fabula vaporis – Kap. 12

Carry fiel immer tiefer. Über ihr stürzte das Wasser in die Tiefe und hatte sie beinahe erreicht. Die ersten Wassertropfen drangen durch ihre Atemwege in die Lunge und ein Hustenanfall schüttelte sie. Carry hatte Schwierigkeiten, Luft zu bekommen. Sie hatte das Gefühl von innen zerquetscht zu werden. Blut rauschte in ihren Ohren, dann schwanden ihr die Sinne und kehrten erst wieder zurück, als sie mit einem lauten Platsch in eiskaltes trübes Wasser stürzte. Sie hatte kaum Luft in den Lungenflügeln und mit letzter Kraft schwamm sie nach oben – halb blind vor Sauerstoffmangel. Gierig sog sie die Luft ein, als sie nach oben schwamm und die Wasseroberfläche brach. Dann stürzte das klare Wasser, das aus der Tür geflossen war, erneut auf sie ein und presste sie wieder in die Tiefen des verbotenen Tals. Carry hätte schwören können, dass sie eine Silhouette im Wasserfall erkannt hatte, aber sicher war sie sich nicht.

Josh hatte einigen Vorsprung, als sein Bruder, aber Jesse holte ihn schnell ein, indem er sich windschnittiger in die Luft legte. Das Wasser rauschte unter ihnen in die Tiefe, da die nachströmenden Vorräte aus dem Gang erschöpft waren, und Jesse hatte das Gefühl durch das schimmernde Wasser eine rothaarige Silhouette auszumachen, aber er konnte sich auch täuschen. Schließlich waren das mehrere tausend Liter, die eine Durchsicht beinahe unmöglich machten.

„Und was ist, wenn wir unten auf Stein aufkommen und uns alle Knochen brechen?“, schrie Josh seinem Bruder zu, aber der rauschende Wind verschluckte einige Silben, bevor sie bei Jesse ankamen. „Was ist los?“, brüllte Jesse zurück. Josh hatte ihn der Geste nach zu urteilen, die sein Bruder machte, nicht verstanden.   Bevor Josh seine Angst erneut äußern konnte, platschten die beiden Jungen in einen tiefen See aus Abwasser und Trinkwasser. Die beiden sahen nichts mehr. Mit jedem Schwimmzug versuchte Jesse an die Wasseroberfläche zu gelangen. Das Trinkwasser hatte sich mittlerweile komplett in dem verbotenen Tal ergossen. Aber die Strudel, die sich daraufhin gebildet hatten, zogen den Jungen und seinen Bruder immer weiter unter Wasser. Jesse musste sich zwingen, nicht zu atmen, da er sonst das Wasser in die Lungen bekommen würde. Sterne explodierten vor seinen Augen aufgrund des mangelnden Sauerstoffes, den Jesse sich so sehnlichst wünschte. Plötzlich ergriff eine starke Hand seine Schulter und riss ihn nach oben. Jesse hustete das Wasser, das er dann wohl doch geschluckt haben musste, aus und sah sich mit trübem Blick um. Rechts neben ihm machte er die vertraute Silhouette seines Bruders aus. Dann sah der Junge nach vorn und starrte in ein fremdartiges Gesicht, das nur aus roter flüssiger Farbe zu bestehen schien. „Jesse!“, brüllte die rote Farbe und schlug ihm ins Gesicht. Ein letzter Rest Wasser raste Jesse‘ Atemwege hinauf und drang durch den Mund nach außen. Der Junge wandte sich ab, um die rote Farbe nicht voll zu spucken. Er sog tief die Luft ein und dann klarte sein Blick auf.

