fabula vaporis – Kap. 11

Dreißig Minuten später

Sie kamen an eine Kreuzung. Der Weg ging entweder links weiter, rechts oder direkt einfach geradeaus über eine metallene Brücke aus vergitterten Metall. Es war etwas seltsam, dass hier eine Brücke angebracht war, aber keiner stellte die sich aufkommende Frage. „Müssen wir jetzt abbiegen? Oder können wir über diese geniale Brücke gehen?“, fragte Carry Josh, der es wohl verstanden hatte, die drei per Karte hierher zu lotsen.

An dieser Wand war keine Karte verzeichnet. Auch nicht an der Wand zur Linken der drei oder gar gegenüber, wenn man über die Brücke gehen würde. Zum wiederholten Male überlegte Carry, was sie eigentlich in den Kanälen der Stadt wollten. „Und was jetzt?“, fragte sie. „Wo geht’s weiter?“ Sie blickte in die Runde. „Still!“, murmelte Josh und schloss die Augen. Er führte die drei Fingerspitzen der linken und rechten Hand an seine Schläfen und rieb sie sich langsam im Uhrzeigersinn. Wärme schoss von der Stelle in die Adern und versorgte sein Gehirn mit genügend Sauerstoff. Diese Methode hatte schon immer geklappt, sich etwas, das man gesehen hatte, wieder ins Gedächtnis zurückzurufen.

     Eine Abbiegung.

     Eine lange Straße, von der fünf Querkanäle abflossen.

„Wir müssen… über die Brücke“, murmelte Josh und öffnete langsam die Augen. Ein seltsam bläulicher Glanz erlosch langsam und klarte Joshs Blick wieder auf. Carry nickte zufrieden, Jesse ließ sich nichts anmerken und folgte seinem Bruder und dem Mädchen über die metallvergitterte Brücke.

Auf der anderen Seite des Kanals führte ein glitschiger Tunnel in die Finsternis. Dort lauerten sicher mehrere Ratten und anderes Getier, aber die drei Kinder setzten ihren Weg in das unbekannte Dunkel fort und besahen sich die seltsam geformten Steine, die aus der Wand herauszuwachsen schienen, mit Interesse an. In der Ferne war ein Donnern zu vernehmen. Das Wasser in der Mitte des unterirdischen Kanales bildete einige kleinere Strudel, die das Wasser mit saugenden Geräuschen in die Tiefe zogen, um es kurz danach wieder an die Oberfläche zu spucken. Ein unerträglicher Gestank lag in der Luft, sodass sich Carry – und diesmal auch die beiden Jungen – einen Hemdzipfel vor die Nase hielten, um ihre Flimmerhärchen in der Nasenhöhle nicht ganz so zu strapazieren.

Das Donnern wurde mit jedem Schritt lauter, als es zu Beginn des Ganges war. Der Boden wurde auch um einiges glitschiger und schlüpfriger und mit jedem Schritt drohte einer der drei auszugleiten und hinzufallen. Das Getöse war mittlerweile so laut, dass die drei sich kaum mehr verständigen konnten; das lag aber vielleicht auch einfach an dem Echo der verbotenen Täler, das in den Gängen besonders stark ausfiel. „Und? Wann sind wir da?“, schrie Carry gegen den donnernden Lärm an. In der Ferne war Licht zu erkennen, das rasch heller wurde. Und dann offenbarte sich der Blick auf die verbotenen Täler: Donnernde Wasserfälle mit Abwasser stürzten in die Tiefe und sammelten sich unten. Von links, von rechts, von jeglichen Wänden schienen die Wassermassen ein Wettrennen in die Tiefe veranstalten zu wollen. Rohre kletterten die Wände hoch und versammelten sich dort zu einem gigantischen kupfernen Rohr, das in der Decke verschwand. Auf der rechten Seite – zwischen zwei der gigantischen Wasserfälle – zierte eine metallene Eisentür die steinerne Wand. An einigen Stellen hatte der Tür der Rost schon zugesetzt, aber das machte ihrer Stabilität wohl nichts aus.

