fabula vaporis – Kap. 3

Ursprünglich sind die einzelnen Kapitel länger, für diese Website habe ich die Kapitel allerdings etwas kürzer gesplittet. Hier nun das dritte Kapitel.

Der Anlegesteg kam in Sicht. Jones sah in den Himmel und bemerkte die Gondel, die vor einiger Zeit an ihm vorbeigeschwebt war. Eine hoch gewachsene Frau stieg aus und betrat den Anlegeplatz im Palast der Macht. Jones konnte nicht ganz so genau erkennen, wer es eigentlich war, aber er war sich äußerst sicher, dass die Kanzlerin gerade wieder zurückgekehrt war – und das war nicht in Jones‘ Plan mit einbezogen. Er fluchte leise. Die Kanzlerin wurde bestimmt wieder von ihrem Leibwächter Tildâr begleitet – dem obersten Ilaner. Jones lenkte das Floß in den Schatten der Mauer des Palastes und griff in seinen Mantel.

Er holte ein Seil hervor und drückte ein Ende in den Lauf einer Pistole. Dann schoss er das Seilende in die Luft, nachdem von der Mauer weggetreten war, in dessen Schatten er sich versteckt hatte. Beim ersten Versuch klappte es noch nicht, aber schon der zweite war erfolgreich. Das Seil verklemmte sich irgendwo auf der Brüstung.
Jones zog einmal probeweise daran – es hielt. Geräuschlos kletterte er die Mauer hinauf.

Er zwang sich, nicht nach unten zu sehen, befürchtete er doch, seine Höhenangst könnte ihn übermannen. Geschickt hatte er bald die Brüstung erreicht – und blickte in das eisige Lächeln eines Ilaners, der das Seil in seinen Händen hielt. „Hallo!“, zischte dieser und sah Jones in die Augen. Die Ilaner hatten zwar bessere Augen, als gewöhnliche Menschen und waren auch an Stärke nicht zu übertreffen, aber mit der Flinkheit Jones‘ hatte der Ilaner nicht gerechnet.

Jones hatte sich über die Brüstung geschwungen, und dann eines seiner Messer seinem Gegner mitten ins Herz gestoßen. Verwirrt über seine eigene Dummheit stürzte der Ilaner die Brüstung herunter und landete mit eine sachten Platschen in den Tiefen des Kanals. Jones blickte um sich. Hatte jemand das Platschen gehört? Nichts rührte sich. Gut. Der Mann setzte seinen Weg fort. Das Seil war leider mit in die Tiefen gerissen worden, sodass er jetzt ohne dieses weiterkommen musste. Er schlich über die Mauer, die den gesamten Palastkomplex umzog. Niemand beobachtete ihn, aber auch er konnte niemanden erkennen.

Langsam bückte er sich, als er die Falltür erreicht hatte, die ihm sein Auftraggeber beschrieben hatte. Er griff nach dem metallenen Ring und zog. Wie erwartet öffnete sich die Klappe und Jones kletterte in die dunkle Öffnung hinein. Was ihn dort unten erwartete, wusste er nicht, konnte es sich jedoch denken. Langsam ließ er sich in den Schacht hinab und presste seine Unterschenkel mit hohem Kraftaufwand gegen die kalten Steinmauern. So konnte er problemlos nach dem metallenen Ring greifen und die Fallklappe wieder schließen. Er drückte seine Handflächen, die er vor seinem Unternehmen mit Magnesiumpulver bestrichen hatte, an die raue Steinwand. Mit seinen Füßen tastete er sich weiter nach unten. Langsam lockerte er den Druck, den er auf seine Waden ausübte und hielt sein ganzes Körpergewicht nur noch mit den muskulösen Armen. Mit seinen Füßen hangelte er sich ein Stück hinunter, presste die Waden wieder an die nackte Steinwand und lockerte den Druck auf die Handinnenflächen.

Langsam kletterte er so den senkrechten Tunnel hinab in die Tiefe. Es war ein zeitaufwändiges und ebenso anstrengendes Vorgehen, das Jones veranstaltete. Es dauerte mehr als eine Viertelstunde, bis er an einer weiteren Falltür ankam. Leise ließ er sich auf dem Holz nieder. Er kniete sich hin und beugte sich nach vorn. Sein Ohr an das Holz pressend, lauschte er nach eventuellen Unannehmlichkeiten. Er konnte jedoch nichts hören. Jones stand auf und band mit an der Innenseite des Mantels angebrachten Schnüren den Mantel an seinen Beinen fest, damit er ihn nicht behindern würde, wenn er gleich die Falltür öffnete. Jones kniete sich erneut hin und lauschte an dem Holz, ob sich nun etwas regte.

