fabula vaporis – Kap. 4

Um Dich nicht weiter auf die Folter zu spannen, findest Du hier (endlich) die letzten Seiten aus dem ersten Kapitel der Geschichte. Lass mich gern in einem Kommentar wissen, wie sie dir bisher gefällt. Denn es warten noch locker 180 weitere Seiten darauf, gelesen zu werden.

Jones riss die Falltür aus ihrer Verankerung und lehnte sie vorsichtig an der nahen Steinmauer an. Er befand sich im Westteil des Palastes; in dem Teil, wo die Gondeln für normale Bürger der Stadt hielten, wenn jemand eine Audienz bei der Kanzlerin hatte. Das kam häufiger vor, weshalb die Ilaner auf der Kanzlerin Wunsch die verwinkelten Gänge vom Westflügel in den Sitzungssaal vereinfacht hatten und ein rasches Durschreiten jetzt möglich war. Das würde Jones ungemein viel Zeit sparen, wusste er von seinem Auftragsgeber, dass er in den Sitzungssaal der Kanzlerin musste, da er den begehrten Gegenstand dort auffände.

Jones durchmaß den Anlegeplatz, der für Gondeln bestimmt war, und gelangte rasch an eine im Schatten gelegene Tür. Eine dunkle Silhouette zeichnete sich vor der Tür ab und fragte: „Jazness? Bist du das?“ – „Nein“, sagte Jones bestimmt und führte seine Hand langsam in die Mantelinnenseite. Dort tastete er vorsichtig nach einem kühlen Messer. Da trat die Silhouette aus dem Schatten heraus. Ein Ilaner stand vor Jones und glotzte ihn an. „Wen haben wir denn hier?“, fragte der Ilaner tonlos. „Einen Toten“, erwiderte Jones und schleuderte ein Messer auf ihn zu. Dieser war zu träge, um der Klinge ausweichen zu können und sank tot zu Boden.

Jones trat an die Tür und prüfte das Schloss. Ein Sieben-Platten-Schloss, stellte er fest und zog eine große Metallstange aus dem Mantel. Er steckte sie in das breite Schloss hinein, das eigentlich für einen sehr großen Schlüssel gedacht war, und drückte einen gelblichen Knopf, der am anderen Ende der Metallstange angebracht war. Funken stoben auf und bahnten sich den Weg durch das Metall. Große Hitze umgab die Metallstange und in wenigen Sekunden gab das Schloss nach und Jones zog die Metallstange zurück. Zweitausend Volt konnte eben kein Türschloss standhalten. Der Mann trat einmal kräftig gegen die Tür und sie schwang auf. Vor ihm erstreckte sich ein hoher Saal, der eigentlich ein Gang war. Jones durchmaß ihn mit raschen Schritten und kam bald darauf an eine weitere Tür, die jedoch von keinem Ilaner bewacht wurde. Er drückte die Klinke herunter und die Tür sprang auf sachten Druck hin auf. Zuerst wunderte sich der Auftragskiller, dass der Gang hinter der Tür nicht endete und wollte gerade einen Schritt machen, da hörte er ein leises Wispern. Langsam ging er wieder zurück und griff in eine seiner vielen Manteltaschen.

Nach kurzem Durchwühlen hielt er großes Monokel in der Hand und hielt es sich vor die Augen. Es war ein Nachtsichtgerät, wenn auch ein nicht ganz so großes, aber gutes. Jones bemerkte die vielen kleinen Drähte, die durch den Gang von Wand zu Wand gespannt worden waren. Er fluchte leise. Dann trat er wenige Schritte zurück und nahm Anlauf. Für einen durchtrainierten Mann, wie er einer war, war Rennen keine große Schwierigkeit. Als er kurz vor dem ersten Draht ankam, schleuderte er seinen gesamten Körper auf den Boden und rutschte über das glatte Parkett, mit dem der Boden verkleidet war. Irgendwann verlor Jones den Schwung, den er durch den Anlauf erhalten hatte. Langsam und vorsichtig führte er sich das Nachtsichtgerät erneut vor Augen und bemerkte, dass er den mit Drähten umspannten Bereich des Ganges hinter sich gelassen hatte. Er stand ächzend auf und schlich weiter durch die Dunkelheit.

Es war ihm rätselhaft, wie die normalen Menschen tagsüber durch diesen Gang gehen konnten, aber darüber durfte er sich jetzt keine Gedanken machen. Er hatte anderes zu tun – und würde dafür viel Geld bekommen. Die Tür war so plötzlich vor ihm, dass das Monokel, was er bis gerade in der Hand gehalten hatte, zerschellte, als es das Holz berührte. Jones fluchte erneut. Dann überprüfte er, ob links oder rechts von ihm jemand stand.

