fabula vaporis – Kap. 6

Carry wartete bereits vor der Eingangstür des Vierfamilienhauses. Sie wohnte mit ihren Eltern im zweiten Stock, die Familie Pizarro im vierten. „Da seid ihr ja endlich!“, stöhnte sie und bedeutete den beiden Jungen, loszugehen. „Hab Mitleid, mit einem Jungen, der nicht in die Schule will!“, feixte Jesse. „Ist doch halb so wild, wenn wir zu spät kommen. Ich kann Mrs Carvan sowieso nicht leiden!“

In den Straßen der Stadt war es voll. An jeder Ecke waren mindestens zwei Läden, die Lebensmittel verkauften. Heißer Dampf und Nebel quoll aus den Waschsalons, die ihren Platz auf der Hauptstraße gefunden hatten. Unerträgliche Morgenhitze staute sich in der Luft und wirbelte sich nur einmal auf, wenn eine Gondel an den überall gespannten Kupferdrähten umhersegelte. Manche von ihnen brachten die Menschen in die Fabriken, andere führten zum Palast der Macht und wieder andere zu einer der unzähligen Stationen, bei denen man sowohl einsteigen als auch aussteigen konnte. Die Fahrten  mit den Gondeln waren kostenlos, wenn auch nicht sehr bequem, insbesondere für diejenigen, die an Höhenangst litten; ein weiteres heißbegehrtes Transportmittel unter den Bewohner Circurs war die Eisenbahn, deren Schienen durch die gesamte Stadt führten. Allerdings verlangten die Schaffner unerhörte Fahrtpreise. Doch für die Jugend ging es auch ohne, indem man sich einfach auf die Vorsprünge niederließ und im richtigen Moment wieder absprang.

In der Stadt lebten viele Bettler und Penner, aber die meiste Bevölkerung konnte doch ein recht ansehnliches Leben führen. Die nicht ganz so hohen Steuern sorgten für wenige Aufstände – und wenn es doch welche gab, steckten meist die Controller dahinter. Hinter dem Namen verbarg sich eine Gruppe von Jugendlichen und Kindern, die gegen die Kanzlerin arbeiteten und ihr Reich auf den Dächern Circurs hatten. Aber alles im allem, war Circur eine angenehme Großstadt, in der es sich gut leben ließ; einmal abgesehen von der Kanzlerin, die nun wirklich keiner mochte. Die drei Kinder schlenderten gemütlich durch die Straße und ließen sich wie jeden Morgen von der Menschenmenge mittreiben. In den Straßen war die Hitze fast unerträglich. Durch die offenen Fenster konnte man das Sirren der Ventilatoren in den Häusern hören, doch die Luft staute sich. Das viele Metall, das in der ganzen Stadt zum Bauen verwendet wurde, reflektierte die Wärme und sorgte für ordentliche Temperaturen, die nur von den allgegenwärtigen großen Propellern verquirlt wurde und es einigermaßen erträglich machte.

7:58 Uhr.

Wie schnell doch die Zeit vergeht, wenn man sich Circur ansieht, dachte Carry und überquerte eine Brücke, die sich über den Kanal spannte. Die beiden Jungen gingen neben ihr. Der Kanal trennte die einzelnen Viertel voneinander ab und sorgte – wie manch einer in den Wirtshäusern erzählte – auch dafür, dass das Virus nicht in die anderen Viertel übergriff. Ein großes Schild überspannte die Straße auf der anderen Seite der Brücke und hieß die Menschen im Südviertel willkommen.