Nichts.

Jetzt kam der schwierige Teil des Plans. Der Mann erhob sich wieder, bückte sich und presste die Handinnenfläche an die Fallklappe. Er konnte sie unmöglich öffnen, wenn er noch auf ihr draufstehen würde. Er spannte die Armmuskulatur an und stemmte seinen Unterkörper in die Höhe – und machte einen Handstand. Das war für einen so sportlichen Mann kein großes Problem. Schwieriger würde es sein, sich am Mauerwerk festzuklammern, und die Falltür zu öffnen. Er durfte nicht vorzeitig herauspurzeln, da er sich sonst unfreiwillig verraten würde… Er presste die Unterschenkel an die Steinmauer und versuchte, den Druck so gleichmäßig und fest wie möglich zu verteilen. Wie lange er die Pose aushalten würde, wusste er nicht. Er hoffte nur inständig, dass seine Kraft reichen würde. Jones griff in die Manteltasche und holte eine kleine, aber stabile Brechstange hervor. Diese setzte er mit einigen Schwierigkeiten in die Fuge zwischen Mauer und Fallklappe. Dabei zerriss sein Mantel an seinem linken Bein. Jones fluchte. Er hatte bereits Kopfschmerzen vom Über-Kopf-Hängen, trotz dass er eigentlich gut trainiert war.

Als Hebel drückte er mit aller Kraft auf das Eisen. Der Drehpunkt war schlecht gewählt, weshalb Jones die Brechstange unter großer Anstrengung noch weiter in die Fuge trieb. Erneut presste er den Hebel mit aller Kraft herunter – und die Falltür schwang auf. Ein Ilaner hatte den Krach bemerkt, den die Falltür erzeugt hatte, als Jones sie aufgebrochen hatte. Der Ilaner kam langsam näher und wunderte sich, dass die Falltür offen stand, dann sah er in den Schacht hinein – und wurde von einem Messer getroffen, das Jones auf ihn heruntergeschleudert hatte. Tot brach der Ilaner zusammen und blieb liegen. Jones war froh darüber, dass er endlich nicht mehr über Kopf hängen musste. Mit seinen Armen stemmte er sich an den Wand ab und lockerte den Druck um seine Waden, dann presste er sie einige Zentimeter weiter unten wieder an das Mauerwerk.

Den Druck an seinen Handinnenflächen ließ er abebben und diese den Ausgang herausgleiten. Als seine Hände frei schwingen konnten, ließ er den Druck an seinen Beinen geringer werden – und rutschte langsam die Wand hinab. Als seine Füße die Kante der Falltür zur Decke erreicht hatten, presste er sie wieder fest an die Wand. Zu dumm, dass der Ilaner jetzt im Weg lag. Da konnte Jones nicht einfach loslassen, da er sonst in die Leiche hineinfallen würde – und das wollte er nicht. Er hatte schon Glück gehabt, dass ihn kein anderer Ilaner bemerkt hatte. Es war sowieso merkwürdig, warum Jones nur einen angetroffen hatte – und nicht mehr.

Jones schwenkte die Arme hin und her. Erst langsam, dann immer schneller. Gut, dass er seine Kletterschuhe angezogen hatte, die die Reibung, die zwischen der Wand und ihnen entstand, gut vertrugen. Als Jones genug Schwung hatte, ließ er los. Er flog elegant durch die Luft, stieß sich den Kopf an der Decke, als er einen Salto vollführte, und landete auf dem Boden ohne jegliches Geräusch zu machen. Er presste seine Hand an den Kopf. Das würde eine prächtige Beule geben.

Er schüttelte seinen pochenden Schädel. Keine Kopfschmerzen mehr. Auch keine Schäden vom Stoß an der Decke. Das war gut. Er brauchte einen klaren Kopf für das Unternehmen, das er jetzt bewerkstelligen wollte… Jones sah sich um, konnte in der Dunkelheit aber niemanden erkennen. Nur die große kupferne Gondel stach in seine Augen. Die Wände waren poliert worden und auf der Seite hatte Chrom, der berühmte Gondelbauer der Stadt, eine Gravur angebracht. Das war unschwer an der Signatur „Chr“ zu erkennen, die Chrom an jeder seiner Verzierungen im Metall anbrachte.

Sie zeigte eine Kristallkugel, die von einem Zahnrad umspannt wurde. Durchkreuzt wurde das Gebilde, das die Welt darstellen sollte, von einer Tierkralle. Das unverkennbare Zeichen der Kanzlerin.

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