fabula vaporis – Kap. 13

Versuchungen sollte man nachgeben. Wer weiß, ob sie wiederkommen!

Oscar Wilde

Jones kletterte die steile knarrende Treppe hinunter. Er kam an einen weiteren vernagelten Durchgang am Fuß der Treppe, den er mit einem Tritt versuchte zu öffnen, aber es klappte nicht. Trotz der Feuchte und Kälte hier unten war das Holz noch zu stabil, um einem Fußtritt nachgeben zu können. Jones nahm eine Dynamitstange und zog die Zündschnur mit den Zähnen heraus. Es zischte kurz, dann erlosch das Dynamit wieder. „Mist“, murmelte Jones und ließ die Dynamitstange fallen; dann griff er in seinen Mantel und zog Wurfdynamit heraus.

Die ganzen Arten von Sprengstoff hatte der Mann selber erfunden, damit er sich den Einstieg in gewisse Häuser leichter machen konnte. Jones trat einige Stufen wieder nach oben und nahm das Dynamit an der Zündschnur. Er schleuderte die rötliche Stange und während er das tat, fing sie aufgrund des Sauerstoffes Feuer. Im richtigen Moment ließ Jones die Stange los und sie explodierte genau dann, als sie den vernagelten Durchgang berührte. Es krachte laut, Jones landete auf seinem Hinterteil, stand dann aber wieder auf. Er ging zu dem Loch, das er in das Holz gesprengt hatte, und stieg hindurch. Der kalte modrige Geruch von Kälte und Schimmel stieg dem Mann in die Nase und er stieß die Luft einmal kräftig zwischen den Zähnen aus. Nun hörte er Stimmen, die aus einem Nebenraum kamen, den der Erfinder ebenfalls durch Bretter vom Rest abgetrennt haben musste. Jones trat an eine Holzmauer und hielt ein Ohr daran.

     Nichts.

Er ging weiter und prüfte jede weitere Holzmauer, die eine Tür verdeckte. Erst im vorletzten Raum hörte er die Stimmen von Kindern. Was die hier zu suchen hatten, wusste Jones nicht, nur, dass sie ihn bei seiner Arbeit störten. Er nahm eine weitere Nahdynamitstange von seiner Schulter, da er aufgrund des Tetrachromat-Phänomen ein Astloch in einem der Bretter entdeckt hatte, das groß genug für eine Dynamitstange war. Er riss die Zündschnur ab und steckte die rötliche Stange in eben dieses Loch hinein. Dann trat er einige Schritte zurück und verschwand hinter einer Säule, die wohl als tragende Stütze des Hauses diente. Es krachte einmal laut, dann war der Durchgang frei. Staub und Holzspäne wirbelten auf, als Jones auf das Loch zutrat und hindurchstieg.

Jesse half seinem Bruder und Carry aus dem finsteren Schacht zu klettern. „Danke“, murmelte Carry, als Jesse sie aus dem Loch zog. Zusammen wuchteten sie den Kanaldeckel wieder auf seinen Platz. „Wo sind wir?“, fragte Josh und sah sich um. Er konnte so gut wie nichts erkennen. Nur durch ein winziges Fenster kamen einige Sonnenstrahlen in den Raum. „Ich würde sagen, wir sind soeben in einen Keller geklettert“, folgerte Jesse, als er sich umsah, und konnte die Silhouette von Carry und Josh im Dämmerlicht erahnen. „Und jetzt?“, fragte Josh. „Warum sind wir noch mal hier?“ Carry verdrehte die Augen und sah Josh an. „Weil wir den beiden Jungen gefolgt sind und jetzt hier gelandet sind…!“

