich. Aber, bringt er sie mir dann auch? Ich habe Angst, Tildâr. Ordne eine Suche an…“
„Ist Ihnen die Alte Prophezeiung vertraut?“, fragte Tildâr nur.
„Und Sie glauben, es sind diese drei Kinder?“ Themma blieb kurz stehen und wandte sich Tildâr zu. „Diese drei Kinder, die Jones begegnet sind? – Man muss sie finden.“ Der oberste Ilaner folgte der Kanzlerin, die sich wieder in Bewegung gesetzt hatte.
„Sicher“, sagte er mit ebenso ruhiger Stimme, wie die Kanzlerin sie an den Tag legte. Dann stiegen sowohl er als auch Themma Tighhoor über eine Treppe in das Luftschiff hinein und die Kanzlerin gab den Befehl zum Start.

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