Carry atmete auf, als Jesse aufstand und zu seinem Bruder torkelte. „Josh?“, fragte Jesse benommen. „Was soll diese rote Farbe da?“ Josh lachte und zog sich am Arm seines Bruders hoch. Nur mit Mühe hielt sich Jesse auf den Beinen, als das plötzliche Gewicht an seinen Armen zerrte. „Das ist Carry“, kicherte Josh und drückte Jesse an sich. „Bin ich froh, dich zu sehen!“ Dann klarte Jesse‘ Blick gänzlich auf und er nahm seine Umgebung wieder normal wahr. Carry stand etwas verloren am Ufer des verbotenen Tals und – wie es schien – hatte sie die beiden aus dem Wasser gezerrt und auf den Vorsprung gelegt, der um die Kanäle herumführte. Das war mit einem Fußweg zu vergleichen – und die Kanäle waren die Straßen. „Wo sind wir?“, fragte Jesse und drehte sich zu Carry um. Sie rannte auf ihn zu und warf ihn fast um mit einer Umarmung. „Du lebst also doch noch!“, grinste sie und ließ Jesse wieder los. „Wir befinden uns im verbotenen Tal“, sagte sie. „Die beiden Jungen sind nach da gegangen.“ Das Mädchen deutete mit ihrem Daumen in eine Richtung.

Obwohl das Wasser hier mit lautem Donnern in die Tiefe stürzen musste, war kein Geräusch zu hören. „Wieso höre ich das Wasser nicht, wenn wir im verbotenen Tal sind?“, fragte Josh, der sich bis gerade eben keine Gedanken dazu gemacht hatte. „Keine Ahnung.“ Carry zuckte mit den Schultern. „Wollen wir den beiden folgen? Immerhin wären wir wegen denen gerade fast gestorben!“ – „Wie lange ist das denn schon her?“, wollte Jesse wissen. „Die sind seit einer halben Stunde weg“, bemerkte Carry und sah auf ihre Uhr, die zum Glück wasserdicht war. Deshalb funktionierte sie noch einwandfrei. „Dann los!“, schrie Josh abenteuerlustig. Er achtete nicht darauf, dass sein Echo nicht zu hören war, sonst hätte er bestimmt aufgehorcht. Die drei Kinder gingen los. Carry als Vorderste, dann folgten die beiden Brüder.

Bald schon endete der Fußweg in einer Sackgasse. Endstation. „Und jetzt?“, fragte Josh und sah sich um. Das Wasser zu seiner linken verschwand in einem Strudel. Irgendwo hier musste es doch einen Ausgang geben, dachte Carry und sah sich um. Jesse erklomm probeweise eine metallene Wand, rutschte aber sofort wieder ab. „Bist du naiv!“, lachte Josh und schlug seinem Bruder in einem Lachanfall auf die Schulter. Jesse grinste verstohlen und erklomm die Wand ein weiteres Mal. Irgendwo weiter oben hatte er doch eine Leitersprosse an den Händen gespürt… Tatsächlich war im Schatten der Mauer eine Leiter angebracht. Sie lag etwas erhöht, aber für Jesse stellte das kein Problem dar. „Kommt ihr?“, lachte der Junge, während er sich mit beiden Händen an der untersten Sprosse festhielt. Er griff mit der rechten Hand nach der zweiten Sprosse und zog sich so langsam nach oben, bis er mit seinen Füßen auf der untersten Sprosse halt fand. Carry folgte Jesse. Als auch sie festen Halt gefunden hatte, sah sie nach unten. „Kommst du, Josh?“, rief sie nach unten. „Ich kann nicht so hoch springen!“, bemerkte der Junge. Carry seufzte. Sie kletterte wieder einige Sprossen nach unten und hockte sich auf die unterste Leitersprosse. Sie hakte ihre Kniekehlen ein und ließ sich nach hinten fallen, wie sie es schon an den Rohren getan hatte. „Spring!“, forderte sie Josh auf und sah ihn an. Carry ließ ihre Arme nach unten fallen und überbrückte so eine große Hürde von Weg, den es zu springen galt. Josh sprang und schaffte es gerade, die Fingerspitzen von Carry zu ergreifen. Dann musste er loslassen. „Versuch es noch einmal!“, rief Jesse, der Halt gemacht hatte und nach unten sah.