„Ihr seid uns gefolgt?“, fragte eine den drei Kindern unbekannte Stimme aus dem vorderen Teil des Kellerraums. Dann traten zwei Jungen aus einem finsteren, vorderen Teil des Kellers. Die Schatten der beiden hatten die drei Kinder zuvor für einen Schrank gehalten. „Was machen wir denn jetzt, Askar?“, fragte der Junge mit der sonoren Stimme. Eine andere, etwas höhere und auch unheimlichere Stimme, antwortete. „Wir sollten sie mitnehmen, Lionel.“ Dann krachte es und Holzspäne flogen durch die Luft. Mit ihnen die beiden Jungen, die sich aber schnell wieder aufrappelten, als sie sich gefasst hatten. Eine dunkle Gestalt trat durch ein Loch, das wohl sie gesprengt haben musste, und sah sich in dem Keller um. Um die Schultern hatte sie rötliche Stangen, soweit das erkennbar war, in der anderen Hand eine Axt, die sie drohend hin und her kreisen ließ. „Störe ich?“, fragte Jones die fünf Jugendlichen. „Was habt ihr hier zu suchen?“ Seine Stimme wurde kalt.

„Was haben Sie hier zu suchen?“, fragte Carry. Jones antwortete nicht; nein, er kratzte sich mit der freien Hand an der Schläfe. „Kenne ich dich?“, fragte er schneidend. „Nicht das ich wüsste“, entgegnete Carry und sah Jones finster an. „Wo sind wir?“, fragte das Mädchen dann und trat etwas zurück, damit sie von Josh und Jesse umgeben war. Die beiden anderen Jungen traten zurück in den Schatten und es war nicht erkennbar, was sie dort machten. „Ihr seid in… einem Haus, in das ihr eigentlich gar nicht hinein dürftet“, sagte Jones rau und ließ seine Axt kreisen. „Ich habe gesehen, wie ihr in die Kanalisation geklettert seid!“, sagte Jones und sah von links nach rechts erst Josh, dann Carry und Jesse an. „Und was hattet ihr da zu suchen?“ – „Ich glaube, dass sollten Sie besser nicht wissen“, sagte einer der beiden Jungen, der eben mit Askar angesprochen wurde.

„Ach, und warum?“, fragte der Mann und kam näher. Da warf der Junge, der Askar hieß einen rohrähnlichen Gegenstand an Jones‘ Kopf, dieser sackte zusammen und die beiden Jungen ergriffen die Flucht. Nach kurzem Zögern kletterten die drei Kinder – Carry, Josh und Jesse – ebenfalls durch das von Jones gesprengte Loch in der Holzwand und dann durch den engen Flur die Treppe hinauf. „Wohin?“, fragte Lionel seinen Freund Askar. Für beide war es kein Problem durch das Haus zu klettern und die noch nicht von Jones geöffneten Türen zu sprengen, da sie selber Nahdynamit dabei hatten. Immerhin waren sie von den Controllern beauftragt worden, die Trinkwasservorräte unter dem Palast der Macht zu sprengen. Und das nur, weil die beiden so gut klettern und springen konnten. Aber alle aus der Gruppe der Controller hatte ein Crossing Over-Phänomen. Ohne ein solch Angeborenes durfte man sowieso nicht der Gruppe beitreten.

Die drei Kinder rannten durch das Haus, ein fluchender Jones hinter ihnen her. Sie bogen willkürlich durch ein Loch in der Wand ab oder gingen Treppen hoch. Vor ihnen hörten die drei Stimmen. Wer konnte das sein? Helles Tageslicht blendete die zwei Jungen und das Mädchen. Vor ihnen, am von Jones gesprengten Giebel des Hauses, standen die beiden Jungen, die die Wasservorräte der Kanzlerin gesprengt hatten, und sahen sich nach einem möglichen Fluchtweg um. „Übers Dach?“, fragte der Junge, der Lionel hieß. „Sicher, Askar!“, antwortete Lionel und setzte zum Sprung an. „Wohin?“, fragte Jesse außer Atem. „Was hatten ihr in der Kanalisation zu tun? Wir haben euch gesehen…“ Ein Sack wurde um Jesse‘ Kopf gestülpt und er hörte Carry und auch seinen Bruder schreien. „Dann können wir euch leider nicht hier lassen!“, erwiderte Askar leise, aber energisch, und schulterte Jesse und Carry. Lionel ergriff Josh und dann sprangen die beiden vom Dach herunter. Gerade in diesem Moment kam Jones die Treppe zum Dach hinaufgestolpert, fand aber niemanden vor. Er griff in seinen Mantel und brachte ein Fernglas zum Vorschein, in das er hineinsah, als er die Dachkante erreicht hatte. Er blickte durch die beiden Tuben. Jones verfolgte den Weg, den die beiden Jungen nahmen. Wo die auf einmal die Säcke, die sie geschultert hatten, hergenommen hatten, wusste Jones nicht; wahrscheinlich hatten sie in dem Haus des Erfinders gelegen. „Ich finde euch!“, murmelte Jones und es klang nicht sehr freundlich. „Und dann ist es aus…“ Seine linke Hand ruhte auf dem Messer, das er in einer der vielen Innentaschen des Mantels hatte. Die Klinge hatten schon einige zu spüren bekommen, die ihm in die Quere gekommen waren.

