fabula vaporis – Kap. 20

„Wo ist es?“, zischte er und hielt dem Mann die kalte Klinge an die Kehle.

„I… Ich w…weiß es nicht“, flüsterte dieser zurück. „Ich habe es nie gesehen…“

„Doch. Das hast du! Und jetzt sag mir, wo es versteckt ist!“ Er hob den Mann am Kragen hoch und drückte ihn an die Wand.

„I… In der Gondel…“, stotterte der Mann und sah Jones in die kalten Augen.

„In welcher?“, fauchte letzterer und drückte den Mann noch fester an die Wand.

„1254. Von Crash… Geh zu ihm!“

„Danke für die Auskunft“, sagte Jones tonlos und versenkte die Klinge im Hals des Mannes. Warmes Blut tropfte auf den mit kupfernen Fliesen gepflasterten Boden. Crash, der Gondelbauer, also, dachte Jones, dann wollen wir mal. Er ging aus dem Haus und schritt die dunkle stickige Gasse entlang. „Wo bist du…?“, fragte er sich im Stillen und las ein Schild nach dem anderen, da über jedem Laden eines über der Tür angebracht war. Crash hatte seinen Laden in eben dieser Straße – weit ab von der Hauptstraße. Und Jones wollte ganz sicher keine Aufmerksamkeit erregen. Langsam ging er durch die Gasse und blieb dann vor einer hohen kupfernen Tür stehen.

Crash – Gondelbauer

las Jones auf dem Schild über der Tür. „Dann wollen wir mal.“ Mit diesen Worten ergriff er den Türknauf, drehte ihn einmal im Uhrzeigersinn und die Tür schwang auf. Er trat ein, schloss die Tür hinter sich und stand in einem großen, hohen Raum. An der Decke hingen teilweise fertige Gondeln, teilweise aber auch nur Rohgerüste. In einer Ecke werkelte ein kleiner Mann, der eine große Fliegerbrille aufgesetzt hatte. Dazu trug er sehr hohe Schuhe. Funken stoben auf, als er das eine oder andere Mal etwas zusammenschweißte. Ein rostiger Geruch lag in der Luft. Was hatte der Mann noch gesagt? 1254, war die Nummer gewesen. Jones ging auf den kleinen Mann zu und tippte ihm auf die Schulter. Crash drehte sich um und sah hinauf, da er Jones gerade Mal bis zum Bauchnabel reichte – trotz der hohen Schuhe.

     „Was kann ich für Sie tun?“, fragte er.

     „Ich bräuchte eine Auskunft. Über Gondel 1254“, sagte Jones bestimmt.

„Dazu sind Sie nicht berechtigt. Wenn Sie mich entschuldigen würden“, erwiderte Crash und wandte sich wieder seiner Arbeit zu. „Miss Tighhoor schickt mich“, ergriff Jones wieder das Wort, überrascht über die Verwegenheit des kleinen Mannes. „Und ich will diese Gondel sehen.“ – „Auch Miss Tighhoor ist dazu nicht berechtigt“, tönte es gedämpft unter der Schweiß-maske hervor, die Crash angezogen hatte. „Gehen Sie wieder. Ich kann Ihnen nicht helfen.“

Jones wandte sich von dem kleinen Mann ab und ging wieder zurück. Leise, wie er sich bewegen konnte, kletterte er eine Kette nach oben, die von der Decke herunter hing. Crash hatte nichts bemerkt, da seine Arbeit zu viel Krach veranstaltete. Jones kam zu einer Plattform, die von einem Graben unterbrochen wurde und dann auf der anderen Seite weiterging. In dem Graben parkte eine Gondel; neben Jones waren ein Hebel und ein Nummernfeld angebracht. Von hier aus kommen die Gondeln also in den Verkehr, dachte Jones und verfolgte den Kupferdraht, an dem die Gondel befestigt war. Er führte durch ein großes Loch in der Hallenwand nach draußen. „Dann wollen wir mal“, sagte Jones und drückte probeweise eine Nummer mit den Nummerntasten.

     1235.

Nichts geschah. Jones überlegte einige Sekunden lang, dann zog er den Hebel. Es ratterte leise und die geparkte Gondel fuhr zurück. Sie war wohl noch nicht fertig. Eine halbe Ewigkeit später, so kam es Jones jedenfalls vor, ratterte eine Gondel durch das Loch in der Wand in die Halle und parkte vor Jones in dem Graben. Crash hatte wohl jeder Gondel eine Nummer zugewiesen.

     1254.

Es ratterte wieder und die Gondel 1235 fuhr wieder nach draußen in den Verkehr. Ein paar Minuten später ratterte eine andere Gondel durch das Loch und parkte vor Jones. Dann öffneten sich zischend die Türen. „Gondel 1254“, murmelte Jones und stieg ohne weiter zu überlegen in das Gefährt. Als er sich gerade hingesetzt hatte, schlossen sich die Türen und die Fahrt ging los. Crash hatte von alldem nichts mitbekommen und schweißte fröhlich an seinem Arbeitsplatz einen Fensterrahmen zusammen.

* * *

„Und nun?“, fragte Jason Acia am nächsten Morgen, als das Mädchen gelesen hatte, was die Festplatte der Kanzlerin über die vier Arkana der Macht wusste. „Wir werden sie finden“, erwiderte Acia entschlossen. „Und dann vernichten.“

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