 Josh sprang erneut und diesmal schaffte er es, die Handgelenke von Carry zu fassen zu bekommen. Er klammerte sich an diesen fest und Carry tat es ihm gleich, indem sie seine Handgelenke umschloss. „Drück dich von der Wand ab!“, forderte das Mädchen und Josh tat es. Er schwang zurück und kam wieder zur Wand zurück. Immer wieder stieß er sich ab. Carry und Josh klammerte sich gegenseitig fest. Des Mädchens Arme schmerzten von dem ewigen Schwingen, aber sie konnte Josh nicht einfach so loslassen. Als dieser in einem Winkel von zweihundertsiebzig Grad schwang, ließen beide die Handgelenke des jeweils anderen los und Josh stürzte der Mauer entgegen. Er bekam eine Leitersprosse zu fassen und krallte sich daran fest. Carry schwang sich nach oben, hielt sich an einer Leitersprosse fest und zog die Beine hinter der untersten Leitersprosse zurück. Sie stampfte ein paar Mal auf, um wieder Blut in die Beine zu bekommen. Da brach die Leitersprosse ab und Carry fiel hinunter. Sie landete auf dem Boden. Mit schmerzverzerrtem Gesicht rieb sie sich den Ellenbogen ihres linken Armes, dann richtete sie sich wieder ab. „Verflixt!“, murmelte sie. „Alles in Ordnung?“, rief Josh herunter. „Jaja“, kam es zurück. „Wartet mal eben.“

 Carry  ging einen Schritt zurück, nahm Anlauf und sprang nach oben. All ihre Kraft legte sie in diesen Sprung. Sie bekam die unterste Leitersprosse zu fasste und zog sich nach oben. Da sie es nicht schaffte, ließ sie sich wieder hängen und zog ihre Füße zu ihrem Rumpf. Dort tastete sie nach den Ausbruchlöchern der anderen Leitersprosse. Als sie sie gefunden hatte, versenkte sie ihre Füße dort hinein und spannte die Muskeln an. Dann ließ sie die Leitersprosse los und drückte sich mit den Füßen ab. Sie sprang nach oben und krallte sich dort an einer anderen Leitersprosse fest. Sie tastete mit den Füßen nach einer Sprosse und fand eine, auf der sie zum Stehen kam. „Können wir?“, fragte sie. Jesse und Josh hatten Carrys Aktion im Dämmerlicht mit angesehen und waren erstaunt, über das, was Carry getan hatte. „Klar“, brachte Josh hervor und stieß seinen Bruder an den Füßen an. Dieser verstand und kletterte weiter.

Fünfzehn Minuten später

Ein dünner Lichtstrahl blendete Jesse, der der Erste war, der auf der Leiter kletterte. Josh war unter ihm und dachte nach. Sicher waren noch mehr Sprossen bei der Leiter gewesen, dachte der ältere von den beiden Brüdern, aber die waren bestimmt von den beiden Älteren entfernt worden… „Was ist los?“, fragte Carry, als Josh abrupt abbremste. „Ich kann nicht weiter“, bemerkte Jesse und deutete nach oben. Durch mehrere kleine Löcher drang mattes Licht in den Schacht. Das Zersplittern von Holz war ein deutliches Nebengeräusch, das durch das entfernte Rauschen des Wassers und gelegentlichen Explosionen drang. Jesse drückte gegen den Kanaldeckel und bekam ihn erstaunlicherweise leicht nach oben gehoben. Als er ihn komplett nach oben gehievt hatte, ergriff er eine Kante des Kanaldeckels und drückte ihn beiseite, sodass die Öffnung frei war. „Kommt ihr?“, fragte Jesse und kletterte aus der Öffnung hinaus. Die anderen beiden Kinder folgten ihm durch die Öffnung.

     Sie waren nicht auf der Straße.

     Sondern in einem Haus.