Jones kletterte wieder in das Haus zurück und suchte weiter nach dem Schrank, den er bisher noch nicht gefunden hatte. Wo steckst du bloß?, fragte Jones sich immer wieder im Stillen und brach ungezählte Male die Stille, die sonst in der Straße herrschte, in der das Haus Locor Narcanas stand, in dem er die vernagelten Türen sprengte oder mit der Axt öffnete.

Die beiden Jungen sprangen über die heißen Wellblechdächer der Stadt und suchten ständig nach den Wegmarkierungen, die die Controller angebracht hatten, um schneller durch die Stadt huschen zu können, und, um eventuelle Fluchtwege zu haben. „Wo sind sie?“, fragte Askar, während er sich nach Lionel umsah. „In der alten Fabrik!“, rief der anderen zurück und suchte die Wegmarkierung. Dann sprang er über einen Graben zwischen zwei Dächern, der etwa zwei Meter maß. Unter ihm waren die Menschen in der warmen Nachmittagssonne – die Stadt hatte sich wieder merklich abgekühlt – am Handeln, Feilschen und Betrügen. „Wir sind gleich da“, bemerkte Lionel und bog über ein mit Teerplatten gedecktes Haus. In der Ferne war ein Fabrikschlot zu erkennen, der, im Gegensatz zu den anderen, weder Rauch noch Feuer ausspuckte, sondern einfach schwieg. Neben ihm war eine riesige Halle, die vielleicht dreihundert Mann fasste, und als Versammlungsraum der Controller diente.

„Wo geht ihr hin?“, fragte Josh mit gedämpfter Stimme. Dem Jungen war von dem Herumspringen Lionels ganz schlecht geworden war. Carry und Jesse ging es nicht anders. Das Mädchen bekam nur schwer Luft und drohte in Ohnmacht zu fallen. „Wir sind gleich da!“, murmelte Askar Jesse und Carry zu. Der Junge registrierte Askars Stimme; Carry in einer Halbohnmacht.