Jesse, Josh und Carry waren sprachlos vor staunen. Sie hatten schon oft von der verbotenen Tälern gehört, aber nie hätten sie sich diese so eindrucksvoll vor das geistige Auge führen können. Hier war der Lärm auch nicht ganz so stark, da der Hall nicht so beträchtlich war. Das Wasser rauschte nur leise dahin, hatte aber doch noch eine gewisse Lautstärke. „Und was machen wir jetzt?“, fragte Carry und sah Josh an, der ja die Idee gehabt hatte, zu den verbotenen Tälern gehen zu wollen. „An den Rohren herumklettern“, schlug der Junge vor, zuckte aber mit den Schultern. Ob die anderen das wollten, stand außer Frage, denn Josh würde sowieso die kupfernen Röhren hinaufklettern und dort oben die Mäuse in der Kanalisation mit kleinen Steinchen abwerfen. Nur Josh hatte leider keine Steine dabei, was aber auch nicht dramatisch war, da er Carry nicht gerne verärgerte. Und Mäuse abwerfen gehörte gewiss zu den Dingen, die Carry nicht mochte. Der Junge wollte gerade etwas sagen, da sprang Carry schon in die Höhe und klammerte sich an einem Rohr fest, das nicht ganz so hoch hang. Sie umklammerte es mit ihren Beinen und kletterte soweit, bis sie frei über dem Abgrund hing, in dem die Wassermassen ihr zu Hause fanden. Carry klemmte sich mit den Kniekehlen am Rohr fest und ließ die Arme frei herunterfallen. Schon baumelte sie an ihren Beinen und hing kopfüber an dem Rohr.

 „Wollt ihr nicht auch kommen?“ Sie kicherte vergnügt. „Du hattest eine wunderbare Idee, Josh! Hier gefällt’s mir!“ – „Wusste ich doch“, murmelte Josh zufrieden und sprang an ein Rohr, das über den mit schmutzigem Wasser gefüllten Kanal zu seiner rechten entlang kletterte. Der Junge hangelte sich mit beiden Armen entlang des Rohres zum Mittelpunkt, wo alle zusammenliefen. Auch Jesse wurde vom Anblick der beiden Kletterer gepackt und sprang an ein Rohr, das frontal vor ihm in die Höhe schraubte. Flink kletterte der Junge daran hinauf und sprang als er etwa die Mitte des Rohres erreicht hatte, ein Rohr weiter. Carry und Josh blieb vor Staunen der Mund offen stehen.

„Wie hast du denn das geschafft?“, wollte Carry wissen und schwang sich so, dass sie nun auf dem Rohr saß. „Ich bin gesprungen“, erwiderte Jesse und versuchte, mit den Schultern zu zucken, was ihm aber nicht so leicht gelang, da er am Rohr hin und die Arme gestreckt hatte. Die Distanz, die er zurückgelegt hatte, betrug etwa eineinhalb Meter. So weit konnten Carry und Josh nicht einmal aus dem Stand springen, aber Jesse schien damit keine Probleme zu haben. In diesem Moment hallte ein dumpfer Knall aus einem Gang, der in der Nähe von Jesse‘ Platz verlief und in der Dunkelheit verschwand. „Still!“, flüsterte Josh und kletterte leise ein Rohr weiter hinauf. Carry setzte sich, soweit möglich, in eine bequemere Haltung und sah gebannt in den Gang, aus dem das Geräusch erklungen war. Zwei Gestalten schälten sich aus der Finsternis und kamen direkt auf die drei Kinder zu.

