fabula vaporis – Kap. 2

Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, aber wir haben nicht alle den gleichen Horizont.

Konrad Adenauer

Jones pfiff eine fröhliche Melodie. Mit der langen Ruderstange stakte er durch das schmutzige Wasser. Was er eigentlich suchte, wusste er nicht. Nur, dass es wertvoll und im Palast der Macht versteckt war. Sein Auftraggeber hatte ihm nicht verraten, wie es aussah. Jones wusste nur, dass er es erkennen würde, sobald er es sähe. So hatte sein Auftraggeber es ihm versichert.

Das Floß glitt langsam durchs Wasser und verursachte nur ein leises Plätschern, als das aufgewirbelte Wasser an die trüben Kanalwände klatschte. Eine Brücke spannte sich über Jones‘ Kopf hinweg. Einige Menschen schritten darüber; kamen wohl gerade aus den Wirtshäusern und suchten jetzt betrunken nach einem nicht ganz so windigen Fleckchen Stadt, in dem sie nächtigen konnten. Jones schüttelte verständnislos den Kopf. Kurz ließ er die Holzstange los und griff in seine Manteltasche. Die Nacht war kalt.

Die Laterne hing einsam an einer rostigen Eisenkette von der Brücke herab. Aber das hatte der Auftraggeber ihm ja versichert. Jones sprang in die Höhe, als das Floß unter der Brücke von der sachten Strömung des Kanals hindurch getrieben wurde. Er hängte sich an die Kette und riss sie aus ihrer Verankerung. Mörtel bröckelte ab und rieselte dem Mann ins Gesicht. Aber damit konnte er leben.

Kurz darauf landete er sicher wieder auf den Füßen, die Laterne in der Hand. Er entzündete ein Streichholz, das er aus der Manteltasche genommen hatte, und damit die Kerze, die in der Laterne steckte. Sie war ein bisschen feucht, sodass die Flamme zu knistern begann, aber schon nach wenigen Sekunden flackerte sie munter vor sich her.

Der Kanal wurde von gespenstischem Licht erleuchtet. Jones konnte viel besser sehen, als noch vor einiger Zeit. Er hielt die Laterne so, dass der Lichtschein die Holzbalken, aus denen das Floß zusammengezimmert war, beleuchtete, und sah, dass seine Landung nicht ganz so spurlos verlaufen war. Ein wenig Wasser war auf die Balken geschwappt und hatte sie empfindlich glitschig gemacht. Jones musste aufpassen. Nicht, dass ein lautes Platschen ins Wasser seinerseits die Ilaner misstrauisch werden ließ. Im Dienste der Kanzlerin war ihnen alles zu zutrauen, sogar, dass sie einen Unschuldigen ohne Grund ermordeten.

Ja, Jones hielt sich für unschuldig, obwohl er jeden noch so abenteuerlichen und gefährlichen Auftrag annahm – und bei dessen Erfüllung über Leichen ging. Jones stellte die Laterne auf den Boden des Floßes und ergriff die Ruderstange wieder. Dann stakte er vorwärts, um schneller voranzukommen. Ein fester Metalldraht spannte sich über den Kanal. Kleine blaue Funken knisterten ihn entlang. Jones sah gen Nachthimmel, als er die kleinen Lichtblitze aus den Augenwinkeln bemerkte. Schnell beförderte er die Laterne mit einem Tritt ins dunkle Wasser. Dort sah er ihr noch so lange nach, bis das Wasser seinen Weg ins Innere gefunden und das Licht gelöscht hatte. Kurz darauf glitt die kupferne Gondel über ihn hinweg. Was hatte die denn so spät nachts noch hier zu suchen? Jones verfolgte den Weg der Gondel in Gedanken und bemerkte, dass die Strecke geradewegs zu seinem Ziel führte – dem Palast der Macht. Jones musste sich beeilen, bevor die Kanzlerin wieder dort war. Sicher knobelte sie gerade aus, wer als nächstes vom Virus getroffen werden sollte. Aber was kümmerte ihn das? Er konnte sich von seiner Belohnung, die er für diesen Auftrag bekommen würde, ganz sicher immunisieren lassen – und dann würde ihn das Virus verschonen.

Das hoffte er zumindest. Die Belohnung war zwar anständig, aber der Preis des Ansteckungsschutzes den Launen der Kanzlerin ausgesetzt.Er musste aufpassen.

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