Plötzlich sprangen die beiden Jungen aus mindestens drei Metern Höhe – so kam es Jesse zumindest vor – von einem Dach herunter und landeten auf einem Platz, der mit Rasengittersteinen gepflastert war. Das Gras stand kniehoch und bedeckte den Boden, sodass man leicht Stolpern konnte. Trotzdem kamen Lionel und Askar zügig voran und bald darauf hörten die drei Gefangenen, wie ein Tor geöffnet wurde und eine hohe Stimme die beiden Ankömmlinge nicht ganz so freundlich begrüßte. „Wen bringt ihr denn mit? Beim letzten Mal haben sie uns drei Monate gejagt, als wir Dillion geholfen haben, seinem Vater zu entkommen“, meckerte die Stimme. Carry, Jesse und Josh wurden nach einem längeren Weg durch die Halle unsanft auf ein hölzernes Podest gesetzt, und dann zogen Askar und Lionel ihnen die Säcke von den Köpfen und der Blick klarte auf. Carry sog gierig die Luft ein und versuchte, nicht an ihre Übelkeit zu denken. Josh und Jesse saßen neben ihr und alle drei starrten in die Gesichter von mindestens dreihundertfünfzig Kindern und Jugendlichen. „Und? Wo habt ihr die drei aufgegabelt?“, fragte die Stimme, die einem Mädchen von knapp vierzehn Jahren gehörte, und sah Lionel und Askar an, die sich vor dem Podest postiert hatten. Das Mädchen stand in einiger Entfernung und hatte die Hände in die Hüften gestemmt. „Im Haus des Erfinders“, antwortete Askar und wurde von Lionel unterbrochen. „Acia, wir haben die Trinkwasservorräte in die Luft gesprengt und sind dann durch das Haus geflohen. Die drei hier…“ Er deutete mit dem Daumen über die Schulter auf die drei Kinder. „… waren wohl aus irgendeinem Grund in der Kanalisation und sind uns gefolgt. Vielleicht sind sie auch von den Fluten des Wassers heruntergespült worden. Askar und ich sind dann…“ – „…durch das Haus des Erfinders geflohen, dort den dreien und einem sehr unfreundlichen Mann begegnet. Er hat gesehen, wie die drei in die Kanalisation geklettert sind. Dann sind wir über die Dächer geflohen, aber da uns die drei hier verfolgt haben, haben wir sie mitgenommen. Alles klar?“, fragte Lionel schließlich zum Schluss. Das Mädchen zwinkerte mit einem Auge den beiden Jungen zu. Sie hatte wohl verstanden, dass das nicht gelogen war und schenkte ihnen Glauben. Ihre zuvor etwas härter aussehende Miene klarte auf und sie grinste. „Und was hat der Mann in dem Haus gemacht?“, fragte das Mädchen, das Lionel mit Acia angesprochen hatte. „Er hatte eine Axt und Nahdynamit dabei… Warum er da war, was er da gemacht hat…? Keine Ahnung!“ – „Okay… Dann…“ Das Mädchen drehte sich um und rief in die Menge der Kinder und Jugendlichen. Sie hatte wohl die größte Autorität, denn die anderen verschwanden sofort aus der Halle und machten sich auf die Suche nach dem Mann. „Geht! Und findet den Mann… Ähh. Lionel, wie sah der denn aus? Iris?“ Ein kleines Mädchen trat aus der Menge hervor und schritt auf Acia zu. „Was ist, Acia?“ – „Fertige ein Portrait an und lass es vervielfältigen, ja? Dann verteil es an die anderen…“, sagte die Anführerin und das Mädchen, das Iris hieß, nickte.

Sie war in normalen Verhältnissen aufgewachsen, bekam die jedem zustehende Schulbildung, und begann eine Ausbildung, als sie vierzehn Jahre alt war. Diese brach sie aber ab, weil sie mit ihrem Bruder Allan eine Kunstagentur gründen wollte. Als das Virus eines nachts in dem Stadtteil ausbrach, wo sich Iris und ihr Bruder Allan eine Wohnung genommen hatten, starb Allan an den Folgen einer Infektion und Iris eilte ruhelos durch die Stadt. Da beobachtete sie zwei Jugendliche in ihren Alter, die über die Dächer sprangen, als würde sie der Tod höchstpersönlich jagen. Iris folgte ihnen und gelangte in die Fabrikhalle, in der die Controller ihr Hauptquartier hatten. Lionel, einer der Jungen, denen Iris gefolgt war, hatte festgestellt, dass sie eine besondere Begabung für das Zeichnen besäße, was auch stimmte. Seit diesem Tag an war Iris eine gute Freundin von Acia.

Den Verlust ihres Bruders hatte sie nie so ganz überwunden, aber die Controller halfen ihr, damit zurechtzukommen. Und Acia schwor Iris, dass sie irgendwann an der Kanzlerin Rache nehmen konnte, was sich bis jetzt nicht erfüllt hatte.

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