In der Ferne war bereits das große Bibliotheksgebäude zu erkennen. Von allen Seiten strömten die Jugendlichen –zumeist jedoch Kinder – heran und betraten die Bildungsstätte. Carry, Jesse und Josh waren drei von ihnen. Am Ausleihtresen hatte sich bereits eine lange Schlange gebildet. Mrs Carvan saß dahinter, erfasste jeden Schüler und druckte ihm seine zu erledigenden Aufgaben auf eine dünne Kupferscheibe. Diese würde nachher wieder eingeschmolzen und zu einer neuen Scheibe verarbeitet werden. Nach einer halben Stunde stand Josh endlich vor ihr. Hinter ihm warteten sein Bruder, Carry und eine gewaltige Masse von anderen Schülern. „Guten Morgen, Josh Pizarro.“ Mrs Carvan kannte die Namen aller Schüler bereits auswendig. Aber immerhin war sie ja auch schon dreißig Jahre mit dem Beruf beschäftigt. Die etwas rundlichere, nicht ganz so höfliche Frau zog eine Kupferscheibe aus einer Schublade und steckte sie in eine Art Kreditkartenhalter ein. Es klapperte ein wenig, dann zog die Frau die Scheibe wieder heraus und sah sie sich an. „Moderne Medizin“, grinste sie süffisant. „Ich wünsche viel Spaß!“ Josh trat beiseite und besah seine Aufgabenliste für heute. Sie war zwar nicht allzu lang, dafür waren die Fächer aber hart. Er seufzte, als er den letzten Punkt der Liste las.

Auszustellen für: Mr Josh Pizarro

Lehrjahr: 6

Krankmeldungen: 2

Liste der zu tätigenden Aufgaben:

Moderne Medizin (Standort: Raum 2 (EG), Regalreihe 5A, Erfassungsnummer: 0236895-1458, Kennbuchstabe: M): Seite 12 (Absatz A1) bis Seite 14 (Absatz B1) Aufgabennummern 01 – 05 (Seite 14; B1);

Literatur (Standort: Raum 5 (EG), Regalreihe 4C, Erfassungsnummer: 0451478-985-47, Kennbuchstabe: L): Seite 145 (Absatz D4) bis Seite 152 (Absatz B3) Aufgabennummern 02 – 06 (Seite 152; B3);

Satz des Thales  und des Pythagoras – Allgemeine Mathematik (Standort: Raum 17 (Etage 5), Regalreihe 15G, Erfassungsnummer: 173456-78962, Kennbuchstabe: S): Seite 1025 (Absatz F3) bis Seite 1035 (Absatz C8) Aufgabennummern 01 – 08 (Seite 1035; C8);

Verluste von Büchern sofort bei Mrs Carvan zu melden.

Bei Fragen wenden Sie sich an Mr Carvan (UG; Büro 17; Bitte klopfen!)

Viel Erfolg!

„Und?“, fragte Carry und linste auf Joshs Aufgabenliste. „Nichts und!“, brummte Josh. Er hatte wirklich keine Lust, auf das, was er jetzt würde machen müssen. Jesse gesellte sich zu ihnen und blickte die Liste seines Bruders an. „Mal wieder das gleiche?“, fragte er und verglich die Aufgaben seines Bruders mit den seinen. „Ich stoße später zu euch! Muss noch Geographie in Etage 15 machen!“ Und mit diesen Worten war das Mädchen verschwunden. Auf dem Weg zu Etage 15 sah sie sich ihre Aufgabenliste etwas gründlicher an. Da sie ein halbes Jahr älter war als die beiden Brüder, hatte sie ein wenig mehr zu tun, aber eigentlich war es noch erträglich, im Gegensatz zu den Aufgaben, die die noch älteren Schüler zu erledigen hatten.

Auszustellen für: Ms Caroline Silva

Lehrjahr: 6

Krankmeldungen: 5

Liste der zu tätigenden Aufgaben:

Geographie (Standort: Raum 4 (Etage 15), Regalreihe 9D, Erfassungsnummer: 125-4589, Kennbuchstabe: G): Seite 178 (Absatz A1) bis Seite 188 (Absatz F3) Aufgabennummern 01 – 04 (Seite 188; F3);

Moderne Medizin (Standort: Raum 2 (EG), Regalreihe 5B, Erfassungsnummer: 02358964-4587, Kennbuchstabe: M): Seite 199 (Absatz A4) bis Seite 230 (Absatz C9) Aufgabennummern 06 – 010 (Seite 230; C9);

Weltgeschichte – Politische Entwicklung (Standort: Raum 5 (Etage 1), Regalreihe 7Z, Erfassungsnummer: 5896-4785695-145872, Kennbuchstabe: W): Seite 1025 (Absatz E6) bis Seite 1050 (Absatz A1) Aufgabennummern 010 – 017a (Seite 1050; A1);

Verluste von Büchern sofort bei Mrs Carvan zu melden.