Nein.

Keiner.

Er drückte die schimmernde Klinke herunter und trat durch den Türrahmen. Leise schloss er die Tür wieder und setzte seinen Weg fort. Soweit er wusste, befand er sich jetzt im Sitzungssaal, dort, wo die gesamte Macht der Kanzlerin konzentriert war. Hier regierte sie. Jones griff in die Manteltasche – die Scherben des Monokels hatte er vor der Tür zurückgelassen – und zog eine winzige Taschenlampe hervor, die er auch sogleich anschaltete. Ein blauer Lichtkegel huschte durch das Dunkel. In der Mitte des Saales befand sich eine Vitrine. Darin musste der Gegenstand liegen, den er für seinen Auftragsgeber stehlen sollte. Er schlich an die gläserne Vitrine heran und leuchtete in ihr Inneres. Dort lag – zu Jones‘ großer Überraschung – ein Umschlag aus Papier. War das der Gegenstand, den sein Auftraggeber besitzen wollte? Aber natürlich! Jones würde ihn ja auf den ersten Blick erkennen, wenn er ihn sähe. Aber ein Umschlag? Das war recht seltsam. Nichtsdestotrotz drückte Jones die Hände an die Seiten der Vitrine und versuchte diese probeweise aus ihrer Verankerung zu heben. Zu seiner Verwunderung klappte es. Langsam stellte er die Vitrine auf den Boden neben sich. Dann ergriff er den Papierumschlag vorsichtig mit den Händen.

Er hielt die Taschenlampe hinter das Papier, um zu sehen, was sich in dem Umschlag befand. Eine rechteckige Silhouette stach Jones ins Auge. Er klemmte sich die Taschenlampe zwischen die Zähne und suchte in seinem Mantel nach einem Brieföffner. Er fand ihn nicht, war sich aber sicher, einen eingesteckt zu haben. Ein Messer tut es auch, dachte er und zog eine Klinge hervor, mit der er den Brief vorsichtig öffnete. Die Lampe fiel ihm dabei aus dem Mund.

Er fluchte.

Dann steckte er das Messer wieder weg und bückte sich nach der Taschenlampe. Gerade hatte er sie ergriffen, da meinte er, ein kühler Luftzug hätte ihn gestreift. Entschlossen schüttelte er den Kopf – da war ganz sicher kein Luftzug gewesen… Jones klemmte die Taschenlampe wieder zwischen die Zähne und zog mit der anderen Hand die Kante des Briefumschlags auseinander, sodass er nun in das Innere sehen konnte. Fein säuberlich gebündelt stachen sie dem Mann direkt ins Auge. Sieben Bündel Fline bestehend aus je einhundert Scheinen zu fünfzig Flinen. Jones war perplex.

Seine Bezahlung?

Das konnte nicht sein. Er schüttelte den Kopf und wollte den Umschlag gerade zurücklegen, da durchzog ein tiefes Brummen den Raum, in dem sich Jones befand. Der Mann stutzte. Was war das? Ein Portal zur Linken von Jones flog auf. Ruckartig drehte sich der Mann um – und starrte in das Antlitz einer Frau, die durch das Portal trat. Ihr folgten zwei Männer in einigem Abstand. Einer von ihnen war unverkennbar der Ilaner Tildâr, den anderen erkannte Jones nicht. Die Frau hatte schulterlange blonde Haare, die ihr in Wellen herunterfielen. Sie trug einen purpurfarbenen Mantel, der ihren gesamten Körper verhüllte. Ein Stoffgürtel hielt das Kleidungsstück an der Taille zusammen. Sie sah den Mann an, der in ihre Richtung sah und erschrocken schien. Jones erbleichte, als sich die Konturen der Frau aus der Finsternis schälten und in seinen Lichtkegel kamen. Ihr Gesicht war makellos, blaugraue Augen stachen aus dem hellen Teint hervor. Ihre Nase war spitz, ihre Lippen so rot wie ihr Mantel.

Die Kanzlerin.

Themma Tighhoor.

