fabula vaporis – Kap. 9

In der Zwischenzeit ganz woanders…

Das Haus war vollkommen verrammelt. Der Meisterdieb und Meisterkiller Jones vermutete, dass Locor nicht nur von außen alles verriegelt hatte, sondern auch von innen. Er stieg die Treppen zum Hauseingang hinauf und drückte probeweise die Klinke herunter.

Nichts.

Er zog einen Dietrich aus einer Manteltasche und führte ihn in das Schloss ein. Nach ein paar kurzen Klicklauten zog er den Dietrich wieder heraus, steckte ihn ein und drückte die Messingklinke erneut herunter. Die Tür schwang auf. Jones wollte gerade einen Schritt ins Hausinnere machen, als er die Bretter bemerkte, die den Eingang blockierten. Und dahinter würden wahrscheinlich noch mehr Bretter sein… und noch mehr Bretter. Da konnte nur Dynamit helfen. Jones zog drei aneinander gekettete rötliche Stangen aus einer anderen Manteltasche und rollte die Zündschnur ab. Ein Feuer flammte in seiner linken Hand auf, da er ein Feuerzeug entzündet hatte. Mit sicherem Griff hielt er die Spitze der Zündschnur in die gelbe Flamme. Funken stoben auf, als die Zündschnur fasste. Jones hatte etwa eine halbe Minute, bevor es Bumm machte. Er schleuderte das Dynamit und wartete. Als die Zündschnur so weit abgebrannt war, dass die Flamme nur noch fünf Zentimeter vom Dynamit entfernt war, ließ Jones die rötlichen Stangen los und warf sie so in die heiße, fast stickige Mittagsluft hinein. Sie landete in der Regenabwasserrinne unterhalb des Dachfirstes.

Ein ohrenbetäubender Knall hallte durch die Luft und alles explodierte im Umkreis von siebzig Metern. Einige leerstehende Häuser wurden umgerissen. Die Druckwelle war so gewaltig, dass der Mann in die Luft geschleudert wurde und mehrere Meter weiter hart auf dem Rücken landete. Jones hielt schützend seinen Mantel über seinen nun schutzlosen Körper und wartete. Das Dynamit hatte seine Wirkung nicht verfehlt. Ein Loch klaffte in dem Dach. Es würde jedoch nicht lange dauern, bis Schaulustige und die Ilaner auftauchen würde. Zeit sich zu entfernen. Jones sprang davon und setzte sich, nachdem er etwa zehn Minuten zu Fuß gegangen war, in eine ruhige Ecke eines Wirtshauses. „Ober!“, rief er und wartete. Kurze Zeit später tauchte ein Mann auf, der eine äußerst schmutzige Schürze trug. „Was darf es denn sein?“, fragte er mit sonorer Stimme. „Ein Glas Wasser und ein Verband“, sagte Jones während er aus einem nahen Fenster starrte. Ein Holzsplitter hatte ihn bei der Explosion gestreift. „Mal unter uns“, murmelte der Wirt. „Wissen Sie, was das gerade für ein Radau war? Wir haben hier ja schon alle spekuliert und wenn ich da Ihren Arm sehe… Das sieht nicht gut aus.“

„Eine Explosion…“, erwiderte Jones, weiterhin aus dem Fenster starrend. Die ersten Ilaner tauchten bereits aus. Einige sprangen aus den Gondeln, die durch die Luft schwebten. – „Eine Explosion?“, fragte der Wirt so laut, dass die anderen Gäste aufhorchten. „Wo bleiben mein Wasser und mein Verband?“, zischte Jones und bedeutete dem Wirt, nicht weiter nachzufragen. Dieser schlurfte davon, um Jones das Gewünschte zu bringen. Was er damit wohl wollte?, fragte sich der Wirt und schüttelte den Kopf. Ein älterer Herr stand auf und setzte sich zu Jones an den Tisch. „Eine Explosion?“, fragte er mit rauchiger Stimme. „Eine Explosion“, erwiderte Jones. „Wenn Sie jetzt bitte ihren Arsch woanders hinsetzen wollen? Danke…“ Der Mann hörte nicht. „Was ist denn passiert?“, wollte er wissen. „Das geht sie nichts an“, blaffte Jones und griff in seine Manteltasche. „Und wenn Sie jetzt nicht gehen, dann kann ich auch ungemütlich werden!“ Jones sah unentwegt aus dem Fenster. Doch der Mann ging nicht. „Nun spucken Sie es schon aus! Ich sag’s auch nicht weiter!“, drängte er. Jones zog seine Hand wieder aus dem Mantel zurück. Eine Pistole blitze darin. Er hielt sie unter den Tisch und auf den Mann gerichtet. „Wollen Sie jetzt endlich gehen!“ Jones stand auf, musste sich aber bücken, damit die Pistole unentdeckt blieb. Der alte Mann schien davon nichts zu bemerken, denn er blieb immer noch sitzen. Ein schneller Schuss und er fiel vornüber. Jones zog die Hand unter dem Tisch hervor und steckte die Pistole wieder ein. Der Wirt kam. „Schon wieder eine Explosion?“, fragte er. „Bitte. Räumen Sie diese Leiche weg…“, fiel Jones ihm ins Wort, während er sich wieder setzte. Dem Wirt fielen fast die Augen aus dem Kopf. „Verlassen Sie mein Haus! Umgehend!“, schrie er hysterisch. „Ich dulde es nicht, dass Sie meine Gäste umbringen! Sofort! Oder ich rufe die Ilaner!“, brüllte der Wirt, mit den Nerven sichtlich am Ende.