Bei Fragen wenden Sie sich an Mr Carvan (UG; Büro 17; Bitte klopfen!)

Viel Erfolg!

Carry hatte manche gesehen, die bis zu zehn Aufgaben bekommen hatten und bis Abend nicht damit fertig wurden. So durften diese auch noch am nächsten Tag die Aufgaben erledigen, die sie am Vortag nicht geschafft hatten. Ob das Schulsystem wirklich so gut funktionierte, wie Themma Tighhoor das wollte, wusste keiner, aber die Kinder und Jugendlichen hatten sich nie beschwert. Carry stiefelte die Treppen hinauf, und war fast aus der Puste, als sie Etage 15 endlich erreicht hatte. Es gab zwar Aufzüge, aber die hatte irgendjemand vor langer Zeit demoliert. Und keiner wollte sie reparieren. „Personalmangel“, hieß es immer, wenn jemand fragte.

Sie betrat Raum 4 und suchte leise Regalreihe 9D. Sie brauchte etwas Zeit, ehe sie diese unscheinbare Ansammlung von Bücherregalen entdeckt hatte. Da Mrs Carvan darauf  bestand, dass jedes Buch fünfmal im Bestand war und die Schüler ihre Aufgabenliste von oben nach unten abarbeiten sollten, kam es selten vor, dass ein Buch nicht da war, wenn es benötigt wurde. Nachdem Carry die Bücher mit den Kennbuchstaben G gefunden hatte, kam der schwierige Teil. Da die Erfassungsnummern der Bücher so klein gedruckt waren, musste jedes Buch einzeln herausgezogen, aufgeschlagen und die Erfassungsnummer überprüft werden.

     125-4587.

     125-4588.

     125-4589.

Carry nahm das Buch und ging zu einem kleinen Tisch, an dem nur eine einzige Schülerin arbeitete. Nach ihrer Liste her, war sie erst vor einem Jahr eingeschult worden, da ihre Aufgabenliste noch ziemlich kurz war. Carry setzte sich und schlug das Buch auf Seite 178 auf. Dort suchte sie den Absatz A1 und begann zu lesen. Die gut verständlichen Texte ließen sich zwar gut lesen, dehnten das Ganze aber dann auch auf mehrere Seite auf. In Carrys erstem Lehrjahr hatte sie zum Beispiel ein Buch gehabt, indem ihr das schriftliche Dividieren erklärt wurde. Sie hatte alles verstanden, nur musste sie dafür mehrere Seiten lesen – das lag aber auch an der übergroßen Schrift, die die Herren Autoren verwenden mussten. Carry war ganz in ihre Aufgaben vertieft, als das kleine Mädchen neben ihr zaghaft etwas fragte. „Du?“ Carry blickte erschrocken auf. Als sie sich wieder gefasst hatte, sagte sie leise: „Was ist?“ „Ich brauche mal deine Hilfe…“ – „Wobei?“, fragte Carry erstaunt und rückte den Stuhl etwas näher an das andere Mädchen. Da sie dabei einen Höllenlärm verursachte, erntete sie böse Blicke von anderen Schülern, die sie aber mit einem schiefen Lächeln wieder abtat. „Hier! Da steht, wie das multidipieren, oder wie auch immer das heißt, geht… Nur ich verstehe das nichts so ganz…“ Das Mädchen deutete auf eine Aufgabe, die in dem dicken Wälzer stand, den sie sich hatte holen müssen. „Nun…“, erwiderte Carry gedehnt und blickte auf ihre Armbanduhr. Sie war eine schnelle Leserin und Schreiberin, weshalb sie die Seiten schon fertig gelesen hatte und schon mit Aufgabe zwei fertig war, „Du schreibst die beiden Zahlen hier unter der Aufgabe, die immer gegenüberstehen, in dein Heft und setzt einen Punkt dazwischen… ja, genau so! Dann rechnest du die letzte Ziffer der zweiten Zahl mal der letzten Ziffer der ersten Zahl und schreibst das Ergebnis darunter…“