„Jones… der Meisterdieb und Meisterkiller“, sagte Themma Tighhoor mit erstaunlich ruhiger, aber kalter, Stimmer in Richtung des Mannes, den sie um einen Kopf überragte. Das lag vielleicht auch an ihren hohen Schuhen. „Gekommen, um das zu holen, was er auf den ersten Blick erkennen würde…“ Sie sah Jones in die Augen und als dieser davonblickte, ergriff sie sein Kinn und drehte seinen Kopf so, dass er ihr in die Augen schauen musste. „Wenn das nicht die eigene Belohnung ist!“, fuhr Themma fort. „I… Ich… Woher wisst Ihr von meinen Auftrag, Kanzlerin?“, stammelte Jones, hatte sich aber dann schon fast wieder im Griff. „Woher ich das weiß?“, fragte Themma sarkastisch und bedeutete den beiden Ilanern, näher zu treten. „Kanzlerin?“, fragte Tildâr. „Jetzt nicht!“ Die Kanzlerin drehte sich ruckartig um und kreischte den Ilaner an. Zu Jones gewandt fuhr sie dann fort. „Ich habe dich selbst beauftragt. Du muss etwas für mich finden“, flüsterte die Kanzlerin während sie näher an Jones‘ Gesicht herangerückt war. „Und was ist das?“, fragte Jones, der nicht mit dieser Reaktion von Seiten der Kanzlerin gerechnet hätte. „Vier Gegenstände… Ich brauche sie…“ – „Und wo finde ich die Gegenstände?“, fragte Jones, der es nicht wagte, sich zu weigern, hatte er doch große Angst – aber auch Bewunderung – vor Themma Tighhoor. „Locor Narcana. Sagt dir der Name etwas?“, erwiderte die Kanzlerin. Ihre Gelehrten hatten sich mit dem Mann befasst und herausgefunden, dass dieser wusste, wo der erste Gegenstand versteckt war. „Der Erfinder?“, fragte Jones und lachte. „Der ist doch schon vor Ewigkeiten gestorben.“

Themma sah den Mann mit verstecktem Zorn an, dann gab sie Jones aber seinen Auftrag. „In seinem Haus. Dort findest du den ersten Hinweis!“ – „Und wie sieht der aus?“, gab Jones zurück. „Das wirst du herausfinden müssen!„, zischte Themma eine Spur zu laut. Jones machte auf dem Absatz kehrt und wollte gerade gehen, da rief ihm die Kanzler etwas nach. Sie sprach leise, dennoch konnte Jones ihre Stimme hören. „Willst du deine Belohnung nicht mitnehmen?“, fragte Themma. „Meine Belohnung?“ Jones grinste schief. „Ich habe doch gar nichts geleistet…“ Themma ergriff den Umschlag und warf ihn in die Höhe. „Wie du meinst…“, murmelte sie.

Während sich der Umschlag noch in die Höhe schraubte, hob Themma ihre Linke, sodass die Handfläche zur Decke zeigte. Der Brief fing Feuer und flog als brennender Feuerball zur Decke, wo er in der Finsternis erlosch. Jones war sprachlos. Da hatte die Kanzlerin gerade fünfunddreißigtausend Fline in den Sand gesetzt.

Als ob Geld an jeder Straßenecke zu finden wäre.

Doch Jones schwieg – ob aus Angst oder Unterlegenheit, wusste er nicht. „Geh!“, rief Themma Tighhoor dem Meisterdieb zu, dann stob eine Flamme unter dem Mann auf und verschlang ihn. Als die Flammen ihn verschlungen hatten, fand er sich in schier unendlicher Finsternis wieder, aber schon bald darauf verblasste das Dunkel und er befand sich auf den Straßen einer belebten Stadt – Circur, wie er sie kannte… „Locor Narcana…“ Er schüttelte den Kopf. „Das kann einfach nicht sein…“, murmelte er. Dann stand er langsam auf, hatte er vor einiger Zeit noch gekniet. Er entfernte die Schnüre, mit denen er den Mantel an seinen Beinen festgebunden hatte. Und machte sich auf den Weg. Rennend verschwand er in den Straßen der belebten Stadt, darauf bestrebt, das Vorhaben so schnell wie möglich zu beenden.


Die Charaktere

Ich bin ein ziemlich großer Fan der Reihe „His Dark Materials“ und der mittlerweile nicht mehr ganz so neuen Neuverfilmung des Buches „Der Zauberer von Oz“ mit u.a. Kathleen Robertson und Zooey Deschanel in „Tin Man – Der Kampf um den Smaragd des Lichts“. Aus diesem Grund ist Themma Tighhoor eine Hommage an Mrs. Coulter und Azkadellia in einem. Böse, aber nicht zu böse. Sie hat einen inneren Konflikt, den sie mit sich selbst austrägt, hinterfragt ihr Handeln und ist nicht einfach „nur“ böse.

Jones wiederum ist der Meisterdieb schlechthin und kann es problemlos mit Professor Gadget aufnehmen. Er hat immer einen Trumpf oder ein Ass im Ärmel, mit dem er schnell abhauen oder sich zur Wehr setzen kann. Doch auch er ist ambivalent und hat eine spannende Vergangenheit, zu der wir in einem späteren Kapitel noch kommen werden.

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