Jones stand auf, ergriff das Wasserglas und trank mit gierigen Schlucken daraus. Dann nahm er den Verband, schnippte dem Wirt drei Fline auf das Tablett und stolzierte aus der Gastwirtschaft. Wie diese Leute heutzutage aber auch drauf waren… unmöglich, dachte Jones bei sich, während er die mittlerweile wieder etwas ruhigere Straße entlangschritt. Drei Kinder liefen über die Straße und überquerten den Platz, der vor dem Wirtshaus lag. Dann sah sich einer der Jungen um. Er bemerkte Jones offenbar nicht, da er den Kanaldeckel im Zentrum des Platzes mit vereinten Kräften anhob und beiseite schob. Schon nach wenigen Sekunden waren alle drei Kinder in den Schacht geklettert und das Mädchen mit den roten Locken hatte den Kanaldeckel wieder verschlossen.

Jones schmunzelte, denn er entsann sich, wie er früher immer durch die Abwasserkanäle geirrt war. Einmal hatte er drei Tage da unten verharrt, und die Ratten belauscht. Warum er das damals getan hatte, war ihm entfallen. Nur, dass er vor einem Ladenbesitzer geflohen war, dem er einen roten Apfel gestohlen hatte, war noch in den Windungen seines Gehirnes verankert. Jones ging durch die Straßen Circurs und kam alsbald am Haus an, dessen Dach er gesprengt hatte. Die Ilaner hatten sich bereits wieder anderen Dingen gewidmet und waren verschwunden. Anscheinend war es egal, dass gerade jemand bei einem Haus das Dach gesprengt hatte. Jones grinste über seine Tat, dann griff er in die Manteltasche, in der er für gewöhnlich das Seil steckte. Doch es war nicht da. Er fluchte laut, als er sich entsann, wo er es verloren hatte. Beim Erklimmen der Mauern des Palastes der Macht.

Der Mann machte auf dem Absatz kehrt und rannte in die entgegengesetzte Richtung zurück. Er wusste, dass irgendwo auf der Straße ein Laden sein musste, der Kletterseile verkaufte. Alsbald hatte Jones den Laden erreicht und wurde beim Betreten des Geschäftes von einer bimmelnden Glocke begrüßt. Ein rundlicher Mann mit spiegelnder Glatze trat aus einem Hinterzimmer hinter die Ladentheke. „Tach! Womit kann ich dienen?“, fragte er mit einer Fistelstimme, die so gar nicht zu ihm passte. Jones unterdrückte ein Lachen, dann, als er sich wieder beruhigt hatte, sprach er den Verkäufer direkt an. „Hätten Sie vielleicht ein gutes stabiles Kletterseil in möglichst unauffälligen Farben anzubieten? Es ist sehr dringend…“ – „Eigentlich fertige ich die Seile auf Bestellung an. Wer ist Ihr Auftraggeber?“, fragte der Mann. Jones platze beinahe vor Wut. In dem Raum hingen ein dutzend Seile an den Wänden und erschwerten die Sicht auf das markante Holz, aus dem der Laden zusammengezimmert war. „Haben Sie ein Seil für mich? Hier hängen doch genug!“ Seine Stimme war merkwürdig kalt geworden und dem Verkäufer schien das unter die Haut zu gehen. Er wurde ganz leise. „Jaaa“, sagte er gedehnt. „Hier hängen zwar genug Seile, aber die sind alle für meine Kunden… Sie verstehen…“ – „Ich bin Ihr Kunde!“, murmelte Jones finster und führte seine Hand unter den Mantel. Er tastete nach dem kühlen Griff seines Messers. Der Verkäufer schien alles nicht zu bemerkten, sondern fragte Jones weiter aus. „Wie lang soll es denn sein? Welche Farbe wünschen Sie?“ Jones bemerkte rechtzeitig den Alarmknopf an der Wand hinter den Verkäufer. Auf einmal wurde seine Stimme wieder eine Spur freundlicher. „Äh… Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag“, wisperte er und drehte sie schwungvoll um. Dabei fiel ihm ein Zettel aus der Manteltasche. Er landete auf der Ladentheke und der Verkäufer ergriff ihn. Er wollte Jones gerade darauf hinweisen, da wurde er neugierig und setzte seine Lesebrille auf, die er in seiner Hemdtasche stecken hatte.  „4 472 64 301…“, murmelte er und wollte gerade weiterlesen, da riss ihm ein entsetzt aussehender Mann den Zettel aus der Hand uns stopfte ihn in eine Jackentasche. Plötzlich verzerrte sich das Gesicht des Mannes zu einer wütenden Fratze. „Ich glaube, dass gehört nicht Ihnen!“, murmelte Jones drohend. In seiner anderen Hand hielt er ein Seil, das in Naturtönen gehalten war. „Ich wünschen Ihnen einen Guten Tag“, sagte Jones, dann wollte er aus dem Laden gehen. „He!“, rief der Verkäufer und kam hinter der Ladentheke hervor. „Das Seil bleibt hier!“ – „Oh nein!“, rief Jones und lachte. „Das tut es nicht.“ Und mit diesen Worten stolzierte er aus dem Laden heraus. Der Verkäufer rannte rasend vor Wut zurück hinter die Theke und drückte auf den Alarmknopf. Sofort ertönte eine unangenehme Sirene und die ersten Gondeln waren durch das große Schaufenster zu erkennen und kamen rasch näher. Doch Jones war schon weg.

