fabula vaporis – Kap. 10

Eines Tages schwimmt die Wahrheit nach oben. Als Wasserleiche.

Wieslaw Brudzinski

Als Carry den Kanaldeckel zugezogen hatte, trat der Gestank aus den Tiefen des städtischen Abwasserlabyrinthes deutlicher hervor, da er nicht mehr von der klaren Luft des heißen Tages untermalt wurde. Carry war die erste, die sich dazu äußerte, als die drei die Leiter des vertikalen Schachtes hinunterkletterten und bald darauf auf einem glitschigen Vorsprung landeten.     „Mein Gott! Überall gibt es diese Ventilatoren… aber hier fehlen sie natürlich! Es stinkt erbärmlich…“
„Carry!“, versuchte Jesse sie zu beruhigen. „Nun sei mal nicht so… hysterisch.“

Carry schwieg, da sie es nicht mochte, wenn man sie mit hysterisch beschimpfte. Auch wenn das vielleicht manchmal zutraf. „Seht mal her!“, rief Josh den Schacht hinauf. „Hier gibt es eine Karte!“

Jesse und Carry hatten derweil den Erdboden erreicht. An dem Vorsprung floss eine trübe Suppe entlang, von der der Gestank ausging. Jesse verzog angewidert das Gesicht, dann wandte er sich seinem Bruder zu. Das Atmen fiel in diesem Bereich der Kanalisation nicht gerade leicht, weshalb Carry sich einen Zipfel ihres Hemdes vor die Nase hielt. Jesse und Josh schien das wohl nichts auszumachen, aber Carry war sich sicher, die beiden täuschten das nur vor. Sie trat nun auch neben die beiden Jungen und begutachtete im Dämmerlicht die kupferne Karte, die in der Mauer eingelassen war.

Josh hatte schon viel von den Karten gehört, die ein Verrückter hier eingemauert haben sollte, nachdem er sich einmal verlaufen hatte. „Und wo sind wir hier?“, fragte Carry näselnd und deutete mit dem Kopf auf die Karte in der Wand. „Hier.“ Josh tippte mit einem Finger auf eine etwas hervorgehobene Stelle, die einmal rot angemalt gewesen sein musste. Eine kleine Legende am unteren Rand der Karte verriet die Bedeutung der Symbolik auf der Karte.

i: Tafel
→: Richtung passierbar
a: Achtung
w: Wasserfall
x: Sichtigkeit
vt: verbotener Teil

„Und was heißt bitte Richtung passierbar?“, fragte Carry, nachdem sie die schwer zu entziffernde Schrift gelesen hatte. „Ich würde einfach sagen, das heißt, dass du in diese Richtung ohne Probleme gehen kannst“, sagte Jesse und deutete auf ein anderes Wort. „Was meint der mit Sichtigkeit?“ Josh und Carry zuckten mit den Schultern. „Und wo müssen wir hin?“, fragte Carry, die nicht mehr ganz so viel Lust auf den Besuch im verbotenen Tal hatte.

„Zum ersten vt, würde ich sagen“, murmelte Josh und deutete auf ein erblasstes, nicht mehr ganz so sichtbares vt in der Nähe ihres Standpunktes. „Und woher bist du dir da so sicher?“, fragte Jesse und sah seinen Bruder. „Sicher bin ich mir nicht. Ich weiß nur, dass die verbotenen Täler unterhalb des Palastes der Macht liegen – und der ist nicht ganz so weit von hier entfernt und liegt in dieser Richtung.“ – „Na toll!“, stöhnte Carry. „Wie willst du denn von dieser glitschigen Plattform herunterkommen? Schwimmen? Nein, danke!“

Jesse sah Josh erwartungsvoll an. Doch erst als Carry Josh ansah, wusste sie, was der Junge vorhatte und schüttelte den Kopf. „Oh nein! Ich klettere an keinen Rohren über diese bestialische Brühe!“ Carrys Stimme klang etwas seltsam durch den Hemdzipfel. „Was willst du denn sonst machen?“ Sie zuckte mit den Schultern und sah ein, dass ein Protest zu nichts führte. „Also los!“, kommandierte Josh und sprang in die Höhe. Er hatte ein Rohr an der Decke erspäht, das zu einem Weg auf der anderen Seite des unterirdischen Kanals führte. Es fühlte sich kalt an und es rauschte in Joshs Ohren, als er das Rohr packte und seine Füße hinterher zog, sodass er wie ein Affe über den Boden schwebte. „Dann mal los, Josh! Du darfst zuerst rüber klettern!“, rief Carry neckisch. Von ihrem anfänglichen Zweifel war nichts mehr zu spüren. Wenn es etwas gab, was das Mädchen erheiterte, war sie – meistens wenigstens – wie ausgewechselt. „Ich lache dich aus, wenn du da rein fällst!“, rief Jesse belustigt seinem Bruder zu. Die Stimme hallte vielfach von den Wänden wider.