Das Mädchen begriff nun langsam, wie das multiplizieren funktionierte und bedankte sich bei Carry, als die beiden zusammen die ersten paar Aufgaben gelöst hatten. „Hast du das jetzt verstanden?“, fragte Carry freundlich und wartete auf eine Antwort. Das Mädchen nickte aber nur mit dem Kopf – fasziniert davon, dass sie multiplizieren konnte. Das würde sie bestimmt ihren Eltern erzählen –  und Carry rückte mit ihrem Stuhl wieder zu ihren Aufgaben zurück. Einige warfen ihr böse Blicke zu, aber Carry ignorierte sie. Nach einer weiteren Viertelstunde war sie mit den Geographieaufgaben fertig und brachte das Buch zurück an seinen Platz.

„Josh, Moderne Medizin ist nichts für mich!“, murmelte Jesse seinem Bruder zu, während die beiden zusammen die Aufgaben lösten, die ihnen Mrs Carvan auf die Kupfertäfelchen gedruckt hatte. „Du hast ja sooo recht“, stöhnte Josh und drückte den Deckel auf seinen Füller. Die beiden waren fertig mit den Aufgaben, und warteten jetzt auf Carry. Da Josh der Begabtere von beiden war, hatte er den Großteil der Aufgaben angefertigt, während sein Bruder ihm alles abgeschrieben hatte. Mrs Carvan duldete das zwar nicht immer, aber sie konnte froh sein, dass man überhaupt kam und nicht auswanderte. Dann wäre sie nämlich arbeitslos. Jesse hatte sich schon immer vorgenommen, der hiesigen Bibliothekarin einen Streich zu spielen und allen Kindern und Jugendlichen zu sagen, sie sollen ein Jahr lang nicht zur Schule kommen. Dann wäre die Frau Oberchefin – so nannte Jesse Mrs Carvan heimlich – endlich arbeitslos, und würde unter der Brücke ihr Dasein fristen. Jesse wusste, dass das nicht geht; und kein Schüler wollte freiwillig ein Jahr lang die Schule schwänzen. „Da bist du ja endlich!“, rief Josh quer durch Raum 2 und erntete böse Blicke, da er zu laut gewesen war.    „Ein Mädchen hatte Schwierigkeiten. Und nein, ihr braucht keinen Kommentar dazu ablassen!“ Carry grinste und setzte sich zu den beiden. „Schon fertig?“ „Lange!“, erwiderte Jesse und erntete dafür einen Tritt von seinem Bruder. „Er hat zumindest die ganze Arbeit gemacht“, verbesserte sich der Junge und ließ sich in den Stuhl zurückfallen. „Du, Jesse, geh doch mal das Buch zu unserer zweiten Aufgabe holen, ja? Und nerv die Carvan und nicht mich!“, sagte Josh und Jesse verschwand, nicht ohne ein schelmisches Grinsen auf dem Gesicht. „Wie viel musst du noch machen?“, fragte Josh Carry, doch die schob ihm nur ihre Aufgabenliste zu. „Acht? Das geht ja noch…“ – „Na ja, wirklich große Lust habe ich nicht dazu, aber morgen machen will ich es auch nicht… Peilen wir mal so…“ Sie blickte kurz auf ihre Armbanduhr.

8:42 Uhr.

„… so etwa elf Uhr an. Bis dahin werde ich vielleicht fertig sein. Und ihr?“ – „Sagen wir mal so halb zehn, zehn Uhr. Aber nur, wenn mir der Faulpelz auch mal helfen und nicht immer abschreiben würde!“

Carry grinste, sagte aber nichts.

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