Die beiden Gestalten kamen mit jeder Sekunde, jedem Atemzug näher. Als sie schließlich ganz aus der Finsternis getreten waren, blieb den drei Kindern vor Staunen der Mund offen stehen. Es waren zwei Jugendliche im Alter von knapp sechzehn oder siebzehn Jahren. Sie hatten beide einen Kanalarbeiteranzug an, der mit öligen Flecken und – war das Blut? – befleckt war. Carry, Jesse und Josh hielten den Atem an. Was würde passieren, wenn die beiden die Kinder entdeckten? Keiner wusste es, aber Carry deutete still mit dem Finger auf die beiden, als sie bemerkte, was diese vorhatten. Auf die drei Kinder achteten die Jugendlichen überhaupt nicht. Einer hatte ein Dynamitbündel aus dem Innern des Anzuges herausgezaubert und folgte seinem Begleiter, der mit atemberaubender Geschwindigkeit Anlauf nahm und über einen Wasserfall auf die andere Seite des Bürgersteiges am Kanalrand übersetzte. Josh hätte vor Verblüffung beinahe laut aufgestöhnt. Warum konnte der eine so weit springen? Und rennen? Der andere jedoch tat es ihm gleich und setzte über den Kanal hinweg, als ob dieser gerade mal einhundert Zentimeter lang wäre – ein Klacks, also. Wieso konnten die beiden das? Hatten sie Sprungfedern unter den Schuhen? Nein, sie hatten normale Kanalarbeiterschuhe an, die mit öligen und – blutigen? – Flecken übersät waren. Seltsamen waren die beiden schon, dachte Josh und klammerte sich fester an das Rohr. Die beiden Jungen waren ihm nicht geheuer. Der junge Mann mit dem Dynamit – was wollte er eigentlich mit Dynamit in einer Kanalisation? Die Grundmauern der Stadt sprengen? Josh wäre bei dieser Überlegung fast vornüber gekippt, aber die Hand seines Bruders hinderte ihn daran.

Die beiden jungen Männer näherten sich der Tür und einer klopfte das Eisen vorsichtig ab. Mit einem gezielten Tritt an einer Stelle brach die Tür aus den Angeln. Hatten die beiden jetzt auch noch Superkräfte? Carry wand sich bei der Überlegung, da ihr dieselben Gedanken, wie die von Josh, auch schon gekommen waren. „Wir kommen!“, murmelte der junge Mann ohne Dynamit und sah sich hektisch um. Er hatte etwas längere Haare, die wohl noch nie das Wasser zu spüren bekommen hatten, und diese wirbelten ihm dabei durchs Gesicht. „Komm!“, flüsterte der andere mit Dynamit und trat vorsichtig in die Dunkelheit. In den Gang hinter der Tür. Eine ganze Weile passierte nichts. Jesse, Josh und Carry wollten gerade wieder von den Rohren herunterklettern, da hörten sie den Knall einer Explosion. Panisch, hektisch und irgendwie hilflos kamen die beiden jungen Männer wieder aus dem Gang herausgestürzt und sprangen nach einem kurzen Blickkontakt in den Abgrund, in den das schmutzige Wasser floss. Carry wollte gerade etwas darauf sagen, da hörte sie das entfernte Rauschen. Nicht das des Abwassers, das schon die ganze Zeit dagewesen war.

     Nein.

     Ein anderes, lauteres.

Und es kam näher. Das Mädchen sah zur aufgetretenen Tür. „Lauft!“, schrie sie den beiden Jungen zu und hatte wohl vergessen, dass die drei sich immer noch an dem Rohr festklammerten. „Was zum Teufel ist denn Carry?“, schrie Jesse laut und versuchte sich gegen das aufkommende Getöse zu behaupten. „Der Gang!“, schrie Carry. „Seht doch!“

Die Wassermassen stürzten auf die drei Kinder ein und Carry verlor den Halt. Unter kreischen und Schreien fiel sie in das verbotene Tal – dem zu Hause der Wassermassen entgegen. Jesse und Josh benebelte das saubere Trinkwasser, das aus dem Gang hervorquoll und donnernd in die Tiefe stürzte.  Sie waren beide bis auf die Knochen durchnässt und sahen sich an. Plötzlich zuckte Jesse zusammen. „Wo ist Carry?“, fragte er seinen Bruder leise. Josh sah sich suchend um, fand Carry aber nicht. Josh ging das Geschehe noch einmal im Kopf durch.

    Zwei Jungen, kaum älter als zwanzig Jahre…

    Ein Donner, dann rannten die beiden weg und sprangen in das verbotene Tal. Das Wasser war auf die drei eingestürzt… Ein Schrei…

„Carry ist hinuntergefallen“, murmelte Josh und sah seinen Bruder an. „Hinuntergefallen?“, fragte Jesse ungläubig und sah nach unten. Josh ließ los. „Was machst du da?“, fragte Jesse und sah dann, wie sein Bruder in das verbotene Tal stürzte. „Zum Teufel mit dir!“, murmelte Jesse, dann ließ er ebenfalls das metallene Rohr los und stürzte in die Tiefe.

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