Josh bekam feuchte Hände, als er nach unten blickte. Beinahe wäre er abgerutscht. Mutig hangelte er sich auf seinen Armen und Beinen am Rohr entlang über die trübsinnige Brühe, die unter ihm dahinfloss. Wohin, wollte Josh überhaupt nicht wissen. Als er in der Mitte des Rohres ankam, bekam er etwas kühles Weiches zu fassen. Dieses weiche Etwas quietschte laut, dann huschte es unter seiner Hand hinweg. Ein Schrei drang aus Joshs Kehle und hallte von den mit Schimmel überzogenen Wänden wider. „Was ist?“, brülle Jesse panisch seinem Bruder zu und Carry riss erschrocken die Augen auf. „N… Nichts“, stammelte Josh und zog die Hand weg. „Ich habe gerade eine Maus angefasst…“ Er lachte. „Es ist nichts passiert!“

Jesse stieß zischend die Luft aus seinen Lungenflügeln. „Du bis unmöglich„, murmelte er, und sah, wie Josh weiterkletterte. Carry grinste und lachte Jesse an. „Er ist eben so!“, lachte sie und bemerkte, wie Josh auf der anderen Seite des schmutzigen Kanals vom Rohr absprang.

„Kommt!“ Er winkte die beiden anderen heran. „Du zuerst“, murmelte Jesse in Carrys Richtung, sprang aber dann geistesgegenwärtig doch zuerst zum Rohr hinauf und hangelte sich nur mit den Armen über den Abwasserkanal. Der Gestank war furchtbar. Beinahe hätte Jesse losgelassen und sich übergeben, wollte aber nicht hinunterfallen, weshalb er sich entschied, doch weiterzuklettern. Seine Bizepse und Trizepse brannten, als er auf der anderen Seite des Kanals vom Rohr heruntersprang. Was ihn dazu getrieben hatte, so schnell und behände das Rohr entlang zu klettern, wusste Jesse nicht. Vielleicht war es die Wut, die er auf seinen Bruder hatte, da dieser ihn gerade so gewaltig erschreckt hatte mit seinem Geschrei, vielleicht war es aber auch die innere Anspannung dessen, dass sie schon bald die verbotenen Täler erreichen würden.

Ein Schrei riss Jesse aus seinen Gedanken. Carry war abgerutscht und baumelte mit einer Hand an dem Rohr, das zu ihnen hinüberführte. Jesse sprang als erster wieder auf das Rohr, und wollte Carry zu Hilfe eilen, aber da hatte sie den Halt wieder gefunden und kletterte weiter. Etwa zwei Meter vor dem rettenden Ufer hatte sie wohl keine Lust mehr zu klettern, holte Schwung und sprang auf den Vorsprung. Die Nässe des Bodens machte ihr jedoch einen Strich durch die Rechnung und sie fiel auf ihren Hintern. Jesse lachte und landete neben ihr auf dem Boden. Josh hielt Carry seine Hand hin und diese ergriff sie und zog sich an dem Jungen hoch. „Heute ein Gentleman?“, fragte das rotgelockte Mädchen neckisch und klopfte sich mit ihrer Linken den Dreck von der Hose. „Immer doch!“, erwiderte Josh und sah seinen Bruder und das Mädchen an. „Sollen wir weiter?“

„Da fragst du noch? Ich gehe ganz bestimmt nicht zurück! Nachher lande ich noch in dieser stinkenden Brühe!“ Carry hatte sich mittlerweile an den Gestank aus der Kanalisation gewöhnt und war nicht mehr ganz so empfindlich. „Und wo geht es lang?“, fragte Jesse, der völlig die Orientierung verloren hatte. Carry wollte etwas erwidern, aber Josh kam ihr zuvor.

„Wir müssen da lang.“ Er deutete in eine Richtung. Keine erwiderte etwas und so machten sie die drei Kinder schweigend auf dem Weg zu den verbotenen Tälern.



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