Er sprang durch die Gassen und hatte sich das Seil um den Hals gehängt. Als er am Haus des Erfinders ankam, wickelte er es auf und schwang es nach oben. Dort verklemmte es sich zwischen zwei verkohlten Dachbalken, schon beim ersten Versuch. Jones erklomm die Mauer, indem er sich mit den Füßen und Händen am Seil festklammerte, die Hände nach oben schob, um sich dann gleich mit den Füßen nach oben zu drücken. Etwa nach der Hälfte der Strecke erblickte Jones über die gleißenden Dächer Circurs hinweg, die Ilaner, die, vom Laden des Seildrehers aus, durch die Straßen rasten und dabei den Dieb suchten. Hier oben war Jones eine leichte Beute für die Truppe der Kanzlerin, die nicht Bescheid wusste, dass sie ihn beauftragt hatte.

Jones blickte nach oben und sah ein vernageltes Fenster. Als er zwei Meter weiter geklettert war, war dies direkt neben ihm. Er wickelte das Seil um seinen linken Arm, wie, als ob er Vertikaltuch klettern würde. Er griff mit der nun freien anderen Hand in seine Mantelaußentasche – und rutschte ab. Das Seil hatte nachgegeben und war aus seiner Verankerung ein Stück herausgerutscht. Jones ergriff das Seil wieder mit beiden Händen, wickelte seinen linken Arm aus dem festen Nylon und erklomm die wenigen Meter wieder nach oben. Dort wickelte er sich wieder fest und tastete in seinem Mantel erneut nach dem Gegenstand, den er vorhin schon gesucht hatte. Eine Stange Nahdynamit. Er klemmte sich die Zündschnur zwischen die Zähne und riss sie aus der Verankerung. Sofort fing das Dynamitbündel Feuer und Jones warf es gegen die Holzbretter des vernagelten Fensters.

Es krachte laut.

Die Druckwelle schleuderte Jones einige Meter von der Hauswand weg. Da er sich immer noch am Seil festklammerte, schwang dieses nun mehrere Meter zurück und beschrieb einen Kreisbogen. Der Mann hatte sich ein wenig verplant, da er eigentlich auf dem Dach landen wollte. Stattdessen trudelte das Seil kurz, dann schwang es mit rasantem Tempo wieder zurück auf die Wand zu. Jones riss die Augen auf. Zum Glück hatte er Nahdynamit verwendet, schoss es ihm durch den Kopf, dann ließ er das Seil los; knapp vor dem entstandenen Loch, wo zuvor das Fenster gewesen war. Er purzelte durch das Loch ins Hausinnere und rollte sich vorsichtig ab. Dann sprang er auf und ging zum Fenster zurück. Dort zog er einmal kräftig am Seil, bis es sich aus der Verankerung am Dachfirst löste und hinunterfiel. Jones bekam es gerade noch zu fassen und zog es hoch. Es war unglaublich schwer. Warum, konnte Jones sich nicht erklären. Der Schweiß strömte ihm ins Gesicht. Jones war verunsichert, zog aber dennoch weiter, bis er den Helm eines Ilaners am Fenster auftauchen sah – und das erklärte Jones einiges. Na gut, er hatte das Seil gestohlen und konnte es genauso gut wieder zurückgeben. Der Ilaner streckte gerade die Hand nach der Fensterbank aus, da flog er gen Boden zurück.

Jones hatte das Seil losgelassen und so für den Tod des weißgekleideten Mannes gesorgt. Als der Ilaner auf dem Boden aufkam, brach er sich sämtliche Knochen. Das wäre noch nicht einmal schlimm gewesen, bis auf den Zustand seines Herzens.

Eine gebrochene Rippe hatte die scharfe Spitze tief ins Innere des Herzmuskels gesenkt.

Der Mann war sofort tot.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s