Jones hatte sich von dem ersten Schrecken erholt und war zufrieden, dass der Ilaner tot war. Das Seil hatte Jones jetzt zwar auch nicht mehr, aber momentan kam er auch ohne zu recht. Er griff in seinen Mantel und holte eine Axt heraus. Zudem brachte er Nahdynamit ans Tageslicht und hängte sich die Zündschnur um die Schulter. Er stiefelte durch den vor Staub nebeligen Raum und kam bald darauf wieder an eine vernagelte Tür. Jones schleuderte die Axt in der Hand, aber als sie wirkungslos gegen das Holz krachte, nahm er eine Nahdynamitstange von der Schulter, riss die Zündschnur mit den Zähnen ab und spuckte sie auf den Boden. Dann steckte er das Dynamitbündel in ein kleines Astloch und ging in Deckung. Es krachte, dann wirbelte der Staub durch die Gegend. Jones kam hinter dem Tisch vor, den er sich wie eine Schutzmauer umgekippt hatte und sich dann dahinter verborgen hatte. Er ging zur Tür und trat durch das Explosionsloch in den nächsten Raum. Prüfend sah er sich dort um, fand aber nicht das, was er suchte. Das war ein großer, metallener Schrank, der an der Tür hunderte von Verzierungen aufwies. Ein Auge eines Seemonsters auf diesem Schrank war hohl – und darin sollte der Plan stecken, wo die vier Arkana der Macht aufbewahrt wurden. Das hatte ihm zumindest die Kanzlerin auf einem Zettel geschrieben, den sie Jones unbemerkt zugesteckt haben musste. Der Mann zuckte mit den Schultern und ging weiter. Die nächste Tür ließ mit viel Schwung und der Axt öffnen und Jones kletterte in den nächsten Raum.

Das war wohl mal ein Werkraum gewesen, dachte sich Jones und sah sich aufmerksam um. Durch die Ritzen zwischen den Hölzern, die wie Doppelverglasung die Fenster und Türen schlossen, drang sanftes Dämmerlicht – genügend, dass der Mann sehen konnte. Immerhin hatte er ein Crossing Over-Phänomen bekommen. Die Kanzlerin war sechs Jahre älter als Jones und hatte schon als Kind ihres Vaters ein wenig Autorität ihrerseits erfahren. Als sie dann mit dreizehn Jahren an die Macht gekommen war, war das Crossing Over-Phänomen schon zu weit entwickelt und Jones hatte trotz, dass er schon geboren war, noch eine Veränderung an seinem Körper erfahren. Er hatte einen vierten Rezeptor für eine vierte Farbe erhalten, mit der er einen gelblichen Ton erkennen konnte – und damit auch gut im Dunkeln sehen konnte. Zwar eignete sich dieses Phänomen nicht im Finstern der Nacht, da brauchte er schon eine Laterne, aber für Dämmerlicht allemal. Jones sah sich erneut um und sah ein kleines Buch, das auf Seite einhundertdreiundneunzig aufgeschlagen war. Der Mann registrierte den Inhalt mit einem flüchtigen Blick, dann befand er das Buch als uninteressant und ging zur nächsten Tür, die er wieder mit Nahdynamit öffnen musste. So spazierte Jones den ganzen Tag durch das Haus des Erfinders Locor Narcana und suchte nach dem einen Schrank.

Er hatte gerade das oberste Stockwerk durchkämmt, da hörte er ein Schaben aus dem unteren Bereich des Hauses. Er fragte sich, was das sein könnte und stiefelte eine Treppe hinunter, die er noch mit der Axt freischlagen musste. Der Eingangsbereich, in dem Jones nun landete, bestand aus einem riesengroßen, breiten Flur, von dem mehrere Türen abgingen. Das Schaben ertönte erneut und Jones konnte die Quelle des Geräusches ausmachen. Er ging zu der Kellertür, wie er vermutete, und sprengte sie mit Nahdynamit.

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